Die erste Woche fiel es nur mir auf, weil ich jeden Morgen um sieben die Rollos hochziehe und den Bürgersteig kehre. Eine alte Frau, klein, grauer Mantel, die Taschen immer mit beiden Händen vor den Körper gepresst. Sechzig Kilo Rindfleisch. Täglich. Nicht vom Feinen – Muskelfleisch, Sehnen, das Zeug, das sonst in die Wurstmasse wandert. Sie zahlte mit abgezählten Scheinen und klimpernden Münzen, zweimal nachgezählt, als ob die Kasse sie betrügen könnte.
Ich heiße Werner Altmann, ich bin zweiundsechzig, und seit sechsundzwanzig Jahren betreibe ich die Fleischerei in der Bahnhofstraße 14 in Bautzen. Meine Frau sagt, ich hätte einen Blick für Kunden, denen etwas fehlt. Vielleicht stimmt das. Bei Frau Dorothea Weidner war da vom ersten Morgen an etwas, das nicht in die Reihe passte.
Sechzig Kilo.
Ich habe ihr die erste Woche nichts gesagt. Eine alte Frau, die für einen Hundeverein kocht, die Tafel beliefert, wer weiß das schon. Aber sie sah nicht aus wie jemand, der für einen Verein einkauft. Sie sah aus wie jemand, der jeden Augenblick damit rechnet, dass ihm jemand die Taschen entreißt. Der Blick ging immer zur Schaufensterscheibe, zur Bushaltestelle, zum Lieferanten, der gegenüber die Getränkekisten ablud.
Am achten Morgen habe ich die letzte Packung langsamer verschnürt als nötig.
„Frau Weidner“, sagte ich, „sechzig Kilo jeden Tag – für eine Küche ist das eine Menge.“
Sie hat nicht gefragt, was mich das angeht. Sie hat mich nur angesehen mit diesem Gesicht, das alte Leute in Geschäften aufsetzen, wenn sie wollen, dass man sie gehen lässt. Aber ihre Hände haben gezittert. Nicht stark. Nur so, dass man es sehen konnte, weil sie die Plastiktüten fester griff.
„Ich bezahle doch.“
„Danach frage ich nicht.“
Sie hielt den Griff so fest, dass die Haut über den Knöcheln weiß wurde. Einen Moment dachte ich, sie würde die Taschen abstellen und mir alles erzählen. Stattdessen schaute sie an mir vorbei zur Tür, als stehe dort draußen jemand, den sie nicht hereinlassen wollte.
„Bitte“, sagte sie nur. „Nur das Fleisch.“
Am Nachmittag hatte es die halbe Stadt herumgetragen. In Bautzen kennt jeder jeden, und wenn jemand sechzig Kilo Fleisch am Tag kauft, laufen die Gespräche am Marktbrunnen schneller als die Spree. Einer sagte, sie horte es in einer Tiefkühltruhe. Eine andere behauptete, sie füttere einen Mann im Keller. Eine dritte wollte wissen, ob der Geruch in der Bindergasse sich verändert habe.
Dieser letzte Satz blieb bei mir hängen. Die Bindergasse ist eine schmale Straße mit alten Tuchmacherhäusern, von der Stadt schon zweimal für den Denkmalschutz vorgeschlagen. Ich gehe dort manchmal entlang, wenn ich zum Friedhof will, wo meine Eltern liegen. Am Abend zuvor hatte ich den Weg genommen, und da war mir ein Geruch aufgefallen – säuerlich, dumpf, nicht wie normales Kochen. Eher wie ein Stall, der zu lange geschlossen war.
Ich habe schlecht geschlafen.
Am nächsten Morgen kam Frau Weidner wieder. Grauer Mantel. Abgezählte Scheine. Sechzig Kilo. Und als sie diesmal nicht nach links zur Bindergasse abbog, sondern nach rechts zum alten Textilverarbeitungswerk, da wusste ich, dass ich nicht länger so tun konnte, als ginge mich das nichts an.
Ich habe die Polizei angerufen.
Die Beamtin hieß Frau Lorenz, und sie kam mit einem jungen Kollegen, der alles in ein Notizheft schrieb. Sie waren freundlich, aber ich hörte in ihrer Stimme, was sie dachten: ein Fleischer, der eine alte Frau meldet, weil sie zu viel Fleisch kauft. Ich habe ihnen gesagt, wie sie die Taschen hielt, wie sie die Straße absuchte, welchen Weg sie nahm. Der junge Mann machte sich Notizen, ohne aufzusehen.
„Ist das ein Gefühl oder eine Beobachtung?“, fragte Frau Lorenz.
„Beides“, sagte ich.
