Ich arbeite seit einundzwanzig Jahren als Stationsschwester auf der Frühgeborenenstation im Klinikum Nürnberg, und ich habe schon viele Großmütter kommen und gehen sehen. Die meisten halten es zwei, drei Besuche aus, dann wird es ihnen zu schwer, dieses Piepen der Monitore, diese Kinder, die kaum größer sind als eine Handfläche. Frau Renate Bergmann ist anders. Sie kommt seit März jeden Dienstag und Freitag, pünktlich um vierzehn Uhr, mit einer Thermoskanne Zitronentee ohne Zucker, den sie sich selbst mitbringt, weil ihr unser Automatenkaffee zu bitter ist.
Ich hatte gerade Spätdienst, als sie das erste Mal mit dem kleinen Mädchen aus Inkubator sieben auf der Brust saß. Sechshundertfünfzig Gramm hatte das Kind bei der Geburt gewogen, jetzt lag es bei knapp achthundert. Auf der Karteikarte am Inkubator stand nur ein Geburtsdatum und eine Fallnummer, kein Name. Die Mutter kam vielleicht einmal in der Woche, wenn überhaupt – sie hatte noch zwei ältere Kinder zu Hause in Fürth und keinen, der auf sie aufpasste, während sie mit dem Bus zu uns fuhr. Ich urteile darüber nicht, das kann ich mir in diesem Job nicht leisten. Aber ich sehe, wer kommt und wer nicht.
Frau Bergmann kam. Immer. Ich weiß noch, wie sie das erste Mal fragte, ob sie dem Kind einen Namen geben dürfe, nur für sich, nur im Kopf. Ich sagte ihr, das dürfe sie, solange sie es nicht in die Akte schreibe. Sie nannte das Mädchen Klara. Sagte, so hätte ihre Großmutter geheißen, eine Frau, die den Winter 1945 mit drei Kindern allein durchgestanden hatte, ohne einmal zu klagen.
Ich weiß auch, warum Frau Bergmann zu uns kommt, weil sie es mir irgendwann erzählt hat, an einem Freitagabend, als die Straßenbahn draußen schon nicht mehr fuhr und sie auf die letzte Verbindung wartete. Ihr Mann Wolfgang war vor viereinhalb Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben, innerhalb von vier Monaten, das ging so schnell, dass sie kaum Zeit hatte, sich darauf einzustellen. Sie war fünfundzwanzig Jahre lang Buchhalterin bei einer Wohnungsbaugenossenschaft in Nürnberg-Langwasser gewesen, aber das war nie das, was sie ausmachte. Sie war Mutter gewesen, dann Großmutter. Für ihren Sohn Matthias und seine zwei Kinder, Lena und Paul, war sie über Jahre die gewesen, die vom Kindergarten abholte, die Hausaufgaben kontrollierte, die immer einen Streuselkuchen im Rucksack hatte.
Im Januar hatte Matthias ihr gesagt, sie müsse nicht mehr so oft kommen. Ich habe die Szene nicht gesehen, nur die Version danach, wie sie mir davon erzählte, mit dieser Stimme, die versucht, nicht zu zittern. Die Enkel seien vierzehn und siebzehn, hätten ihre eigenen Sachen im Kopf, ständen mit dem Handy in der Hand im Flur und sagten kaum noch guten Tag. Seine Frau Sabrina arbeite jetzt im Homeoffice, drei Tage die Woche, die Kinder bräuchten die Oma nicht mehr so. Das hat er ihr gesagt, an einem gewöhnlichen Dienstag, während in der Küche der Fernseher lief und niemand sie ansah.
Sie ist mir das erste Mal im März aufgefallen, weil sie im Wartebereich vor der Station saß und einen Radiobeitrag über kangaroo care – so nennt man das Hautkontaktverfahren bei Frühchen – auf ihrem alten Nokia abspielte, bis der Akku fast leer war. Sie hatte sich noch am selben Nachmittag bei unserer Ehrenamtskoordinatorin, Frau Yılmaz, gemeldet. Ich habe das Gespräch mitbekommen, weil ich gerade Medikamente auf dem Flur richtete. Frau Yılmaz, eine zierliche Frau mit grauen Strähnen im Haar, die in zwanzig Jahren Klinikarbeit schon vieles gesehen hat, warnte sie: Diese Kinder sind zerbrechlich, manche sterben, manche haben Eltern, die einfach nicht kommen, man muss das seelisch tragen können. Frau Bergmann antwortete, sie habe fünfzehn Jahre lang Enkelkinder getragen und fünf Jahre zuvor ihren Mann ins Badezimmer getragen, als er allein nicht mehr laufen konnte. Sie werde das tragen können.
Ich erinnere mich an ihren ersten Einsatz noch genau, weil ich selbst den Jungen aus Inkubator drei anreichte, keine tausend Gramm schwer, an Kabel und Sonden gebunden wie eine kleine Marionette. Sie legte ihn sich auf die nackte Brust, Haut an Haut, sein Kopf unter ihrem Kinn. Ich sah, wie sein winziger Körper zitterte, und dann, nach etwa sieben Minuten, hörte das Zittern auf. Er schlief. Ich sagte zu ihr, sie habe eine Gabe dafür. Sie schüttelte nur den Kopf und meinte, sie habe bloß warme Hände und viel Zeit, die sonst niemand mehr wolle.
Seitdem kommt sie zweimal die Woche. Wir kennen uns alle beim Vornamen – ich, meine Kolleginnen Petra und Sibel. Wir wissen, dass ihr nach der zweiten Stunde der Rücken wehtut, dass sie es trotzdem nie zugibt, dass sie den Kindern insgeheim Namen gibt, obwohl man ihr gesagt hat, sich nicht zu sehr zu binden. Aber wie soll man sich nicht binden an jemanden, der in eine Hand passt.
