In der Wohnung riecht es abends immer nach Kohlsuppe vom Vortag und nach dem billigen Tabak, den der Nachbar auf dem Balkon raucht – der Geruch zieht durch die undichten Fenster bis in die Küche. Dort schläft Jana. Ihre beiden jüngeren Schwestern teilen sich das ausgeleierte Sofa im Wohnzimmer mit der Großmutter, die schnarcht wie ein alter Lastwagen. Jana ist zweiundzwanzig und weiß genau, wie sich Kälte anfühlt, die von innen kommt.
Sie erinnert sich noch an die Wohnung in Rostock, in der sie aufgewachsen ist, bevor der Vater starb und die Mutter anfing, jeden Abend eine Flasche Wein zu brauchen, um einzuschlafen. Damals hatte Jana ein eigenes Zimmer, ein Hochbett, einen Stoffhasen mit einem Ohr. Für Mira, die acht ist, und Paula, die sechs, gibt es so etwas nicht. Mira ist zäh und spitz, immer bereit zu kontern. Paula ist so blass, dass man meint, sie könnte im nächsten Windzug verschwinden.
Jana arbeitet in einem Steakhouse am Alten Hafen in Rostock, kommt nachts nach eins nach Hause, schleicht sich ins Kinderzimmer, zählt die Atemzüge der beiden im Dunkeln, geht dann in die Küche und zieht die Tür leise zu. Die Fliesen sind gesprungen, der Wasserkocher hat einen mit Draht befestigten Deckel, es gibt vier Stühle, von denen einer nur noch auf drei Beinen steht. Sie legt sich auf die Klappliege und starrt an die Decke, wo ein Wasserfleck aussieht wie eine Landkarte von irgendwo, wo sie nie war. Sie rechnet: Mietkaution, Kindergartenbeitrag für Paula, die kaputte Waschmaschine. Sie rechnet sich in den Schlaf.
Im Restaurant kommen viele Männer. Jana bedient sie mit einem Lächeln, das nichts kostet und nichts verspricht. Sie glaubt insgeheim, einer von ihnen wird sie irgendwann da rausholen. Sie sagt es sich nicht laut, aber sie denkt es, wenn sie die Teller in die Küche trägt.
Bertram kommt donnerstags. Er setzt sich an den Tisch am Fenster, bestellt einen Barolo, den er kaum anrührt, und beobachtet sie, wie sie zwischen den Tischen navigiert. Seine Manschettenknöpfe sind aus Weißgold, das sieht man sofort.
„Schmeckt Ihnen der Wein nicht?"
„Doch. Aber ich sehe lieber Ihnen beim Arbeiten zu."
Sie errötet nicht – das hat sie sich vor Jahren abgewöhnt. Sie lächelt nur, wie man eben lächelt bei solchen Sätzen: höflich, unverbindlich. Als er geht, liegt ein Fünfzig-Euro-Schein unter der Untertasse. Sie steckt ihn in die Schürzentasche und denkt: Davon kriegt Paula endlich Winterstiefel, die passen.
Der zweite kommt über die Hintertür. Kevin fährt für einen Lieferdienst, trägt eine Lederjacke mit aufgenähten Patches und einen roten Helm unter dem Arm. Wenn er die Bestellungen abholt, bleibt er immer fünf Minuten länger als nötig.
„Wieder in Gedanken, Prinzessin?", sagt er und mustert sie unverschämt von oben bis unten. „Deine Strumpfhose hat 'ne Laufmasche."
„Und du riechst wieder nach Benzin. Ist deine Roller-Auspuff kaputt?"
„Läuft bestens. Ich hab dich nur gerochen und bin falsch abgebogen."
Sie zanken sich wie zwei streunende Katzen um ein Stück Fisch. Er sieht sie an, als wüsste er etwas Peinliches über sie, und das macht sie wütend und will sie gleichzeitig, dass er sie festhält. Nach zwei Wochen küssen sie sich in der Vorratskammer zwischen Kisten mit Servietten und Spülmittel. Seine Lippen sind trocken, warm, schmecken nach Kaugummi. Er löst ihren Zopf, flüstert etwas Unverständliches. Sie erlaubt sich drei Sekunden Schwäche, dann drückt sie ihm die Hände gegen die Brust.
„Schluss jetzt."
„Wieso?"
„Tisch sieben wartet."
„Soll Tisch sieben doch verhungern."
Sie bindet die Haare wieder hoch, richtet die Bluse und geht zurück in den Gastraum.