Sie wählte den Weg, den ich beschrieben hatte. Die Straße führte am stillgelegten Verarbeitungswerk vorbei zu einer Lagerhalle, die seit Jahren leer stehen sollte. Die Fenster waren vernagelt, die Zufahrt mit Unkraut überwachsen. Aber das Vorhängeschloss an der Seitentür war neu. Nicht neu im Sinne von vor einem Jahr – neu im Sinne von nicht verrostet, während alles andere auseinanderfällt.
Der Geruch erreichte sie, bevor das Schloss nachgab.
Frau Lorenz hat mir später gesagt, was sie gesehen haben, und ich habe es mir in der Nacht danach so oft vorgestellt, dass ich meinen konnte, selbst dabei gewesen zu sein. Reihen von Käfigen. Manche aufeinandergestapelt, manche direkt auf dem Betonboden. In fast jedem ein Hund. Mager. Narben, die nicht von Dornensträuchern stammten. Einige lagen so still, dass man erst beim zweiten Hinsehen erkannte, dass sie noch atmeten. Der Boden voller Kot und altem Blut, das schon lange getrocknet, aber nie weggewischt worden war.
Und in einer Ecke, die der Geruch am stärksten machte, ein verbeulter Topf und ein Stock, mit dem jemand Fleisch durch die Gitterstäbe geschoben hatte.
Frau Weidner kam, als sie die Streifenwagen sah. Sie musste sie von der Straße aus bemerkt haben. Sie ging nicht schneller, sie rannte nicht – sie fiel einfach. Die Knie gaben nach, die Taschen platzten auf, das Fleisch klatschte auf den Schotter. Sie hat nicht versucht, es aufzusammeln. Sie hat sich das Gesicht gehalten und geweint, wie man weint, wenn man ein ganzes Jahr lang nicht geweint hat und es jetzt nicht mehr zurückhalten kann.
Frau Lorenz half ihr auf eine Getränkekiste. Der junge Kollege holte Wasser aus dem Wagen. Aber sie hat nicht getrunken. Sie hat die ganze Zeit nur zur offenen Tür gestarrt, wo die Käfige standen, und dann hat sie es erzählt.
Monate vorher – sie wusste nicht mehr genau, ob September oder Oktober – war sie am Steinbruch spazieren gegangen. Der Weg gehört zu den drei Dingen, die sie sich erlaubt, seit ihr Mann tot ist: der Friedhof am Sonntag, frische Blumen im Frühjahr, der Weg am Steinbruch, wenn das Haus zu still wird. An diesem Tag hörte sie Hunde. Kein Bellen, das man von Höfen kennt, sondern ein dünnes, hohes Jaulen und dazwischen Männerstimmen.
Sie ging weiter, weiter als gut war. Hinter den Büschen sah sie den Ring. Festgetretener Boden. Laternen auf Stangen. Und Hunde, die aufeinandergehetzt wurden, während Männer aus der Stadt darum herumstanden. Einer davon kauft bei mir Brühwurst. Das hat sie mir nie ins Gesicht gesagt, aber ich wusste es, als die Polizei später die Namen nannte. Ich hatte ihm jahrelang die Mortadella in Scheiben geschnitten.
Frau Weidner wollte zur Polizei gehen. Das hat sie Frau Lorenz erzählt, und ich glaube ihr. Aber am nächsten Morgen kam die Angst zurück, und die war größer als der Mut. Sie sah den Mann aus dem Wald am Zigarettenautomaten stehen. Sie hörte, wie er lachte. Sie stellte sich vor, wie er vor ihrem Haus stand, wie er wusste, dass sie ihn gesehen hatte. Also ging sie nicht zur Polizei. Sie ging zum Bahnhof und kaufte das erste Mal sechzig Kilo.
Zweimal die Woche hatte sie noch etwas gespart, das sie Emil nennt – nein, nicht Emil. Sie nannte das Geld nicht so. Sie hatte es für den Fall beiseitegelegt, dass die Heizung kaputtgeht. Im letzten Winter ging die Heizung nicht kaputt. Also kaufte sie Fleisch.
Jeden Morgen. Siebzig, fünfundsiebzig Euro. Ihre Rente geht am Fünfundzwanzigsten ein, und am Dritten reicht es gerade noch für Brot und Kerzen. Aber das sagte sie niemandem. Sie sagte nur, dass es das Einzige war, was sie konnte. Sie konnte die Hunde nicht tragen, konnte nicht zu einem Tierarzt gehen, ohne Fragen zu beantworten. Aber sie konnte kochen. Also kochte sie, in einem verbeulten Topf, hinter einer verriegelten Tür, mit einem Stock, damit die hungrigsten Tiere ihr nicht die Hände abrissen.
Sie sagte, die Männer hätten die Hunde zwischen den Kampfabenden in die Lagerhalle gesperrt. Die verletzten Tiere, die nicht mehr kämpfen konnten, blieben einfach dort. Als hätten sie aufgehört, etwas zu sein.
