Ich sitze im Auto vor der Charité und warte auf Marlene, meine Schwiegermutter, seit fast einer Stunde. Der Parkschein läuft ab, ich müsste eigentlich nachlösen, zwei Euro fünfzig für die nächste Stunde, aber ich bleibe sitzen, weil ich weiß, wie sie guckt, wenn ich zu spät zur Tür komme. Auf dem Beifahrersitz liegt eine Tüte vom Rossmann, Kompressionsstrümpfe, ihr Blutdruckmessgerät, das Radio, ohne das sie im Zimmer nicht einschlafen kann. Meine Frau Franziska hätte das alles selbst gebracht, aber sie wurde am Vormittag ins Labor gerufen, Bereitschaftsdienst, sie ist Fachärztin für Innere Medizin am Klinikum Neukölln, und wenn dort ein Notfall reinkommt, gibt es kein Vertagen.
Ich heiße Jonas, ich bin einundvierzig, Statiker bei einem Ingenieurbüro in Steglitz, und seit acht Jahren mit Franziska verheiratet. Marlene ist wegen einer Gallenoperation hier, nichts Dramatisches, aber sie ist zweiundsiebzig und jede Narkose macht ihr Angst. Ich trage die Tüten hoch, Zimmer 314, dritter Stock, Station für Innere Medizin. Im Flur riecht es nach Desinfektionsmittel und irgendwo nach Kaffee aus dem Automaten, jemand hat vergessen, den Pappbecher zu leeren.
Marlene teilt sich das Zimmer mit drei anderen Frauen. Eine davon, Karin, sitzt am Fenster und mustert mich, als ich reinkomme, mit einem Blick, den ich schon aus der Familie kenne, dem Blick, mit dem meine eigene Tante früher jeden Neuankömmling im Dorf abgetastet hat.
„Marlene, wer ist das für ein Mann?", fragt Karin, kaum dass ich die Tüten abgestellt habe. „Ich hab euch gerade unten über den Parkplatz gehen sehen."
„Das ist mein Schwiegersohn, Jonas. Meine Tochter musste zur Arbeit, sie ist Ärztin, hat mir schnell alles zusammengepackt, und er hat's vorbeigebracht. Ein Glücksfall, dieser Mann."
„Wissen Sie", sagt Karin, und legt dabei den Kopf schief, „ich seh Sie öfter bei uns in der Siedlung, in Rudow. Fast jeden Tag fahren Sie zu dieser jungen Frau, die schwanger ist. Spazieren zusammen, immer der weiße Mercedes."
Die anderen Frauen im Zimmer schauen sich an. Ich stehe da mit der leeren Tüte in der Hand und verstehe erst nach zwei Sekunden, dass sie mich meint.
„Karin, jetzt haben Sie ihn aber mit jemandem verwechselt", sagt Marlene, und ich höre, wie sie versucht, es leicht klingen zu lassen. „Sie wohnen doch am anderen Ende der Stadt, in Rudow kennt er niemanden."
„Ich hab ein Auge wie ein Falke. Ich bin mir sicher. Weißer Mercedes, oder?"
Ich fahre tatsächlich einen weißen Mercedes, einen C-Klasse-Kombi, den ich mir vor zwei Jahren gebraucht gekauft habe, weil er günstiger war als der Passat, den ich eigentlich wollte. Das sage ich aber nicht laut. Ich sage: „Muss ein Zufall sein, die Farbe fahren doch Tausende in Berlin", und lache kurz, zu kurz, das merke ich selbst.
Danach fahre ich nach Hause und denke den ganzen Abend nicht mehr daran. Es gibt in Berlin, glaube ich, mindestens zwanzigtausend weiße Mercedes-Kombis, und in Rudow kenne ich wirklich niemanden. Ich habe dort nie gewohnt, nie gearbeitet, keine Verwandten. Was ich aber nicht laut sage, nicht einmal mir selbst gegenüber, ist, dass ich in den letzten Wochen tatsächlich jemanden aus Rudow kenne. Léa.
Léa arbeitet als Statikerin im selben Büro wie ich, seit einem halben Jahr im selben Team, wir haben gemeinsam ein Brückenprojekt in Spandau betreut. Sie ist sechsundzwanzig, aus Lyon, seit drei Jahren in Berlin. Vor zwei Monaten hat sie mir beim Mittagessen erzählt, dass sie schwanger ist und der Vater des Kindes, ein Kollege aus ihrer alten Firma, sich abgesetzt hat, sobald er es erfuhr. Sie kannte hier niemanden außer mir, keine Familie in Deutschland, ihre Eltern in Frankreich alt und weit weg. Ich habe angefangen, sie manchmal nach der Arbeit zu besuchen, ihr geholfen, einen Kinderarzt zu finden, sie zweimal zum Vorsorgetermin gefahren. Nichts, was ich Franziska verheimlichen wollte, aber auch nichts, was ich ihr bisher erzählt habe, weil ich nicht wusste, wie ich anfangen sollte, ohne dass es falsch klingt. Genau das ist jetzt das Problem: es klingt falsch, egal wie ich es sage.
Am Tag vor Marlenes Entlassung liege ich nachts wach und rechne nach, wie oft ich in den letzten Wochen bei Léa war. Vielleicht zwölfmal. Genug, dass eine aufmerksame Nachbarin ein Muster erkennt.
