Ich höre die Kaffeemaschine, bevor ich die Augen richtig aufmache. Es ist Viertel nach sechs, draußen ist es noch dunkel, unten auf der Frankfurter Allee rattert schon die erste Straßenbahn Richtung Lichtenberg. Und aus der Küche kommt der Geruch von Rührei mit Schnittlauch.
Ich bin Nadine, 34, ich arbeite in der Buchhaltung einer Spedition in Berlin-Lichtenberg. Mein Mann heißt Jonas, er ist Elektriker. Seit vier Monaten wohnt seine Mutter Ingrid bei uns. Für immer, nicht auf Probe.
Ingrid ist 68. Vor einem halben Jahr musste sie ihr Reihenhaus in Neubrandenburg verkaufen, die Rente reichte hinten und vorne nicht mehr für die Instandhaltung, das Dach war undicht, die Heizung uralt. Jonas ist ihr einziges Kind. Er hat gesagt: Meine Mutter zahlt keine Miete, solange wir ein Gästezimmer haben. Ich habe ja gesagt. Ich dachte, jeder lebt sein Leben, wir teilen uns eben ein Dach.
Ich hätte fragen sollen, was "ein Dach teilen" für sie eigentlich bedeutet.
Seit sie da ist, ist die Wohnung nicht mehr meine. Ich komme runter in die Küche, der Kaffee steht schon fertig, das Frühstück auch, und meistens hat sie Jonas' Brotdose für die Arbeit schon gepackt — mit den Roggenbrötchen vom Bäcker um die Ecke, die er so mag. Er findet das wunderbar. Mich macht es fertig. Das waren Dinge, die wir zusammen gemacht haben, als Paar. Jetzt höre ich nur noch: "Ach, lass mal, hab ich schon erledigt."
Beim Putzen dasselbe Spiel. Ich arbeite Vollzeit, unsere Wohnung muss nicht aussehen wie aus dem Ikea-Katalog, aber sauber ist sie trotzdem. Jetzt komme ich heim, der Boden ist gewischt, die Wäsche aus der Maschine hängt schon auf dem Trockenständer im Flur, die Küche blitzt. Einmal hatte ich Bettwäsche liegen lassen, wollte sie am Wochenende waschen. Als ich nach Hause kam, war sie gewaschen, getrocknet und schon wieder auf unserem Bett bezogen. Auf unserem Bett.
Ich habe Jonas gesagt, dass es mich stört, wenn seine Mutter in unser Schlafzimmer geht. Er meinte nur: "Sie will halt helfen."
Ein anderes Mal kam ich völlig erledigt von der Arbeit, es war Freitagabend, draußen schon dunkel, im Fernsehen lief bei ihr im Wohnzimmer schon die Vorabendserie. Sie hatte den Kühlschrank durchsortiert. Gemüse weggeworfen, das sie für schlecht hielt. Essen für zwei Tage vorgekocht, Rouladen mit Rotkohl standen in Frischhaltedosen gestapelt. Ich bin ausgerastet, hab ihr gesagt, sie muss nicht meine Küche managen. Sie ist still geworden. Dann: "Ist gut, Kindchen. Ich wollte nur, dass du heimkommst und dich ausruhen kannst."
Selbst dieses "Kindchen" nervt mich. Ich habe eine Mutter. Ich brauche keine zweite.
Am Wochenende ist es noch schlimmer. Jonas strahlt regelrecht, wenn sie da ist. Samstags kocht sie sein Lieblingsessen, Kohlrouladen wie früher bei ihm zu Hause in Neubrandenburg. Sie serviert ihm, fragt, ob er noch Apfelschorle möchte. Dann sitzen die beiden stundenlang zusammen und reden. Wenn wir mal weg wollen, ins Kino oder zum Griechen an der Ecke, drängt sie sich nie auf. Im Gegenteil: "Geht ihr nur, ich guck meinen Tatort." Und genau dann kriegt Jonas ein schlechtes Gewissen. Meistens endet es damit, dass er sie doch mitnimmt.
Wenn wir Essen bestellen, besteht sie darauf, etwas dazuzugeben. Wenn wir einkaufen waren, bringt sie hinterher Obst oder Milch mit nach Hause. Sagt, sie will niemandem auf der Tasche liegen. Sie bezahlt sogar Teile der Nebenkosten aus dem Geld vom Hausverkauf, obwohl Jonas ihr sagt, sie soll das lassen.
Ich weiß, wie das alles klingt. Ich weiß, viele würden fragen: Was macht diese Frau denn bitte falsch? Genau das macht mich wahnsinnig. Sie tut ja nichts Schlimmes. Sie ist einfach überall. Ständig. Ich komme nie nach Hause und fühle mich mit meinem Mann allein. Immer ist schon gekocht. Immer geht irgendwo eine Tür. Immer fragt jemand, ob wir Kaffee wollen. Immer ist etwas aufgeräumt, um das ich nicht gebeten habe.
Vor ein paar Tagen fand ich die Gefriertruhe voller beschrifteter Boxen. Ingrid hatte den halben Nachmittag gekocht, damit ich unter der Woche nicht kochen muss. Ich fragte sie: "Warum mischst du dich ständig in Dinge ein, die ich selbst kann?" Sie antwortete: "Gerade weil ich weiß, dass du es kannst. Aber du kommst müde heim, und ich habe den ganzen Tag Zeit." Dann: "Wenn ich schon hier wohne, will ich wenigstens nützlich sein."
