Das Klopfen im Regen

Der Regen prasselte so laut auf die Kopfsteinpflaster der schmalen Gasse, dass ich mein eigenes Keuchen kaum hörte. Ich war zehn Jahre alt, bis auf die Knochen durchnässt, und in meiner Faust zerknüllte sich ein zerknitterter Zettel mit einer Adresse in einer Stadt, die ich nicht kannte. Meine Mutter hatte mir den Zettel vor drei Tagen in die Hand gedrückt, mit einem Blick, den ich nie vergessen werde. „Wenn du jemals alleine losmusst, geh in die Neugasse 7 und zeig ihnen den Anhänger. Frag nicht warum. Geh einfach.“ Jetzt war es soweit. Sie war nicht mehr da, und die Nachbarin, bei der sie mich gelassen hatte, hatte mir ein Zugticket gekauft und gesagt: „Viel Glück, Jonas.“

Vor mir erhob sich ein altes Herrenhaus mit blinden Fenstern und einer schweren Eichentür, über der eine einzelne Laterne flackerte. Ich fröstelte, atmete tief ein und drückte den Klingelknopf. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal hörte ich von drinnen schlurfende Schritte. Die Tür öffnete sich einen Spalt, und ein schmales Gesicht mit silbergrauen Haaren musterte mich von oben bis unten.

„Wer bist du denn?“ Die Stimme klang weder unfreundlich noch warm, nur … vorsichtig.

„Ich bin Jonas. Meine Mutter hat gesagt, wenn sie selbst nicht kommen kann, soll ich hierher“, stieß ich hervor, während mir Regenwasser über die Stirn in die Augen lief.

Der Mann zögerte keine zwei Sekunden. Er trat beiseite und machte eine knappe Handbewegung. Herein.

Das Innere war eine Oase der Stille. Der Geruch von altem Holz, Wachs und einem leisen Hauch von Lavendel hüllte mich ein. Ein Kaminfeuer knisterte im Wohnzimmer, überall standen Rahmen mit verblichenen Fotografien – eine junge, lachende Frau mit einem Pferd, ein Kind im Wintermantel, eine Familie am See. Ich blieb auf dem Läufer stehen, das Wasser tropfte auf die Dielen.

Der Mann starrte mich noch immer an, als würde er auf eine Auflösung warten. Dann rutschte sein Blick tiefer, zu meinem Hals. Meine Hand schoss unwillkürlich zu dem silbernen Anhänger, der dort an einem dünnen Kettchen baumelte. Es war ein Herz mit einer winzigen eingravierten Rose – mehr wert als alles, was ich besaß.

Seine Hand zuckte vor. Die Finger zitterten, als sie den Anhänger fast berührten, es aber nicht wagten. „Wo kommt der her?“, flüsterte er. Seine Stimme war jetzt brüchig, wie Herbstlaub.

„Von meiner Mutter. Sie hat ihn mir umgehängt, kurz bevor sie …“, ich suchte nach dem richtigen Wort, „… nicht mehr mitkommen konnte.“

Er ließ sich langsam auf einen Stuhl sinken, als hätte ihm jemand die Kniekehle durchgeschnitten. Seine Hand fuhr sich über den Mund, dann beugte er sich zu einer Kommode und zog mit einem kleinen Schlüssel eine Schublade auf. Darin lag nur ein einziges Foto, so blass, dass die Farben längst zu Sepiaschatten verblüht waren. Er hielt es neben meinen Anhänger. Auf dem Bild war eine junge Frau mit genau diesem Herzen um den Hals, das gleiche kleine Funkeln, nur dass sie lachte und ich fror.

„Kennen Sie meine Mutter?“, fragte ich leise, während der Regen gegen die Fenster hämmerte.

Der Mann hob den Kopf. Seine Augen waren feucht, und er murmelte: „Nach all den Jahren …“

In diesem Moment zerriss ein Geräusch die Stille. Ein dumpfer Schlag von oben, als wäre etwas Schweres auf den Boden gekippt und dann weggerollt. Der Mann erstarrte. Sein Blick flog zur Decke. Ich sah die Angst in seinen Zügen, und ehe er „Warte hier“ sagen konnte, war ich schon hinter ihm, die knarzende Treppe hinauf.

