Der Tisch am Fenster in der Feinbäckerei Lindgren

Ich arbeite seit elf Jahren als Kellnerin in der Feinbäckerei Lindgren, gleich um die Ecke vom Wittelsbacher Platz in München, und in dieser Zeit lernt man die Stammgäste besser kennen als so manchen Nachbarn. Man weiß, wer den Kaffee mit Hafermilch trinkt, wer die Zeitung von hinten liest, und wer samstags um halb neun schon vor der Tür wartet, obwohl wir erst um neun öffnen. Bei Frau Bergmann war es genau andersherum – sie kam erst kurz nach neun, immer allein, immer an denselben Tisch am Fenster, dritter von links, mit Blick auf die Buchhandlung gegenüber.

Ich weiß nicht, wie sie mit Vornamen heißt. Auf der Kreditkarte, die sie manchmal zahlt, wenn sie kein Bargeld dabei hat, steht Margit Bergmann. Sie muss um die sechzig sein, vielleicht ein bisschen älter, mit grauen Haaren, die sie immer zu einem Knoten hochgesteckt trägt, und einem Ehering, der schon ziemlich abgewetzt ist vom vielen Tragen. Jeden Samstag dasselbe: ein Milchkaffee, ein Rosinenbrötchen mit Butter, manchmal die Süddeutsche vom Nebentisch, die dort liegen bleibt. Sie sitzt da, schaut aus dem Fenster, blättert, isst langsam. Mehr nicht. Fast eine Stunde lang.

Die Kirchenglocken von St. Anna schlagen um neun, wenn ich den Rollladen hochziehe, und der Duft von frischem Zopfbrot zieht dann schon durch die halbe Straße – das ist mein liebster Moment an der ganzen Schicht, bevor der Betrieb losgeht. Danach kommen die ersten Läufer vom Englischen Garten rein, verschwitzt, hastig, dann die Familien mit Kinderwagen. Und irgendwann, ruhig, mit einer kleinen Handtasche über der Schulter, Frau Bergmann.

Ich habe sie nie mit jemandem gesehen. Bis zu diesem einen Samstag im Juli, an dem ein Mann mit ihr hereinkam. Groß, mit einer Windjacke, die aussah, als käme er direkt vom Tennisplatz am Hirschgarten. Er redete, während er noch im Türrahmen stand, sie sagte nichts. Ich dachte erst, es wäre vielleicht ihr Bruder oder ein Bekannter. Als sie an den Tresen kamen, um zu bestellen, hörte ich, wie er sagte: „Ich hab gedacht, ich überrasch dich mal, war heut früh mit dem Training fertig." Und sie: „Ah. Schön." Aber ihre Stimme klang, als hätte sie gerade den Zug verpasst.

Er wählte nicht ihren Tisch am Fenster, sondern einen mittendrin, „weil man da besser sieht, wer reinkommt", wie er sagte. Er bestellte für sie beide, bevor ich überhaupt fragen konnte, und zeigte ihr auf dem Handy irgendwelche Fotos von der letzten Tennisrunde. Sie nickte höflich, aß ihr Brötchen in kleineren Bissen als sonst. Als ich den Kaffee brachte, fing sie meinen Blick für einen Moment auf – ich weiß nicht genau, was ich darin gesehen habe, aber ich hab mich fast entschuldigt gefühlt, ihr den zweiten Milchkaffee hinzustellen, obwohl sie den doch bestellt hatte.

In den Wochen danach kam er nicht mehr mit. Aber irgendetwas hatte sich verändert. Sie brachte ihr eigenes Buch mit, nicht mehr die Zeitung vom Nebentisch. Und einmal, als ich den Kaffee brachte, sagte sie zu mir, fast beiläufig, während sie in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie kramte: „Wissen Sie, ich hab ihm gesagt, dass ich lieber allein herkomme. Er hat das erst nicht verstanden. Meinte, ob ihn das stört, mit ihm zusammenzusein." Ich hab nur genickt und den Zucker auf den Tisch gestellt, weil ich fand, das war nicht an mich gerichtet, sondern eher so, als müsste sie es einmal laut aussprechen, damit es stimmt.

Ich hatte damals selbst gerade Frühschicht bis vierzehn Uhr und wollte danach zu meiner Tochter zur Einschulungsfeier, also hatte ich nicht viel Zeit für lange Gespräche über Tischen. Aber diese eine Szene ist mir hängen geblieben, weil sie so gewöhnlich war und trotzdem etwas zeigte, was man selten sieht bei Paaren, die seit Ewigkeiten verheiratet sind – dass sie noch aushandeln, wem welcher Samstagvormittag gehört.

Es dauerte bis zum Herbst, bis ich die beiden wieder zusammen sah. Anfang Oktober, an einem Samstag, an dem draußen schon der erste Nebel über der Isar hing und die Kastanien vor der Bäckerei den Gehweg vollklebten. Diesmal kam er nicht einfach mit hereinspaziert. Er blieb an der Tür stehen, mit einem kleinen Blumenstrauß aus dem Laden zwei Türen weiter, und fragte sie, bevor sie überhaupt den Mantel ausgezogen hatte: „Darf ich heute wirklich mitkommen?" Sie lachte – ich hab's gehört, weil ich gerade den Tresen abwischte –, und sagte: „Nur wenn du meinen Tisch nimmst. Den am Fenster."

Sie setzten sich zusammen an den dritten Tisch von links. Er bestellte nichts von sich aus, wartete, bis sie mich rief. Sie erzählte ihm irgendwas von dem Buch, das sie gerade las, er hörte zu, ohne aufs Handy zu schauen. Als ich die Rechnung brachte, hatte ich das Gefühl, dass es zum ersten Mal seit Monaten kein geliehener Tisch mehr für ihn war, sondern einer, an den man ihn eingeladen hatte.

Ein paar Wochen später kam sie wieder allein. Business as usual, Milchkaffee, Rosinenbrötchen, Fenster. Aber diesmal legte sie beim Zahlen einen Zwanzig-Euro-Schein auf den Tisch, obwohl die Rechnung nur bei sechs Euro achtzig lag, und sagte, ich solle den Rest behalten. „Für die guten Ohren", meinte sie und zwinkerte. Ich hab mich bedankt und den Schein in die Schürzentasche gesteckt, ohne zu fragen, was sie damit meinte. Manche Dinge muss man als Kellnerin einfach so stehen lassen, wie sie gesagt werden.

Seitdem ist es wieder ihr fester Rhythmus: samstags allein, ab und zu mit ihm, aber dann fragt er vorher. Ich habe die beiden nie streiten hören, nie ein böses Wort. Nur diesen einen Satz, den er mal am Tresen zu ihr sagte, während ich die Milch aufschäumte: „Ich dachte immer, zusammen sein heißt, alles zusammen machen." Und sie, ganz ruhig, während sie ihre Handtasche über die Schulter hängte: „Heißt es auch. Nur nicht jede einzelne Stunde."

Rate article
MagistrUm
Der Tisch am Fenster in der Feinbäckerei Lindgren