Der Ledersessel in der Küferstraße

„Ich will niemandem zur Last fallen." Opa Hermann sagte es leise, die Hände auf den Armlehnen seines alten Ledersessels, dort in der Küferstraße in Freiburg, wo der Herd immer nach Kümmel roch, weil Oma früher jeden Sonntag Sauerkraut gemacht hatte. Keiner antwortete. Meine Tanten und mein Onkel saßen um den Wohnzimmertisch, auf dem noch die Kaffeetassen von der Beerdigung meiner Großmutter standen, drei Wochen war das erst her, und keiner rührte sie an.

Ich heiße Jonas Brenner, ich bin vierundzwanzig, und ich war der Einzige im Raum, der nichts zu verlieren hatte außer Zeit.

Tante Renate, die Steuerberaterin aus Stuttgart, brach das Schweigen zuerst. „Papa, es tut mir leid. Ich hab gerade den Jahresabschluss für drei Mandanten laufen, das kann ich jetzt echt nicht liegen lassen." Draußen fuhr die Straßenbahn Linie 1 vorbei, man hörte das Quietschen bis ins Zimmer, und irgendwo im Treppenhaus bellte der Dackel der Nachbarin, wie jeden Nachmittag um vier.

Mein Onkel Klaus, der Notar mit der Kanzlei am Augustinerplatz, räusperte sich. „Ich würd's ja machen, Papa, ehrlich. Aber die Kinder sind noch klein, und die Kanzlei läuft nicht von allein." Er sah dabei auf sein Handy, nicht auf seinen Vater.

Die Letzte war Tante Birgit, Grundschullehrerin in Emmendingen. „Ich kann meine Klasse nicht einfach im Stich lassen. Die Kinder brauchen mich." Sie sagte es fast entschuldigend, aber sie sagte es.

Opa senkte den Kopf. Er stritt nicht, er bettelte nicht. Er nahm nur seine Kaffeetasse, die längst kalt war, und trank trotzdem einen Schluck, als müsse er die Hände beschäftigen.

Ich setzte mich neben ihn auf die Sessellehne. „Opa. Ich bin da." Mehr hab ich nicht gesagt. Ich hatte kein Geld für seine Blutdrucktabletten, keinen Doktortitel, keinen Kanzleiraum. Ich hatte nur meine Zeit, und die gab ich ihm, jeden Tag.

Von da an holte ich seine Rezepte in der Apotheke am Siegesdenkmal – die Ramipril-Packung kostete ihn nur die Zuzahlung, fünf Euro, aber er zählte das Kleingeld trotzdem jedes Mal einzeln ab –, kochte ihm Kartoffelsuppe, weil er die immer gemocht hatte, und blieb abends, wenn die Fernsehnachrichten liefen und er einschlief, bevor der Wetterbericht kam. Seine Hände zitterten, als er einmal meine Finger drückte. „Junge, danke. Deine Zeit ist mehr wert als alles."

Die Monate wurden zu zwei Jahren. Nächte, in denen ich ihn ins Bad stützte, sein Gewicht auf meiner Schulter, seine nackten Füße auf den kalten Fliesen. Anrufe bei Tante Renate, die nie zurückrief. Nachrichten an Onkel Klaus, unbeantwortet, tagelang, bis das Häkchen bei WhatsApp irgendwann gar nicht mehr blau wurde. Mein eigener Vater, der dritte Bruder, meldete sich nur an Weihnachten, mit einer Flasche Wein und einer Ausrede, die schon vorbereitet klang.

Eines Abends, als der Fernseher lief und draußen der Novemberregen gegen die Scheibe schlug, drehte Opa den Kopf zu mir. „Ich schlaf gut, weißt du. Trotz allem." Er sagte es, als würde er über das Wetter reden, und schlief noch während der Werbung ein, den Mund halb offen, die Fernbedienung auf dem Bauch.

Als er im März starb, kamen sie alle. Dunkle Anzüge aus der Reinigung, Kränze mit weißen Rosen für neunzig Euro vom Blumenladen am Siegesdenkmal. Tante Renate stand am Grab und drehte ein Taschentuch so lange zwischen den Fingern, bis es sich in Fetzen löste, die Ringe klickten dabei gegen ihren Ehering. Onkel Klaus hielt eine Rede über „ein erfülltes Leben" und las sie vom Handy ab, scrollte mit dem Daumen, während er sprach, weil er den Text offenbar erst im Auto auf dem Weg zum Friedhof geschrieben hatte.

Ich stand daneben, die Hände in den Manteltaschen, und sagte nichts.

Drei Wochen nach der Beerdigung saß ich mit dem Notar in Emmendingen im Besprechungszimmer. Nicht Onkel Klaus – ein fremder Notar, den Opa selbst aufgesucht hatte, im Sommer davor, ohne dass ich es wusste. Auf dem Tisch lag ein grauer Aktenordner mit Opas Handschrift auf dem Rücken: „Für Jonas." Darin: das Testament, in dem er mir das Haus in der Küferstraße vermachte, dreihundertzwanzigtausend Euro Verkehrswert, und eine handschriftliche Zeile, die der Notar mir laut vorlas: „Weil er geblieben ist, als die anderen gegangen sind."

Meine Tanten fochten das Testament an. Sechs Monate zog sich der Streit, mit Anwälten und Formularen und Terminen beim Amtsgericht Freiburg. Ich gewann, weil Opa bei klarem Verstand gewesen war, weil er es notariell beglaubigt hatte, weil zwei Zeugen unterschrieben hatten – die Nachbarin mit dem Dackel und der Hausarzt.

An dem Tag, als das Urteil kam, fuhr ich noch einmal in die Küferstraße. Der Sessel stand noch da, in dem er gesessen hatte, als er sagte, er wolle niemandem zur Last fallen. Ich rief den Bausparkassenberater an und kündigte den alten Vertrag, den Opa nie hatte auflösen können, weil ihm niemand geholfen hatte, zur Bank zu fahren. Dann rief ich Tante Renate an, zum ersten Mal seit der Beerdigung.

„Das Haus gehört jetzt mir", sagte ich. „Rechtskräftig. Wenn du reinwillst, ruf vorher an."

Sie schwieg lange. Dann legte sie auf.

Ich stand da, das Telefon noch in der Hand, bis der Bildschirm von selbst dunkel wurde. Draußen fuhr wieder die Straßenbahn vorbei, das Quietschen an der gleichen Stelle wie immer. Der Dackel bellte nicht mehr – die Nachbarin hatte ihn zur Tochter gegeben, weil sie selbst zu alt geworden war, um noch die Treppen zu schaffen. In der Küche roch es nach Kümmel, obwohl seit Monaten kein Sauerkraut mehr gekocht worden war, vielleicht saß der Geruch einfach in den Wänden. Ich setzte mich in den Ledersessel, legte den Aktenordner auf die Knie, und blieb eine Weile so sitzen, bis draußen die Straßenlaternen angingen.

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