Die Stufen ächzten unter unseren Sohlen. Oben führte ein dunkler Flur zu einer Tür, die einen Spaltbreit offen stand. Der Mann trat als Erster hindurch, ich drängte mich hinter ihm in den Raum.

Es war ein Schlafzimmer, vollgestopft mit Büchern und alten Spitzendecken. Auf dem Boden lag eine umgestürzte Spieluhr, aus der noch ein paar leise Töne zitterten. Aber das war nicht, was unseren Atem stocken ließ. Auf dem Bett, in eine Wolldecke gehüllt und so bleich wie das Laken, saß eine Frau. Ihre Wangen waren eingefallen, die Haare kurz und stumpf, aber ihre Augen – diese großen, haselnussbraunen Augen – erkannte ich sofort.

„Mama?“

Meine Stimme war nicht mehr als ein Hauch. Die Frau streckte zitternd eine Hand aus, und ich rannte los, warf mich an ihre Seite, während ihre Arme mich umschlangen und ihr Herzschlag hektisch gegen meine Brust trommelte. Sie roch nach Kampfer und dieser einen Seife, die ich seit Wochen nicht mehr gerochen hatte.

Der alte Mann stand wie versteinert in der Tür. „Katharina“, presste er hervor. „Du … lebst? Warum hast du mir das angetan? Achtzehn Jahre kein Wort, und jetzt versteckst du dich in meinem eigenen Haus?“

Meine Mutter schluchzte auf. „Papa, es tut mir leid. Ich wollte nicht … aber er hätte Jonas weggenommen. Ich musste untertauchen. Ich dachte, du bist wie immer in der Wintersaison in Basel, ich wollte nur ein paar Tage bleiben und dann …“ Sie hustete, ein trockener, bellender Laut, der ihren ganzen Körper schüttelte.

Ich hielt sie fester. Sie war so dünn.

„Warum hast du Jonas geschickt? Warum hast du ihn nicht zu mir gebracht, als du noch …?“, die Stimme meines Großvaters – denn das war er, das wusste ich jetzt – brach.

„Weil ich nicht wusste, ob du mich noch sehen willst. Aber ich wollte, dass er einen sicheren Ort hat. Falls ich … falls der Husten schlimmer wird.“ Sie drückte mein Gesicht an ihre Schulter. „Jonas, das ist dein Opa Albrecht. Er wird für dich da sein, versprochen?“

Ich nickte nur, Worte blieben mir im Hals stecken. Albrecht trat endlich ins Zimmer, seine Schritte langsam und schwer. Er setzte sich auf die andere Seite des Bettes und nahm die Hand seiner Tochter. Seine Lippen bebten, und nach einer Ewigkeit, in der nur der Regen und die abklingende Spieluhr zu hören waren, flüsterte er: „Für euch beide. Wir machen das zusammen, Kaddis. Kein Verschwinden mehr.“

Später, viel später, nachdem ein Arzt mit einer schwarzen Tasche dagewesen war und meine Mutter eine Infusion bekommen hatte, saßen wir alle drei im Wohnzimmer. Das Feuer warf tanzende Schatten an die Wände. Draußen hatte der Regen endlich nachgelassen, und durch die beschlagenen Scheiben drang ein goldroter Streifen Abendlicht. Der silberne Anhänger an meinem Hals lag auf der Decke, und Opa Albrecht erzählte mir mit belegter Stimme, wie meine Mutter als kleines Mädchen dasselbe Herz getragen hatte, an einem warmen Sommerabend vor vielen Jahren – einem Abend voller Vogelgezwitscher und dem Duft von frischem Flieder, genau hier in diesem Haus.

Ich lehnte den Kopf an Mamas intakte Schulter und hörte einfach zu. Zum ersten Mal seit Wochen war mir nicht kalt.

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