Ich schreibe die Geschichte aus der Sicht eines außenstehenden Zeugen – des Nachbarn – neu und führe sie zu einem eigenständigen, deutschen Schluss.

Der Lesekreis im Gemeindesaal von Bad Ischl

Ich bin Hausmeister im Gemeindezentrum an der Salzburger Straße, seit siebzehn Jahren, und wenn man so lange die Schlüssel für sämtliche Räume hat, sieht man Dinge, die sonst niemandem auffallen. Dienstagabends schließe ich den kleinen Saal für den Lesekreis auf, stelle die Stühle im Kreis auf und mache dann meist noch die Heizung im Flur, während die Leute reinkommen. So habe ich Frau Brunner kennengelernt.

Sie kam vor etwa acht Monaten zum ersten Mal, mit einem Buch von Cornelia Funke unter dem Arm, und setzte sich immer auf denselben Stuhl neben der Kaffeemaschine. Um kurz nach neun, wenn draußen schon der Bus zum Bahnhof durchfuhr, kam meistens ihr Mann sie abholen, weil sie kein Auto mehr fuhr. Er wartete dann im Flur, auf der Bank neben dem schwarzen Brett mit den Aushängen vom Trachtenverein, und schaute jedes Mal auf die Uhr, als könnte er es kaum erwarten, dass sie fertig wurden.

Einmal, es war im Februar, kam er zu früh, eine ganze Stunde zu früh, und setzte sich zu mir in die Hausmeisterkammer, weil es draußen fror und er nicht in der Kälte auf der Bank sitzen wollte. Er hieß Alfred, das erfuhr ich erst da, ein pensionierter Elektriker, der früher bei den Salzburger Stadtwerken gearbeitet hatte. Wir tranken Kaffee aus meiner Thermoskanne, und er erzählte, ohne dass ich viel fragen musste, so wie Männer manchmal erzählen, wenn sie eigentlich mit sich selbst reden.

„Vierundvierzig Jahre sind wir verheiratet", sagte er, „und seit ungefähr einem Jahr geht sie früher ins Bett als ich. Erst dachte ich, sie ist müde. Dann hab ich gemerkt, sie liest nur noch. Und jetzt sitzt sie hier, Dienstag für Dienstag, mit fremden Leuten, und redet über Bücher, die ich nie gelesen hab."

Ich sagte nichts Besonderes dazu, ich bin ja Hausmeister und kein Eheberater, aber ich hörte zu, während draußen der Wind gegen die Fensterscheiben drückte und irgendwo im Flur die Heizung tickte. Er erzählte, dass sie früher gemeinsam vor dem Fernseher gesessen hätten, jeden Abend, er mit der Fernbedienung, sie daneben, meistens mit etwas Handarbeit auf dem Schoß. Seit seiner Pensionierung vor drei Jahren habe sich das eingeschliffen: er schaute Fußball, die ZIB und irgendwelche Diskussionssendungen, sie saß dabei, ohne dass es sie wirklich interessierte.

„Und dann, vor ungefähr einem Jahr, ist sie einfach nicht mehr geblieben", sagte er. „Erst um elf ins Bett, dann um halb elf, dann um zehn. Ich dachte, was ist los, ist sie krank? Aber sie war nur müde von mir, glaube ich. Von der Art, wie wir gelebt haben."

Er erzählte, wie er sie eines Abends im Schlafzimmer wach mit einem Buch gefunden hatte, obwohl er dachte, sie schliefe längst. Wie er sie fragte, warum sie nicht mehr im Wohnzimmer blieb, und wie sie ihm sagte, sie sei es leid, jeden Abend das zu schauen, was er schauen wollte. Sie hätten zwei Fernseher im Haus, in Bad Ischl wohnen sie in einem Reihenhaus mit einem kleinen Zimmer im Obergeschoss, das eigentlich als Gästezimmer gedacht war. Aber sie sagte ihm, wenn jeder für sich fernsehe, würden sie ja nur noch getrennt in zwei Zimmern sitzen, das sei auch keine Lösung.

„Sie hat gesagt, wir hätten seit Monaten nicht mehr zwanzig Minuten am Stück miteinander geredet", erzählte er mir, und rührte dabei mit dem Plastiklöffel in seinem Kaffee, obwohl kein Zucker mehr drin war. „Ich hab gedacht, das übertreibt sie. Dann hab ich versucht, mich zu erinnern, wann wir das letzte Mal wirklich geredet haben, nicht nur beim Essen über den Einkaufszettel. Mir ist nichts eingefallen."

