Ich ließ die Wohnungstür offen, als ich auf dem Treppenabsatz stehen blieb. Durch den Spalt drang das Schaben von Besteck auf Porzellan. Kein Gespräch, kein Fernseher. Nur dieses Geräusch, das ich seit meiner Kindheit kannte: der Löffel meiner Mutter, wenn sie aß, ohne zu schmecken.
Ich war am Donnerstagabend zurückgekommen, drei Tage früher als geplant. Die Montage in Braunschweig war schneller durch gewesen. Also fuhr ich die A7 herunter, parkte den Transporter vor unserem Haus im Groner Viertel und stieg die Treppe hoch. Im Treppenhaus roch es nach Bohnerwachs, wie immer, wenn die Hausverwaltung die Putzfirma durchgewunken hatte. Vor der Tür blieb ich stehen, weil mich dieses Kratzen irritierte.
Ich drückte die Klinke. Die Küche lag am Ende des Flurs. Gelbes Licht fiel auf den Boden. Ich schob die Tür einen Spalt weiter.
Meine Mutter saß am kleinen Tisch in der Ecke, mit dem Rücken zum Fenster. Vor ihr ein tiefes weißes Schälchen. Kalter Reis, das sah ich sofort. Kein Dampf, keine Soße, nur ein brauner Klecks Tomatenketchup, der schon angetrocknet war. Dazu ein Glas Leitungswasser.
Auf dem Fensterbrett stand ein Topf mit Schnittlauch. Meine Mutter hatte ihn am Morgen gegossen; die Erde war noch feucht.
Ihr gegenüber saß Nina. Vor ihr ein Teller mit dampfendem Schweinebraten, Kartoffelklößen und Rotkohl. Sie hatte das Telefon in der linken Hand, den Daumen am Display. Mit der Rechten führte sie die Gabel zum Mund, ohne aufzuschauen.
Ich stand da und rührte mich nicht. Der Kragen meiner Jacke war noch feucht vom Nieselregen.
Meine Mutter hob den Kopf, als hätte sie mich gespürt. Sie sah mich an, dann schüttelte sie den Kopf, kaum sichtbar, als wollte sie sagen: Geh, misch dich nicht ein. Ihr Löffel blieb in der Luft stehen. Dann senkte sie die Augen wieder auf den Reis.
Nina merkte nichts. Sie wischte über das Handy und schob sich ein Stück Braten in den Mund.
In dem Moment wusste ich, dass ich die Frau, mit der ich seit sieben Jahren verheiratet war, nicht mehr in meinem Haus haben wollte. Nicht wegen des Essens. Wegen der Selbstverständlichkeit, mit der sie den Unterschied behandelte: heiße Mahlzeiten für sich, kalte Reste für die Frau, die mich großgezogen hatte.
Ich zog die Tür zu und ging ins Arbeitszimmer.
Ich klappte den Laptop auf, gab die PIN ein und rief das Online-Banking auf. Die Ausgaben für Lieferdienste und Restaurants waren in den letzten Monaten auf über neunhundert Euro gestiegen — pro Monat, nicht insgesamt. Die Ausgaben im Supermarkt dagegen waren geschrumpft, von früher vierhundert Euro auf knapp einhundertachtzig. Als hätte jemand präzise kalkuliert: für sich selbst das Beste, für den Rest der Familie das Billigste.
Ich saß da, die Hände flach auf der Tischplatte. Die Ziffern verschwammen vor meinen Augen.
Später ging ich ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa lagen eine Wolldecke und ein Kissen, ordentlich zusammengefaltet, als hätte sie nie jemand benutzt. Aber ich kannte die Angewohnheit meiner Mutter, alles vor dem Schlafengehen zu richten. Seit wann schlief sie hier? Das Gästezimmer — ihr altes Zimmer — hatte Nina vor einem Jahr zur Ankleide umfunktioniert, mit Regalen und einem Ganzkörperspiegel. Ich hatte es nie hinterfragt. Jetzt sah ich: Meine Mutter schlief auf dem Sofa, weil es für sie kein Zimmer mehr gab.
Ich setzte mich auf den Sessel gegenüber. Mein Telefon lag in der Hand, aber ich entsperrte es nicht. Ich dachte an die vielen Male, wenn Nina gesagt hatte: «Deine Mutter isst kaum etwas.» Ich hatte es abgetan. Ich hatte es nie überprüft.
Dann stand ich auf, machte das Licht aus und ging ins Schlafzimmer. Nina war schon unter der Decke, das Handy leuchtete in ihrem Gesicht. Ich legte mich nicht zu ihr. Ich nahm meine Jacke und ging zurück in die Küche.