Bertram lädt sie beim nächsten Mal ins Volkstheater ein. Sie war noch nie dort, sagt trotzdem zu. Zieht das einzige anständige Kleid an, schwarz, aus dem Secondhand-Laden in der Kröpeliner Straße. Er sieht sie an mit einer Bewunderung, bei der ihr fast schwindelig wird.
„Du bist unglaublich schön. An dir ist etwas Echtes."
Sie nickt. Echt ist der Hunger, Bertram. Echt sind zwei Schwestern, die zu Hause mit einem Topf kalter Nudeln warten. Das sagt sie nicht laut.
Kevin wartet nach ihrer Schicht am Hintereingang, sitzt auf seinem Roller, die Zigarette glimmt in der Dunkelheit wie ein kleines Warnlicht.
„Steig auf, ich bring dich."
„Ich geh zu Fuß, ist nicht weit."
„Genau deswegen."
Sie setzt sich hinter ihn, hält sich an seiner Jacke fest. Es riecht nach kalter Nachtluft und Leder. Er fährt schnell, sie schließt die Augen und stellt sich für eine Minute vor, sie wäre jemand anderes – ohne Schwestern, ohne Schulden, ohne dieses Gewicht in der Brust, das nie weggeht. Vor ihrem Haus hält er, stellt den Motor ab, dreht sich um.
„Kommst du mit zu mir?"
„Heute nicht."
„Wann dann?"
Sie schweigt. Weil sie nicht weiß, wie sie erklären soll, dass ihr Leben schon einen anderen Plan hat.
Bertram nimmt sie mit zur Vernissage, zum Schlittschuhlaufen an der Kunsthalle, zum Essen. Sie stellt fest, dass ihre Woche zunehmend aus ihm besteht. Er stellt sie seinen Freunden vor. Als er sie nach einem halben Jahr zum Sonntagsessen bei seinen Eltern in Warnemünde einlädt, denkt sie: Jetzt ist es vorbei. Sie hat inzwischen zwei, drei ordentliche Kleider, die er ihr gekauft hat, aber seine Eltern werden sofort sehen, wer da vor ihnen sitzt.
Doch die Eltern sind angetan. „Wir hatten solche Angst, er bringt so eine oberflächliche Tussi mit", sagt seine Mutter beim Kaffee. Sein Vater, der eine Kette von Autowerkstätten in Mecklenburg-Vorpommern aufgebaut hat, nickt: „Ich hab auch mal ganz unten angefangen. Man merkt, du hast Rückgrat."
Vier Wochen später macht Bertram ihr einen Antrag. Er ist einundvierzig, will drei Kinder, keine Zeit mehr verlieren.
Er kniet zwischen den Tischen im Restaurant nieder, direkt vor ihren Kollegen, öffnet ein Samtkästchen mit einem Ring, der locker die Jahresmiete ihrer Wohnung decken würde. Die Restaurantleiterin erstarrt mit dem Tablett in der Hand. Der Koch schaut aus der Küchentür. Jana blickt auf den Ring, dann auf Bertram, dann zur Hintertür, wo Kevin sonst immer steht. Heute steht er nicht da.
„Ja", sagt sie.
Bertrams Kuss schmeckt nach dem teuren Wein, den er sonst nie austrinkt – höflich und irgendwie weit weg.
Abends ruft sie Kevin an. Er ist in zwölf Minuten da, ohne Helm diesmal, den Roller quer auf den Gehweg gestellt. Sie tritt ohne Jacke vor die Tür, obwohl es Ende Oktober ist und der Wind vom Hafen herüberzieht.
„Ich heirate", sagt sie.
Er sieht sie an, und in seinem Blick geht etwas aus wie ein Licht, das man abstellt.
„Ihn?"
„Ja."
„Du liebst ihn nicht."
„Aber er liebt mich. Und er kann mir geben, was ich brauche."
„Was brauchst du denn?"
„Geht dich nichts an."
Er lacht kurz und hart, schlägt mit der Faust gegen die Hauswand. Die Knöchel bluten, er scheint es nicht zu merken. Dann steigt er auf den Roller und fährt weg, ohne sich umzudrehen, der Auspuff hallt noch lange zwischen den Häusern.
Die Hochzeit findet im April statt, in einem Hotel am Warnemünder Strand, mit hundertzwanzig Gästen, die Jana zur Hälfte nicht kennt. Mira und Paula tragen hellblaue Kleider, die eigens für sie geschneidert wurden, und Paula weint vor Aufregung, weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben Kuchen mit drei Etagen sieht. Die Großmutter sitzt am Ehrentisch und tupft sich mit einer Serviette die Augen, obwohl sie behauptet, es sei nur der Wind vom Meer.