Ich erinnere mich, dass in dem Moment draußen im Flur Stimmen laut wurden, die Lesekreis-Damen, die früher gingen als sonst, und Alfred stand auf, zog seine Jacke zurecht, eine graue Wollweste unter dem Anorak, und ging zur Tür. Ich dachte, das war's, die Geschichte ist vorbei, mehr erfahre ich nicht.

Aber die beiden kamen weiter jeden Dienstag, und ich hatte, ehrlich gesagt, meine eigene kleine Beobachtungsstation an der Kaffeemaschine. Ein paar Wochen später merkte ich, dass Alfred nicht mehr auf der Flurbank saß und auf die Uhr schaute. Er kam manchmal erst um zehn, manchmal gar nicht, und Frau Brunner ging dann zu Fuß nach Hause oder ließ sich von einer anderen Teilnehmerin mitnehmen.

Im April traf ich ihn wieder, diesmal weil er im Gemeindesaal selbst einen Kurs besuchte, „Grundlagen der Fotografie mit dem Smartphone", dienstags um dieselbe Uhrzeit wie der Lesekreis, im Raum nebenan. Er erzählte mir im Flur, während er auf den Beginn wartete, dass sie es zu Hause anders gemacht hätten. Zwei Abende in der Woche bleibe der Fernseher aus. Manchmal würden sie reden, manchmal Karten spielen, Rommé oder Watten, manchmal gingen sie noch eine Runde um den Ort, bis zum Kurpark und zurück, auch wenn es schon dunkel war.

„Und den Rest der Woche", sagte er, „mach ich mein Ding, sie macht ihres. Ich schau meinen Fußball, sie liest ihre Bücher. Aber wir fehlen uns jetzt wieder ein bisschen. Das ist komisch zu sagen nach vierundvierzig Jahren, aber es stimmt."

Im Juni, an einem besonders warmen Dienstag, kam Frau Brunner allein zum Lesekreis, ohne Buch unter dem Arm, nur mit ihrer Handtasche, und sagte zu den anderen, sie sei heute nur kurz vorbeigekommen, weil sie zu Hause noch etwas zu erledigen hätten. Ich hörte das im Vorbeigehen, als ich die Stühle richtete. Sie erklärte, sie und Alfred hätten sich am Nachmittag beim Notar in der Kaltenbrunner Straße getroffen und ihr Testament neu aufsetzen lassen, gemeinsam, mit einer Regelung über das Haus, die sie schon lange hätten machen sollen und die sie jahrelang vor sich hergeschoben hätten, weil sie „nie richtig Zeit zum Reden" gefunden hätten.

„Wir haben eine ganze Stunde beim Notar gesessen und wirklich miteinander gesprochen", sagte sie zu einer der anderen Frauen, „das war das erste Mal seit Ewigkeiten, dass wir über etwas Wichtiges gesprochen haben, ohne dass einer von uns danach ins Bett geflüchtet ist."

Ich weiß nicht, was genau in dem Testament steht, das geht mich auch nichts an, ich bin nur der Hausmeister. Aber ich habe die Kopie eines Briefumschlags mit dem Stempel des Notariats gesehen, den sie aus ihrer Tasche zog, um jemandem eine Telefonnummer aufzuschreiben, und ich habe gesehen, wie Alfred sie im September wieder von der Bank im Flur abholte, pünktlich, ohne auf die Uhr zu schauen, mit zwei Bechern Kaffee vom Automaten in den Händen, einen für sich, einen für sie.

Letzten Dienstag saß er wieder auf der Bank, als ich die Heizung kontrollierte. Ich fragte ihn, wie es laufe mit dem Fotografiekurs. Er zeigte mir ein Bild auf seinem Handy, das er von Maite gemacht hatte, wie sie im Garten stand und die Rosen zurückschnitt, das Licht fiel schräg durch die Blätter der alten Kastanie hinter dem Zaun. Er sagte nichts Großes dazu. Nur: „Nicht schlecht, oder, für einen Elektriker."

Dann klingelte drinnen die Kaffeemaschine, das Zeichen, dass der Lesekreis zu Ende war, und ich ging zurück, um die Stühle zusammenzuräumen.

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Ich schreibe die Geschichte aus der Sicht eines außenstehenden Zeugen – des Nachbarn – neu und führe sie zu einem eigenständigen, deutschen Schluss.