Franziska holt ihre Mutter selbst aus der Klinik ab, mit dem Mercedes, ich bin an dem Vormittag im Büro. Als ich am Abend nach Hause komme, sitzt sie am Küchentisch, die Hände um eine Tasse Kamillentee gelegt, die längst kalt geworden ist.
„Mama hat mir was erzählt", sagt sie, ohne aufzublicken. „Eine Frau aus ihrem Zimmer will dich mit einer Schwangeren in Rudow gesehen haben. Fast jeden Tag."
Ich setze mich ihr gegenüber. Der Kühlschrank brummt, draußen bellt der Hund der Nachbarn, Herr Wegners Dackel, der jeden Abend um diese Zeit anschlägt, weil die Müllabfuhr am nächsten Morgen kommt und er die Tonnen am Straßenrand nicht mag.
„Das stimmt", sage ich. „Aber es ist nicht das, wonach es klingt."
Franziska sieht mich an, und ich erkenne den Ausdruck, den ich sonst nur kenne, wenn sie einem Patienten eine schlechte Diagnose erklären muss, ruhig, kontrolliert, als würde sie sich selbst dazu zwingen, keine Miene zu verziehen.
Ich erzähle ihr von Léa. Alles, von Anfang an, das Mittagessen, die Trennung von dem Kollegen, die Arzttermine, die Einkaufstüten, die ich manchmal auf dem Rückweg von der Arbeit vorbeibringe, weil sie keine Familie hier hat und im siebten Monat nicht mehr allein alles die drei Stockwerke ohne Aufzug hochtragen sollte. Ich erzähle ihr auch, warum ich nichts gesagt habe: weil Franziska seit der zweiten Operation, seit der Ärztin ihr gesagt hat, ihre Chancen auf eine eigene Schwangerschaft lägen bei unter fünf Prozent, jedes Gespräch über Babys, jede schwangere Frau im Supermarkt, jede Umarmung stärker meidet, als sie zugibt. Ich hatte Angst, dass allein die Erwähnung einer schwangeren Kollegin sie verletzt, egal wie harmlos die Geschichte ist.
„Du hättest es mir trotzdem sagen müssen", sagt sie, und ihre Stimme kippt zum ersten Mal in diesem Gespräch. „Nicht weil ich dir nicht vertraue. Sondern weil ich seit sechs Wochen im Bett liege und mir ausmale, was für ein Mann du sein könntest, wenn du wolltest, dass ich es nicht merke."
Ich sage ihr, dass Léa keine Rivalin ist, sondern eine Kollegin ohne Netz unter sich, und dass ich, statt mit ihr darüber zu reden, lieber geschwiegen habe, weil ich zu feige war, ihr weh zu tun. Sie steht auf, geht zum Fenster, dann zurück, dann wieder zum Fenster. Draußen hört der Dackel auf zu bellen.
„Ruf sie an", sagt Franziska schließlich. „Jetzt. Auf Lautsprecher. Ich will hören, wie sie über dich redet, wenn sie nicht weiß, dass ich zuhöre."
Léa geht beim dritten Klingeln ran, überrascht, weil ich um diese Uhrzeit sonst nie anrufe. Sie erzählt, ganz unbefangen, von der letzten Untersuchung, bedankt sich noch einmal, dass ich am Dienstag den Kinderwagen aus dem dritten Stock runtergetragen habe, fragt, ob Franziska sich von der Erkältung erholt hat, die ich ihr vor zwei Wochen erwähnt hatte. Kein einziges Wort, das nicht zu einer Kollegenfreundschaft passt. Franziska hört bis zum Ende zu, ohne etwas zu sagen, dann bedeutet sie mir mit einer Handbewegung, aufzulegen.
Am nächsten Wochenende fährt Franziska selbst nach Rudow, ohne mich, mit einer Kiste Babysachen aus dem Keller, die sie vor Jahren, in einer besseren Phase der Hoffnung, gekauft und nie benutzt hatte. Ich erfahre erst am Abend davon, als sie mit leeren Händen zurückkommt und sagt, Léa habe geweint, als sie die Kiste sah, und die beiden hätten zwei Stunden am Küchentisch gesessen.
Marlene ruft eine Woche später an, um sich, wie sie es nennt, "zu erkundigen, wie die Sache ausgegangen ist". Ich nehme das Telefon, bevor Franziska es tun kann.
„Es ist alles geklärt, Marlene", sage ich. „Und falls Karin fragt: der Mercedes gehört wirklich mir, aber die Frau in Rudow ist eine Kollegin, die Hilfe gebraucht hat. Nichts, worüber getuschelt werden muss."
Am Ende des Gesprächs bittet Franziska mich, ihr das Notizbuch aus dem Wohnzimmerschrank zu bringen, das dunkelgrüne mit dem Ledereinband, in dem sie seit der zweiten Operation Termine mit der Kinderwunschklinik in der Charité notiert hat, dazu die letzten Laborwerte. Sie streicht die nächsten drei geplanten Hormonbehandlungen durch, mit einem Kugelschreiber, ruhig, ohne Drama, und schreibt stattdessen einen neuen Termin darunter: Beratungsgespräch, Adoptionsvermittlungsstelle Berlin, Donnerstag, halb zehn. Sie klappt das Buch zu und legt es auf den Tisch, zwischen uns, offen für mich sichtbar.
„Ich zahle nicht mehr für Hoffnung, die mich jedes Mal aufs Neue zerbricht", sagt sie. „Ich will ein Kind, Jonas, kein weiteres Jahr Wartezimmer."
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