Bertram kauft der Familie eine Vierzimmerwohnung in Rostock-Reutershagen, mietfrei, unbefristet, auf Janas Namen eingetragen. Mira bekommt endlich ein eigenes Zimmer. Paula bekommt einen Kleiderschrank, der so voll ist, dass die Tür manchmal klemmt. Die Mutter zieht mit ein, trinkt weniger, seit sie nicht mehr allein in der alten Wohnung sitzt.
Drei Jahre vergehen. Jana bekommt eine Tochter, Elin, mit Bertrams grauen Augen. Sie lernt, wie man einen Haushalt mit Reinigungskraft führt, wie man auf Empfängen lächelt, ohne dass es wie Arbeit aussieht. Sie lernt auch, dass Bertram jeden Sonntagabend zwei Stunden „ins Büro" fährt, obwohl das Büro sonntags geschlossen ist.
Sie findet die Quittung zufällig, in der Innentasche seines Mantels, den sie zur Reinigung bringen will: ein Hotel in Warnemünde, derselbe Ort, an dem sie geheiratet haben. Zweihundertzehn Euro, eine Nacht, Doppelzimmer. Sie starrt nicht lange darauf. Sie fotografiert sie mit dem Handy und legt die Quittung zurück, genau an dieselbe Stelle, exakt so gefaltet, wie sie war.
Am folgenden Sonntag fährt sie ihm nach. Sitzt im Auto ihrer Mutter, zwei Straßen weiter, und sieht, wie er eine Frau umarmt, die aus dem Nebeneingang kommt – jünger als sie, mit einem Aktenkoffer, offenbar eine Kollegin aus der Werkstattkette seines Vaters.
Sie fährt nicht hinterher. Sie fährt zu einer Kanzlei in der Rostocker Innenstadt, die sie schon vor einem Jahr recherchiert hatte, nur für den Fall. Sie legt der Anwältin die Fotos, die Kontoauszüge, die sie über Monate gesammelt hat, und die Kopie des notariellen Vertrags über die Wohnung vor – die Wohnung läuft auf ihren Namen, das war Bertrams großzügige Geste gewesen, die sich jetzt gegen ihn wendet.
„Ich will die Scheidung. Und ich will, dass die Wohnung bei mir bleibt, das steht ja schon fest. Aber ich will auch, dass er weiß, dass ich weiß."
Am Mittwochabend, als Bertram von der „Geschäftsreise" zurückkommt, steht der Koffer mit seinen Sachen bereits im Flur, ordentlich gepackt von der Haushälterin, die Jana darum gebeten hat. Auf dem Küchentisch liegt der Scheidungsantrag, unterschrieben, und daneben, ordentlich gestapelt, die Fotos vom Hotel in Warnemünde.
„Was soll das?", fragt er, den Autoschlüssel noch in der Hand.
„Das ist die Wohnung meiner Mutter, meiner Schwestern und meiner Tochter. Deine Sachen sind gepackt. Der Schlüssel, den du hast, funktioniert ab morgen nicht mehr, ich habe das Schloss wechseln lassen."
„Jana, wir können reden—"
„Zweihundertzehn Euro für ein Doppelzimmer. Ich hab die Quittung noch. Willst du sie sehen, oder reicht dir die Erinnerung?"
Er sagt nichts mehr. Er nimmt den Koffer, geht zur Tür, bleibt kurz stehen, als warte er auf einen Satz, der die Sache doch noch dreht. Der Satz kommt nicht. Sie hält ihm die Tür auf, bis er draußen ist, und schließt sie dann – ruhig, ohne die Tür zuzuknallen.
In der Küche schläft Elin schon im Kinderwagen, den Daumen im Mund. Paula, inzwischen dreizehn, sitzt am Tisch und macht Hausaufgaben, als wäre nichts geschehen, weil ihr niemand gesagt hat, was heute passiert ist. Mira, fünfzehn, steht in der Tür und sieht die Fotos auf dem Tisch, fragt nichts, nickt nur einmal kurz und geht in ihr Zimmer.
Jana räumt die Fotos in einen Umschlag, legt den Umschlag in die Schublade zu den anderen Papieren – der Vertrag über die Wohnung, die Geburtsurkunde von Elin, der Kontoauszug mit ihrem eigenen Namen darauf, den sie sich in den letzten zwei Jahren aufgebaut hat, ohne dass er es wusste. Sie schließt die Schublade. Draußen, drei Stockwerke tiefer, hört sie einen Automotor anspringen und wieder abklingen, in Richtung Hafen.
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