Ihr Sohn erfuhr rein zufällig davon, im Mai, als eine Nachbarin ihm auf dem Wochenmarkt erzählte, sie habe seine Mutter im Kittel aus dem Klinikum kommen sehen. Matthias rief sie an, aufgebracht, fragte, warum sie ihm nichts gesagt habe, ob sie ihn vielleicht bestrafen wolle, weil er im Januar diesen einen Satz gesagt hatte. Sie erzählte mir das Telefonat später Wort für Wort, während sie im Schwesternzimmer ihren Tee aus der Thermoskanne trank. Sie hatte ihm geantwortet, es gehe überhaupt nicht um ihn. Es gehe um Kinder, die niemanden hätten, der käme.
Matthias kam trotzdem, zwei Wochen später, an einem Freitag, an dem gerade Sabrina ebenfalls frei hatte und die Kinder mitbrachte, weil er offenbar mit eigenen Augen sehen wollte, was seine Mutter da tat, die er für einsam und ein bisschen verloren gehalten hatte. Ich stand am Empfang der Station, als die vier durch die Glastür kamen, Lena mit dem Handy noch in der Hand, Paul mit Kopfhörern um den Hals. Frau Bergmann saß in diesem Moment im Besucherzimmer mit Klara auf der Brust, die inzwischen achthundertzehn Gramm wog, und blickte nicht auf, weil sie das Kind nicht wecken wollte.
Ich ließ die Familie durch die Sichtscheibe schauen, mehr durfte ich aus Hygienegründen nicht erlauben. Matthias stand da und sah seine Mutter mit einem fremden Kind auf der Haut, mit einer Ruhe im Gesicht, die er, wie er später zu mir sagte, seit dem Tod seines Vaters nicht mehr an ihr gesehen hatte. Paul fragte leise, wessen Baby das sei. Frau Bergmann, die die Bewegung hinter der Scheibe bemerkt hatte, hob den Blick, kurz nur, und formte mit den Lippen lautlos einen Namen: Klara.
Was dann geschah, war kein großer Streit, kein Drama mit erhobenen Stimmen. Matthias bat mich, ihn kurz mit seiner Mutter allein zu lassen, im Besucherraum nebenan, während eine Kollegin das Baby übernahm. Ich hörte nur Fragmente, weil die Tür nicht ganz schloss. Er sagte, es tue ihm leid, dass er im Januar so mit ihr gesprochen habe, dass er nicht gemeint habe, sie brauche niemand mehr, sondern nur, dass die Kinder älter würden. Sie sagte, das sei schon in Ordnung, sie habe verstanden, dass Kinder erwachsen werden, das gehöre sich so. Aber sie habe jetzt woanders eine Aufgabe gefunden, und die gebe sie nicht wieder her, nicht für ihn, nicht für die Enkel, nicht für irgendwen.
Am folgenden Montag kam Frau Bergmann zu mir an den Stützpunkt und legte einen Ordner auf den Tresen, den grauen mit dem Klinikaufdruck, den unsere Verwaltung für die Ehrenamtlichen führt. Darin: ihr unterschriebener Vertrag über die regelmäßige freiwillige Mitarbeit, ihre Hepatitis-Impfnachweise, und ein Blatt, das sie selbst getippt hatte – ein förmliches Schreiben an die Klinikleitung, in dem sie beantragte, ihre Einsatzzeit von zwei auf drei Tage pro Woche zu erhöhen, montags, mittwochs und freitags. Sie hatte außerdem, ganz ohne dass es jemand von ihr verlangt hätte, fünfhundert Euro an unseren Förderverein für Frühgeborene gespendet, aus ihrer eigenen Rente, mit dem Vermerk: für Wolldecken und Wärmelämpchen.
Sie sagte mir, sie habe an diesem Wochenende auch ihre Wohnung aufgeräumt und den Kaffeebecher ihres verstorbenen Mannes, der viereinhalb Jahre lang im Geschirrtrockner gestanden hatte, endlich in einen Karton mit seinen anderen Sachen gepackt und in den Keller getragen. Nicht weggeworfen. Nur nicht mehr auf der Anrichte.
Klara wurde im August aus dem Inkubator genommen und wog dann zweitausendeinhundert Gramm. Ihre Mutter kam an dem Tag, an dem sie entlassen wurde, mit den drei anderen Kindern im Schlepptau, und Frau Bergmann stand etwas abseits am Fenster des Stationsflurs, ließ der jungen Frau den Vortritt, ohne ein Wort dazu zu sagen. Als die Familie ging, drehte sich die Mutter noch einmal um und sagte zu ihr: Danke, dass Sie da waren, wenn ich nicht konnte. Frau Bergmann nickte nur und drehte sich zum Fenster, wo gerade die Straßenbahn Linie sechs Richtung Hauptbahnhof vorbeifuhr.
Sie kommt immer noch dienstags, mittwochs und freitags. Letzte Woche hat sie mir erzählt, Matthias habe sie gefragt, ob sie am Sonntag zum Mittagessen komme, ganz normal, ohne Hintergedanken. Sie hat zugesagt – für den Sonntag um eins, danach müsse sie aber pünktlich um vierzehn Uhr bei uns sein, sagte sie, weil um diese Zeit Inkubator vier einen neuen Bewohner bekomme, ein Mädchen, kaum siebenhundert Gramm, ohne Namen auf der Karte.
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