Werkstatt in der Müllerstraße, dreihunderttausend Euro wert

Ela Wróblewski weinte nicht bei der Beerdigung ihres Vaters. Sie stand am Grab in einem zu großen Mantel, den sie sich von der Nachbarin geliehen hatte, weil ihr eigener noch in Wuppertal hing, und rechnete im Kopf durch, wie viele Urlaubstage ihr im Baustoffgroßhandel noch blieben, wo sie als Buchhalterin arbeitete. Vier. Sie hatte vier Tage, um ihren Vater zu beerdigen und sich damit abzufinden, dass die Autowerkstatt in der Müllerstraße in Berlin-Wedding, die er dreißig Jahre lang aufgebaut hatte, auf ihren Halbbruder Jakob überschrieben war.

Jakob war damals sechsundzwanzig und hatte in den letzten fünf Jahren keine zehn Sätze mit dem Vater gewechselt. Er kam zur Beerdigung in einem Anzug, den er sich von der Hochzeit eines Kumpels geliehen hatte, zwanzig Minuten zu spät, weil er keinen Parkplatz gefunden hatte. Er stellte sich mit den Händen in den Taschen an den Rand und betrachtete den Sarg, als warte er darauf, dass ihm jemand sagt, was er jetzt zu fühlen habe.

Beim Notar am Leopoldplatz erfuhren sie, dass die Werkstatt samt Grundstück und gesamter Ausstattung dreihunderttausend Euro wert war. Alles. Für Jakob. Ela hatte der Vater im Testament mit einem einzigen Satz bedacht: Meiner Tochter Ela wünsche ich für ihr weiteres Leben alles Gute.

„Das muss ein Irrtum sein", sagte sie damals zur Notarin, Frau Bettina Sommer, einer Frau Ende sechzig mit der Brille auf der Nasenspitze. „Ich habe dort als Teenager gearbeitet. Ich habe Felgen gewaschen für fünf Mark die Stunde, weil mein Vater kein Geld für einen anderen Arbeiter hatte."

Frau Sommer schob nur die Taschentuchbox in ihre Richtung und sagte, ein Testament sei ein Testament, und wenn Ela wolle, könne sie es anfechten, das koste allerdings viel und ziehe sich über Jahre hin.

In den ersten sechs Monaten ließ sich Jakob in der Werkstatt kaum blicken. Er überließ alles Manfred, dem alten Mechaniker, der schon fünfzehn Jahre mit dem Vater zusammengearbeitet hatte und der im März bei Ela anrief, um ihr zu sagen, dass der Betrieb am Ertrinken sei. Dass Aufträge liegen blieben, dass zwei Kunden schon zur Konkurrenz in Reinickendorf abgewandert seien, weil niemand mehr ans Telefon gehe.

Ela mischte sich damals noch nicht ein. Sie hatte ihr eigenes Leben in Wuppertal, eine Scheidung hinter sich und einen Sohn in der zehnten Klasse, den sie zur Mathe-Nachhilfe fahren musste. Aber irgendwo tief drin sagte ihr etwas: Warte ab. Der Vater hatte immer gesagt, alles komme zu seiner Zeit, es lohne sich nicht, um Dinge zu kämpfen, die ohnehin von selbst zurückkommen würden.

Im September rief Jakob zum ersten Mal seit der Beerdigung an.

„Du musst mir Geld leihen", sagte er ohne Begrüßung. „Das Finanzamt macht Ärger, ich habe Rückstände bei den Lohnnebenkosten. Fünfzehntausend."

„Ich habe keine fünfzehntausend Euro, Jakob."

„Woher soll ich sie sonst nehmen?"

„Vielleicht aus dem Verkauf der Werkstatt", sagte sie in ruhigem Ton, obwohl es in ihr brodelte. „Sie ist dreihunderttausend wert. Fünfzehn sind kein Problem."

Die Stille am Telefon dauerte einen Moment zu lang.

„Ich verkaufe nicht, was Papa mir hinterlassen hat."

„Dann führ den Laden", antwortete sie und legte auf.

Im folgenden Jahr erfuhr Ela alles von Manfred, der immer häufiger anrief, weil er wohl niemanden mehr hatte, den er sonst anrufen konnte. Jakob verkaufte zwei Hebebühnen, um Schulden zu tilgen. Dann den Kompressor. Im Januar entließ er einen von drei Mechanikern, weil das Geld für den Lohn fehlte. Manfred fragte am Ende jedes Gesprächs, ob Ela nicht wenigstens einmal vorbeikommen könne, um selbst nachzusehen, er wisse schon nicht mehr weiter, und die Kunden fragten, ob es sich überhaupt noch lohne, hierher zu kommen.

Sie kam im Februar, an einem Mittwoch, als in Wuppertal der letzte schmutzige Schnee unter den Häusern schmolz. Die Werkstatt sah aus wie nach einer langsam fortschreitenden Krankheit — das Tor halb verrostet, im Fenster der Anmeldung hing ein Zettel „Geöffnet ab 10 Uhr", dabei war es erst früher Morgen. Jakob war nicht da. Manfred saß allein an der Grube, aß ein Leberwurstbrot direkt aus dem Papier und nickte beim Anblick von Ela nur, als wolle er sagen: Siehst du selbst, wie es steht.