Dort saß ich, bis der Wecker sie um sieben aus dem Schlaf riss. Um kurz nach halb acht hörte ich sie im Bad. Dann kam sie in die Küche, im Bademantel, mit der Trinkflasche in der Hand.
«Du bist ja schon da. Ich dachte, du kommst erst Sonntag.»
Ich antwortete nicht. Auf dem Tisch lag mein Handy, das Display zeigte die Überweisungsbestätigung. Ich drehte es zu ihr.
«Was ist das?» Sie stellte die Flasche ab.
«Ich habe deine Karte deaktiviert. Auf dein privates Konto sind sechzehntausendachthundert Euro überwiesen. Das ist die Hälfte von dem, was wir gemeinsam angespart haben.»
Sie lachte auf. «Du spinnst wohl.»
«Nein. Aber es reicht. Deine Sachen packst du. Ich habe dir einen Karton in den Flur gestellt.»
«Du wirfst mich raus? Wegen ein bisschen Reis?»
«Meine Mutter isst kalten Reis mit angetrocknetem Ketchup, während du Braten mit Klößen isst. Und das nicht zum ersten Mal. Ich habe die Buchungen gesehen.»
Sie griff nach ihrem Telefon. «Du kannst mich nicht einfach so rauswerfen, das ist auch meine Wohnung.»
«Der Mietvertrag läuft auf mich. Die Kaution habe ich bezahlt. Dein Anteil ist überwiesen. Ich habe für Freitag einen Termin beim Anwalt.»
«Sie hätte sich selbst etwas Warmes machen können. Keiner hat ihr das verboten. Wenn sie kalten Reis isst, ist das nicht mein Problem.»
«Doch, genau das ist dein Problem. Du hast es so eingerichtet, dass sie nichts anderes mehr bekommt.»
«Ach, jetzt bin ich schuld? Die alte Frau könnte auch mal was sagen.»
«Sie sagt nichts, weil sie dir den Frieden nicht nehmen will. Und genau deshalb gehst du jetzt.»
Sie knallte die Trinkflasche auf den Tisch. Ihr Gesicht war rot. Sie ging ins Schlafzimmer, zog Schubladen auf, warf Kleider in eine Reisetasche. Ich blieb in der Küche sitzen. Nach zwanzig Minuten stand sie im Flur, die Tasche über der Schulter.
«Du willst wirklich deine Ehe wegwerfen für die alte Frau?»
Ich stand auf, nahm die Schlüssel vom Haken neben der Tür. Ich zog den Wohnungsschlüssel und den Autoschlüssel vom Ring und legte den Rest auf die Kommode.
«Die Schlüssel lasse ich ändern.»
Sie sah mich an, als hätte ich ihr gerade eine Ohrfeige gegeben. Dann griff sie nach den restlichen Schlüsseln und schleuderte sie gegen die Wand im Flur. Der Schlüsselbund rutschte über den Boden und blieb neben der Fußleiste liegen. Sie zog die Wohnungstür auf und knallte sie zu.
Der Knall hallte durch das Treppenhaus. Ich hob den Schlüsselbund auf, legte ihn zur Seite und rief den Schlüsseldienst an. Der Mann war in vierzig Minuten da. Während er den Zylinder wechselte, saß meine Mutter am Küchentisch und schälte Kartoffeln.
«Ich wollte nicht, dass du dich scheiden lässt», sagte sie, ohne aufzusehen. «Sie hat dir ein Zuhause gegeben.»
«Mama, du hast mir ein Zuhause gegeben. Das hier war nie ihres.»
Der Mann griff nach dem neuen Schlüssel und drückte ihn mir in die Hand. Ich bezahlte bar, vierundachtzig Euro. Dann ging ich zu meiner Mutter, legte den Schlüssel vor sie auf den Tisch.
«Das ist jetzt dein Schlüssel. Nicht nur für das Haus. Für alles, was darin ist.»
Sie nahm den Schlüssel, schloss die Finger darum. Dann steckte sie ihn in die Tasche ihrer Kittelschürze.
Ich zog den Topf mit dem Braten vom Vortag aus dem Kühlschrank, stellte die Pfanne auf den Herd und machte Gas an. Das Fleisch brutzelte, die Klöße legte ich in die Mikrowelle. Nach fünf Minuten stellte ich zwei Teller auf den Tisch: einer für sie, einer für mich.
«So. Jetzt essen wir beide warm.»
Sie setzte sich. Ich setzte mich ihr gegenüber. Draußen fuhr die Linie 41 vorbei und riss das Licht der Straßenlaterne mit sich.
![]()
