Ein Klappstuhl auf dem Marktplatz von Rendsburg

Ich hatte den Klappstuhl nur wegen meiner Knie mitgenommen. Mit siebenundsechzig steht man nicht mehr zwei Stunden am Straßenrand, ohne es tagelang zu spüren. Also stopfte ich das alte Ding von Aldi, Baujahr irgendwann in den Neunzigern, in den Kofferraum meines Golf und fuhr zum Schützenfestumzug nach Rendsburg.

Jedes Jahr im Juni das Gleiche: Musikkapelle, geschmückte Traktoren, der Kanuclub mit seinem Wagen voller Papierschlangen, und die Kinder, die sich um die Bonbons balgen, die von den Festwagen fliegen. Vom Nordostseekanal her roch es nach Teer und nassem Seil, irgendwo bratzelte schon einer am Grill Bratwürste, obwohl es noch nicht mal Mittag war. Ich baute meinen Stuhl vor der Sparkassenfiliale auf, packte eine Flasche Apfelschorle aus und wartete.

Nach einer Viertelstunde blieb eine Frau in meinem Alter stehen. Einen Campingstuhl unterm Arm, an der anderen Hand zwei Enkelkinder, die schon in Richtung Musikkapelle zerrten. Sie drehte den Kopf hin und her, suchte die Reihe ab. Nichts frei.

Ich stand auf, ohne groß nachzudenken. „Nehmen Sie meinen."

„Ach nein, das kann ich nicht annehmen."

„Doch. Ich bestehe drauf."

Sie lachte. „Dann teilen wir ihn eben." Und so saßen wir die nächste halbe Stunde abwechselnd, während die Kinder bei jedem Wagen quietschten. Als der Zug vorbei war und sie ihre Sachen zusammenpackte, sagte sie: „Ich bin übrigens Gudrun."

„Marlies."

„War schön, mit Ihnen den Stuhl zu teilen."

„War schön, mit Ihnen den Umzug zu teilen."

Damit hätte es enden können. Eine Woche später stand ich auf dem Wochenmarkt am Kreishafen, kaufte für 3,50 Euro das letzte Bund Spargel der Saison, und jemand rief meinen Namen. Gudrun, an einem der Stehtische, winkte mit einer Papptüte Erdbeeren. „Ich hab Ihnen einen Platz freigehalten." Wir tranken Kaffee aus Pappbechern, fast eine Stunde lang, obwohl ich eigentlich nur zehn Minuten einplanen wollte. Sie erzählte von ihren Enkeln, ich von meinem Versuch, seit der Rente Sauerteigbrot zu backen, was bisher zweimal danebenging. Wir tauschten Rezepte, bevor wir uns trennten.

Am Samstag darauf lud sie mich zum Open-Air-Konzert am Kreishafen ein, kostenlos, wie jeden Sommer, wenn die Stadtkapelle spielt. „Ich bring die Stühle mit." „Ich bring die Schorle mit." Daraus wurde unsere Abmachung.

Beim dritten Konzert brachte Gudrun jemanden mit: ihre Nachbarin Ingrid, eine schmale Frau mit einer Thermoskanne von Alfi, die sie fest auf dem Schoß hielt, als könnte sie ihr jemand wegnehmen. Sie sagte kaum ein Wort, bis die Kapelle einen alten Schlager anspielte, den ihr verstorbener Mann gemocht hatte. Da stand sie auf und ging. Gudrun wollte hinterher. Ich hielt sie am Arm fest. „Lass ihr die zehn Minuten." Ingrid kam zurück, setzte sich wortlos wieder hin und schenkte drei Becher Kaffee aus der Thermoskanne ein. Keiner sagte etwas dazu. Danach kam sie jede Woche.