Am selben Tag fuhr Ela zu einer Anwaltskanzlei am Kurfürstendamm, wo sie einen Termin bei einer auf Erbrecht spezialisierten Anwältin hatte, Katharina Berg. Nicht um das Testament anzufechten — dafür war es längst zu spät, die Fristen waren verstrichen. Sie wollte etwas anderes wissen: ob es einen Weg gebe, wenigstens einen Teil dessen zurückzubekommen, was sie zwanzig Jahre lang ohne Vertrag, ohne Lohn in den Betrieb gesteckt hatte, auf das Wort des Vaters hin, dass irgendwann alles ihnen beiden gehören würde.

Frau Berg bat um Unterlagen. Und da erinnerte sich Ela an den Karton, der seit der Beerdigung unangetastet im Keller ihrer Wohnung in Wuppertal stand. Der Karton mit den alten Papieren des Vaters.

Sie fand darin etwas, von dem sie vergessen hatte, dass es überhaupt existierte: einen Darlehensvertrag aus dem Jahr 2011 über hundertzwanzigtausend Euro, den Ela dem Vater für die Renovierung der Werkstatthalle gegeben hatte, als sie die Wohnung ihrer Großmutter verkauft hatte. Der Vertrag war handschriftlich auf einem Blatt aus einem karierten Heft verfasst, aber von beiden unterschrieben und notariell beglaubigt — denn der Vater hatte sich, bei aller Nachlässigkeit in anderen Dingen, in dieser einen Sache als gründlich erwiesen. Rückzahlungstermin: unbefristet, auf Verlangen des Gläubigers. Zinsen: gesetzlicher Zinssatz.

„Das ist eine Nachlassverbindlichkeit", sagte Frau Berg, nachdem sie das Papier zweimal durchgesehen hatte. „Jakob hat sie zusammen mit dem Vermögen geerbt. Mit den Zinsen für vierzehn Jahre sind das inzwischen weit über zweihunderttausend Euro."

Ela betrachtete eine Weile das karierte Blatt, die Handschrift des Vaters, seine Unterschrift mit dem immer gleichen Schnörkel beim Buchstaben W. Sie empfand keinen Triumph. Es war eher etwas wie Erleichterung — als hätte sie das ganze Jahr über die Luft in der Lunge angehalten und könnte sie jetzt endlich loslassen.

Die Zahlungsaufforderung schickten sie im März per Einschreiben an die Adresse der Werkstatt.

Jakob tauchte eine Woche später unangekündigt bei ihr in Wuppertal auf, vor dem Haus, als Ela mit ihrem Sohn und vollen Einkaufstaschen vom Supermarkt zurückkam. Er stand am Gartentor, in derselben Jacke wie bei der Beerdigung, nur jetzt an den Ellbogen abgewetzt.

„Du willst mir alles wegnehmen, was ich habe."

„Ich will zurückbekommen, was mir gehört", sagte sie und wechselte die Tüten von einer Hand in die andere. „Hundertzwanzigtausend plus Zinsen. Der Rest der Werkstatt bleibt deiner."

„So viel Geld habe ich nicht."

„Dann verkauf das Grundstück nebenan, das der Vater für ein Lager gekauft hat. Ihr habt es nie genutzt. Es ist etwa hundertfünfzigtausend wert."

Jakob schwieg und starrte auf die Tüte mit Kartoffeln, die Elas Sohn in der Hand hielt, als könnte die ihm eine Antwort geben.

„Warum hast du damals beim Notar nichts gesagt? Von dem Darlehen?"

„Weil ich dachte, Papa wollte, dass ich es dir sage, wenn es nötig ist. Nicht sofort." Sie öffnete das Gartentor. „Du hast einen Monat, Jakob. Danach geht die Sache vor Gericht, und dann reden nicht mehr wir miteinander, sondern unsere Anwälte."

Er verkaufte das Grundstück im April an einen Bauträger aus Solingen, für hundertzweiundsechzigtausend Euro. Hundertachtunddreißigtausend gab er Ela — den Rest samt Zinsen teilten sie in zwei Raten auf, die letzte zahlte er im Juli, gerade als im Fernsehen ununterbrochen die Hochwasserbilder aus Süddeutschland liefen und Manfred endlich einen neuen Kompressor kaufen konnte.

Die Werkstatt in der Müllerstraße gibt es noch heute. Jakob führt sie allein, mit Manfred und einem neuen jungen Mann aus der Berufsschule. Ela hat seit April keinen Fuß mehr hineingesetzt — nicht aus Groll, sie hatte einfach keinen Grund dazu. Sie hatte bekommen, was ihr zustand, schwarz auf weiß, mit Unterschrift und Stempel, und das genügte ihr.

Nur einmal, im August, bekam sie von ihm eine SMS: „Habe diese Woche zwei Autos verkauft. Papa hätte sich gefreut." Sie antwortete nicht. Sie legte das Handy neben die Tasse mit dem inzwischen kalten Kaffee und schaute aus dem Fenster zur Nachbarin, die mit einem Bund Schnittlauch vom Wochenmarkt zurückkam, so wie jeden Mittwoch zur gleichen Zeit, seit Ela sich erinnern konnte.

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