„Ich weiß, dass ich hätte anrufen sollen“, sagte sie zu Frau Lorenz. „Aber ich hatte Angst, dass die Hunde eingeschläfert werden. Und dass die Männer mich finden. Und dass mir niemand glaubt, weil ich nur eine alte Frau bin, die zu viel Fleisch kauft.“
Frau Lorenz hat mir das später so wiedergegeben, Wort für Wort. Sie sagte, sie hätte es in zwölf Dienstjahren nicht oft erlebt, dass ein Geständnis so klang, als wäre es eigentlich eine Erklärung dafür, warum man ein Jahr lang den Verstand nicht verloren hat.
Die Stadt hat die Wahrheit so erfahren, wie Städte Wahrheiten eben erfahren: erst durch Gerüchte, die falsch waren, dann durch die Zeitung, die plötzlich ganz genau wusste, was passiert war. Leute, die noch am Vortag über die verrückte Alte mit dem Fleisch getuschelt hatten, standen jetzt mit Decken und Wassernäpfen vor der Lagerhalle. Der Tierschutzverein aus Kamenz schickte einen Transporter. Eine Tierärztin arbeitete, bis sie nicht mehr stehen konnte.
Drei Hunde haben es nicht geschafft. Siebzehn schon, obwohl man es ihren Rippen nicht zugetraut hätte.
Frau Lorenz hat die Arbeit gemacht, die übrig blieb. Den Mann vom Zigarettenautomaten kannten drei andere sofort, als erst einer den Namen aussprach. Die Lichtung am Steinbruch wurde durchsucht. Das neue Schloss an der Seitentür führte zu einem Schlüsseldienst in Dresden, und der führte zu einer Adresse in der Innenstadt, und die Adresse führte zu vier Männern, die bis dahin nicht gewusst hatten, dass man in Bautzen ein schlechtes Gewissen dazu bringen kann, sehr genau hinzusehen.
Frau Weidner ist kein Denkmal geworden. Ich weiß nicht, was sie mit so viel Aufmerksamkeit angefangen hätte. Am Abend, als der letzte Transporter wegfuhr, saß sie auf der Bank vor ihrem Haus in der Bindergasse, und ich habe ihr einen Topf Bohnensuppe gebracht, den meine Frau gekocht hatte. Ich stand da wie jemand, der die Polizei gerufen hat – was ich ja auch war – und dabei die einzige Person in der ganzen Geschichte gemeldet hatte, die versucht hatte, etwas am Leben zu halten.
„Das tut mir leid“, sagte ich.
Sie schaute auf den Topf. Dann auf mich. Dann auf die Straße, in der vier Tage lang sechzig Kilo Fleisch für den Stoff von Leichengeschichten gesorgt hatten.
„Sie haben eine alte Frau gesehen, die zu viel Fleisch trug“, sagte sie. „Mehr war nicht zu sehen. Der Rest passierte hinter einer Tür, wo niemand hinschauen wollte. Ich kann Ihnen nicht übelnehmen, dass Sie die Tür nicht von allein geöffnet haben.“
Das war keine Vergebung, wie man sie im Kino spielt. Das war die Stimme einer Frau, die seit elf Jahren allein in einem Haus lebt und gelernt hat, mit genau den Sätzen zu sprechen, die sie meint.
In den Wochen danach roch die Bindergasse wieder nach Seife und Regen und dem Wein, der an der Hauswand wächst. Die Lagerhalle hat die Stadt abgeriegelt, diesmal mit einem Schloss, das man nicht mehr mit einem Bolzenschneider öffnet. Zwei Hunde, die der Tierschutz nicht sofort vermitteln konnte, leben jetzt in einem Zwinger hinter Frau Weidners Haus. Den hat der Nachbarsjunge gebaut, der im Sommer zwischen Abitur und Studium drei Wochen auf dem Bau arbeitet.
Sie hat die Hunde nicht nach ihrem Mann genannt. Der eine heißt Fleck, wegen der Narbe über dem linken Auge. Der andere heißt Mädchen, bis das Mädchen entscheidet, dass das reicht.
Frau Weidner kauft wieder kleine Portionen. Donnerstags etwas Suppenfleisch. Einmal im Monat einen Markknochen, wenn der Preis es zulässt. Genug für einen Topf, der für eine Person reicht und an guten Tagen für zwei Hunde, die fressen, ohne sich vor dem Stock zu ducken.
Sie sucht die Straße nicht mehr ab, als könnte sie sie verschlucken. Aber sie geht immer noch vorsichtig. Bei einer Frau von vierundsiebzig sieht Mut nicht aus wie eine Rede. Manchmal sieht er aus wie eine alte Frau, die ihre letzten zwei Scheine auf den Ladentisch legt und sagt: „Nur das Fleisch, bitte.“
Und manchmal, wenn das Geschrei vorbei ist, sieht er aus wie eine offene Küchentür, durch die der Wind geht, und ein Napf auf dem Boden, der nicht mehr versteckt werden muss.
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