Bald fielen uns dieselben Gesichter bei jeder Veranstaltung auf: das Ehepaar, das keinen Freitagabend am Hafen ausließ, der pensionierte Feuerwehrmann mit der ausgeblichenen Schirmmütze, der Junge vom Gymnasium, der bei jedem Fest half, Kabel zu verlegen. Eines Abends stellten wir zwei Stühle mehr auf, für niemand Bestimmtes. Beide blieben leer. Beim nächsten Mal stellte Gudrun sie erst gar nicht mehr hin. „Vielleicht bilden wir uns das nur ein", sagte sie, und ich hörte, wie enttäuscht sie war, obwohl sie es nicht so nannte.

Zwei Wochen später kam der Feuerwehrmann von selbst herüber, mit einem eigenen Stuhl unterm Arm, und fragte, ob noch Platz sei. Von da an fragten auch andere. Erst waren es sechs Stühle. Dann acht. Dann zwölf.

Im Herbst kam das Erntefest, mit Strohballen und Kürbissen auf dem Marktplatz. Gudrun und ich schleppten unsere Klappstühle wie immer, aber diesmal hatten Freunde uns schon Plätze freigehalten. „Ihr wart fast zu spät", zog uns einer auf. „Fünf Minuten nur", rief ich zurück.

Mitten im Trubel kam ein kleiner Junge angetrottet, einen Kürbis im Arm, der fast größer war als er selbst. Nach ein paar Schritten ließ er ihn einfach auf Gudruns Stuhl fallen, plumpste hinterher und schnaufte. Gudrun rückte zur Seite, ohne zu fragen. Nach fünf Minuten trug er den Kürbis stolz weiter.

Gegen Nachmittag sagte jemand halb im Scherz: „Diese Stühle bräuchten mal einen Namen." Eine Frau rief: „Freundschaftsreihe!" Der Name blieb hängen.

Der Winter kam, die Konzerte am Hafen fielen aus. Ich dachte, wir würden uns erst im Frühling wiedersehen. Stattdessen rief Gudrun an. „Was, wenn wir uns freitags im Bürgerhaus treffen?" Wir mieteten den kleinen Saal für zwölf Euro die Stunde, teilten uns die Kosten. Der erste Freitag im Januar: nur wir zwei, Ingrid und der Feuerwehrmann, an einem viel zu großen Tisch, der für zwanzig Leute gedeckt war. Ingrid schaute auf die leeren Stühle und sagte: „Vielleicht war das keine so gute Idee." Ich schenkte Kaffee nach und sagte nichts.

Am zweiten Freitag saßen sechs am Tisch. Ein Mann, den keiner von uns kannte, blieb in der Tür stehen, bis Gudrun ihm einen Stuhl zeigte. Er setzte sich, rührte lange in seinem Kaffee, bevor er sagte, er sei vor einem Jahr aus Kiel nach Rendsburg gezogen und das sei der erste Nachmittag seither, den er nicht allein verbracht habe. Niemand sagte etwas Kluges dazu. Ingrid schob ihm einfach den Teller mit dem Streuselkuchen hin.

Als der Frühling zurückkam, waren aus den vier Stühlen im Bürgerhaus wieder mehr geworden.

Beim nächsten Schützenfestumzug kamen wir mit weit mehr Stühlen, als wir brauchten. Passanten blieben stehen. „Ist das die Freundschaftsreihe?" „Genau die." „Dürfen wir uns dazusetzen?" „Stuhl holen und ran."

Der Bürgermeister kam kurz vorbei, schüttelte ein paar Hände, sagte etwas Freundliches, das ich schon vergessen hatte, bevor er weiterging. Wichtiger war, was danach passierte: Ingrid stellte ihre Thermoskanne in die Mitte, füllte sie zum ersten Mal für alle statt nur für uns drei, und der Junge mit dem Kürbis vom letzten Herbst kam angerannt, diesmal ohne Kürbis, und fragte, ob er sich auf Gudruns Stuhl setzen dürfe, weil der der bequemste sei.

„Setz dich", sagte Gudrun und rückte ihren Kaffeebecher zur Seite, damit er Platz hatte.

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