An dem Abend, als Nadine Brenner endlich den Schlüssel zu ihrer eigenen Wohnung in Empfang nahm, roch das Treppenhaus in der Elberfelder Straße nach frisch gestrichenen Wänden und kaltem Kaffee vom Bäcker im Erdgeschoss. Draußen bimmelte die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, das Radio beim Nachbarn spielte leise den Wetterbericht für Wuppertal. Sie trug einen Karton mit Geschirrtüchern die Treppe hoch, als ihr Verlobter Julian Frost die Tür schon aufgesperrt hatte und mit zwei Gläsern Sekt auf sie wartete.
Der Tisch war gedeckt. Kerzen, ein kleiner Strauß Ranunkeln in der Mitte, ihre Lieblingsknödel vom Italiener um die Ecke standen noch warm in der Alufolie. Julian schenkte ein.
„Ab heute ziehen wir zusammen ein. Endlich unsere eigene Bude."
Nadine stieß mit ihm an und trank. Zwei Jahre waren sie zusammen, zwei Jahre, in denen sie sich sicher gewesen war, den Richtigen gefunden zu haben. Julian arbeitete als Kfz-Mechaniker in einer Werkstatt in Barmen, verdiente ordentlich, kochte gern, vergaß nie ihren Namenstag. Ihre Kollegin Steffi hatte erst letzte Woche gesagt, sie solle ihn ja nicht loslassen.
Nach dem zweiten Glas stellte Julian sein Sektglas ab und schwieg eine Weile zu lange.
„Ich muss dir noch was sagen."
Nadine grinste. „Sag bloß, du hast Schulden bei der Werkstatt gemacht."
Er versuchte zu lachen, es klang schief. „Nein. Die Wohnung hier – die gehört mir nicht. Sie läuft auf meine Schwester."
Die Gabel blieb ihr auf halbem Weg zum Mund stehen. „Was für eine Schwester? Du hast nie eine Schwester erwähnt."
„Sie lässt uns hier wohnen. Unter einer Bedingung." Er sah auf die Tischplatte. „Sechshundertfünfzig Euro Miete im Monat, an sie."
Der Geruch der Knödel wurde ihr plötzlich zu süß. Draußen fuhr ein Müllwagen vorbei, das Scheppern der Tonnen war das einzige Geräusch im Raum.
„Das ist unter dem Durchschnitt hier in der Gegend", sagte Julian schnell. „Andere Einzimmerwohnungen in Elberfeld kosten locker achthundert kalt. Sie macht das nur, weil wir Familie sind."
„Du hast zwei Jahre nie erwähnt, dass du eine Schwester hast."
„Sie lebt seit Jahren in Köln. Wir sehen uns kaum. Sie mag keine Gäste, deswegen hab ich's nie erzählt."
Nadine legte die Gabel ab, mit einer Ruhe, die sie selbst überraschte. „Ich hol nur kurz was."
Sie stand auf, ging ins Schlafzimmer, wo ihre Umzugskartons noch ungeöffnet an der Wand standen. Aus dem untersten hatte sie schon vor Wochen, rein aus Neugier, weil der Vormieter-Aushang im Hausflur ihr komisch vorkam, eine blaue Mappe mit Kopien vom Grundbuchamt Wuppertal geholt. Sie legte sie vor Julian auf den Tisch, zwischen die Sektgläser.
„Bevor wir über die Miete reden – lies das erst."
Er öffnete die Mappe mit unsicheren Fingern. Kein Mietvertrag, kein Kontoauszug. Grundbuchauszüge mit Amtsstempel, die Teilungserklärung der Eigentümergemeinschaft, eine Liste aller Einheiten im Haus – die ihre war gelb markiert.
„Wo hast du das her?"
Nadine goss sich in aller Ruhe Tee ein. „Lies weiter."
Auf der letzten Seite stand die Eigentumsurkunde. Der eingetragene Name gehörte weder zu Julians Schwester noch zu seinen Eltern.
Julian starrte auf das Papier, als würde es sich gleich in Luft auflösen. „Das kann nicht sein."
„Stimmt", sagte Nadine. „Kann es nicht. Weil die echte Eigentümerin dieser Wohnung –"
Sie kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu bringen. Julians Handy vibrierte auf dem Tisch, das Display zeigte *Mama*.
Er nahm hastig ab. Aus dem Hörer drang die aufgeregte Stimme seiner Mutter, so laut, dass Nadine jedes Wort mithören konnte.
„Wo bist du? Lass sie bloß nicht die anderen Unterlagen sehen! Unser Plan ist aufgeflogen!"
Julian wurde bleich, das Handy fiel ihm fast aus der Hand. Nadine nahm es ihm ab, sah kurz aufs Display, dann steckte sie es ein.
„Es scheint", sagte sie, „als wäre jetzt der Moment gekommen, wo wir alle mal ehrlich miteinander reden."
Sie setzte sich wieder, faltete die Hände über der blauen Mappe und wartete, bis er sie ansah.
„Die Wohnung gehört mir, Julian. Ich hab sie vor vierzehn Monaten gekauft, bar bezahlt, hundertneunzigtausend Euro aus dem Erbe meiner Großmutter. Als vor drei Wochen die Vormieterin auszog und ein Maklerbüro plötzlich mit einem angeblich neuen Eigentümer aufkreuzte, der mich zur Räumung auffordern wollte, bin ich zum Grundbuchamt gegangen. Um sicherzugehen, dass ich nicht verrückt werde."
Sie schob ihm die Kopie mit der Unterschrift seiner Mutter zu – eine gefälschte Vollmacht, mit der versucht worden war, den Verwaltungsbeirat des Hauses zu überzeugen, die Einheit sei Erbmasse der Familie Frost. Der Verwalter hatte die Fälschung erkannt und Nadine informiert, weil ihr Name noch immer im Grundbuch stand.
„Deine Mutter wollte die Wohnung als Familieneigentum ausgeben, bevor die Ehe überhaupt läuft. Damit ich, sobald wir verheiratet sind, hier nur noch Mieterin bin. In meiner eigenen Wohnung."
Julian öffnete den Mund, brachte aber nichts heraus. Draußen hupte ein Auto, irgendwo im Haus lief eine Waschmaschine im Schleudergang.
Nadine stand auf, holte aus der Kommode im Flur einen Umschlag, den sie schon vorbereitet hatte, seit sie die gefälschte Vollmacht in den Händen gehalten hatte. Darin: die Kopie der Kaufurkunde, ein Kündigungsschreiben ihrerseits an die gemeinsame Verlobung, und die Kontaktdaten ihrer Anwältin aus Barmen, die die Fälschung bereits zur Anzeige gebracht hatte.
„Ich geb dir bis morgen früh, neun Uhr, deine Sachen aus dieser Wohnung zu holen. Danach lass ich das Schloss austauschen." Sie legte den Umschlag vor ihn hin. „Und falls deine Mutter noch mal versucht, bei der Hausverwaltung mit dieser Vollmacht aufzutauchen – meine Anwältin hat schon eine Kopie."
Julian griff nicht nach dem Umschlag. Er saß nur da, das Handy seiner Mutter noch immer stumm auf dem Tisch, während draußen die letzte Straßenbahn des Abends vorbeiratterte und irgendwo im Treppenhaus jemand lachte, der von alldem nichts wusste.
Nadine nahm ihr Teeglas, trank in Ruhe den letzten Schluck, und begann, die Kerzen auf dem Tisch auszupusten – eine nach der anderen.
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