Jonas hat das Gespräch mitgehört. Wir haben uns später gestritten, im Schlafzimmer, mit gedämpfter Stimme, damit sie es nicht hört, was natürlich lächerlich war, weil die Wände in unserer Altbauwohnung so dünn sind wie Papier. Ich sagte ihm, wir müssen eine andere Lösung finden, weil ich mir nicht vorstellen kann, so noch zehn oder fünfzehn Jahre zu leben. Er fragte: "Was genau ist das Problem? Dass meine Mutter putzt? Dass sie kocht? Dass sie Geld dazugibt? Dass sie sich Mühe gibt, uns nicht zur Last zu fallen?"
Da habe ich die Wahrheit gesagt: "Das Problem ist, dass ich nicht mit deiner Mutter zusammenleben will. So einfach ist das." Er antwortete: "Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du zugestimmt hast, dass sie einzieht. Ich bin ihr einziger Sohn, und ich werfe sie nicht raus, nachdem sie ihr Haus verkauft hat, weil sie dachte, bei uns hat sie einen Platz."
Seit diesem Gespräch geht es mir noch schlechter. Ingrid betritt unser Schlafzimmer kaum noch. Fragt vorher, ob sie etwas waschen darf. Fragt, was sie kochen soll. Statt mich zu beruhigen, macht mich das noch nervöser. Weil klar ist: Jonas hat mit ihr geredet. Und jetzt weiß sie vermutlich, dass ich sie hier nicht will.
Gestern sagte sie sogar zu mir, während sie am Küchentisch saß und Handtücher zusammenlegte, die Fernsehnachrichten liefen leise im Hintergrund: "Wenn du je das Gefühl hast, dass ich euch im Weg bin, sag es mir. Ich finde dann schon was." Bevor ich antworten konnte, sagte Jonas vor mir: "Mama, du gehst hier nicht weg." Sie sagte nichts. Legte einfach weiter die Handtücher zusammen, Ecke auf Ecke, immer gleich. Und ich sagte auch nichts.
Aber ich habe angefangen, etwas zu tun, statt nur zu schweigen. Am Montag danach bin ich in die Mittagspause gegangen und nicht in die Kantine, sondern zu einer Familienrechtsberatung in der Nähe vom Büro, die ich über eine Kollegin kannte. Nicht um mich scheiden zu lassen. Um zu verstehen, was mir eigentlich gehört und was nicht. Die Wohnung läuft auf Jonas' Namen, das war schon vor der Hochzeit so, aber mein Gehalt geht seit Jahren zu gleichen Teilen in die gemeinsamen Ausgaben. Ich habe mir das schriftlich geben lassen: Wie ein Ehevertrag nachträglich aussehen könnte, welche Rechte ich als Ehefrau überhaupt habe, wenn sich an der Wohnsituation nichts ändert.
Am Abend habe ich Jonas nicht angeschrien. Ich habe den Ordner mit den Unterlagen auf den Küchentisch gelegt, zwischen die Salzstreuer und die Fernbedienung, dort, wo sonst Ingrids Kochbücher liegen. Ich habe gesagt: Ich ziehe nicht aus, ich will diese Ehe nicht wegwerfen. Aber ich werde ab dem ersten Oktober vierhundertfünfzig Euro auf ein eigenes Konto zurücklegen, jeden Monat, das ist mein Anteil an der Miete, den ich sonst in den gemeinsamen Haushalt gebe. Und ich werde am Wochenende zwei Nächte bei meiner Schwester in Köpenick verbringen, jede Woche, bis wir eine Lösung gefunden haben, die nicht bedeutet, dass ich in meiner eigenen Wohnung zu Gast bin.
Jonas hat mich lange angeschaut. Dann hat er gefragt, ob das ein Ultimatum sei. Ich habe gesagt: Nein, das ist eine Ankündigung. Ich erzähle dir, was passiert, wenn nichts sich ändert, damit du nicht überrascht bist.
Ingrid stand in der Tür, den Wäschekorb noch auf der Hüfte, und hat alles mitgehört. Sie hat nichts gesagt an dem Abend. Aber zwei Tage später, an einem Mittwoch, hat sie mich in der Küche abgepasst, bevor Jonas von der Arbeit kam. Sie hatte selbst schon recherchiert — bei der Diakonie in Lichtenberg gibt es betreutes Wohnen für Senioren, Ein-Zimmer-Wohnungen mit Gemeinschaftsraum, sie hatte sich bereits einen Termin geben lassen für eine Besichtigung. Sie sagte: "Ich will nicht, dass meine Ehe für meinen Sohn kaputtgeht, weil eine alte Frau sich nützlich fühlen wollte." Ich habe ihr nicht widersprochen und ich habe sie auch nicht überredet zu bleiben.
Drei Wochen später ist Ingrid in eine Zweizimmerwohnung mit Balkon in der Seniorenanlage an der Rhinstraße gezogen, zehn Minuten mit dem Fahrrad von uns entfernt. Vom Verkauf ihres Hauses hat sie genug übrig, um die Miete allein zu tragen. Jonas hat drei Tage kaum mit mir geredet. Dann hat er angefangen, sie jeden Mittwochabend zu besuchen, allein, mit einer Tüte Brötchen vom Bäcker.
Ich habe die Kontoauszüge noch immer im selben Ordner, zwischen Salzstreuer und Fernbedienung liegt inzwischen wieder nur die Fernbedienung. Am Montagmorgen mache ich mir den Kaffee jetzt wieder selbst, um Viertel nach sechs, und in der Wohnung ist es still — nicht die Stille von jemandem, der sich zurückhält, sondern einfach die Stille von zwei Leuten, die noch schlafen.
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