Ich bin Hausmeister in einer Wohnanlage in Leipzig-Gohlis, dreizehn Jahre jetzt, und ich kenne jeden Rasen in diesem Viertel besser als mancher Mieter sein eigenes Wohnzimmer. Drei Blöcke, zwölf Vorgärten, ein Schuppen voller Geräte, die ich eigentlich schon lange ersetzen müsste. Im Herbst ist bei mir immer Hochbetrieb, Laub, letzter Schnitt, die Rohre vor dem Frost prüfen. Ich erzähle das nur, weil ich an dem Tag im Grunde keine Zeit hatte für das, was dann passiert ist.
Herr Albrecht aus Haus B, Erdgeschoss rechts, Mitte siebzig, Frau vor vier Jahren gestorben, seitdem lebt er von Rente und Sturheit. Der Rasen vor seinem Fenster war sein letztes Projekt, das einzige, wofür er noch jeden Morgen um sieben aus dem Bett kam. Er hatte diesen Rasen auf Hochglanz getrimmt wie einen Golfplatz, Unkrautvernichter aus dem Baumarkt an der Prager Straße, jeden Quadratmeter abgesucht nach irgendwas, das nicht aussah wie Rasen. Kleeblätter hat er mit der Hand ausgerissen, auf den Knien, bei jedem Wetter.
Seine Tochter Jana, die kam aus Dresden jeden zweiten Sonntag mit dem Zug, brachte immer Streuselkuchen mit, den keiner wollte, und schimpfte dann mit ihm wegen des Gifts, das er auf den Rasen kippte. „Papa, das zieht ins Grundwasser, das riecht man noch im Treppenhaus." Er hat nur die Hand gehoben, weitergemacht.
Ich hab ihm im August gesagt, er solle den Klee einfach lassen. Er hat mich angeschaut, als hätte ich vorgeschlagen, seine Fenster mit Gülle zu putzen. „Das ist Unkraut, Herr Novak, das muss raus." Ich hab ihm nicht widersprochen, war nicht mein Rasen, war nicht meine Beerdigung, wenn man so will.
Dann kam der trockene September. Kein Regen, drei Wochen, die Stadtwerke haben zum Wassersparen aufgerufen, in der LVZ stand es auf der ersten Seite. Sein Rasen, der perfekte, gelb und braun und tot an manchen Stellen, wie verbrannt. Und zwei Meter weiter, am Rand zum Nachbargrundstück, wo der Klee sich trotz allem gehalten hatte — grün. Nicht schön grün, nicht Hochglanz, aber grün, lebendig, während drumherum alles aufgab.
Ich hab das gesehen, als ich den Müll rausgebracht hab, dienstagmorgens, kurz nach sechs, der Himmel noch grau, irgendwo bellte Frau Lindners Hund, der jeden Tag bellt, egal was passiert. Ich bin stehen geblieben, hab mir das angeschaut, und dachte, der Alte wird sich das nicht erklären können.
Er stand tatsächlich schon draußen, Kaffeetasse in der Hand, Bademantel über dem Pyjama, und starrte auf diesen grünen Flecken, als wäre der ihm persönlich etwas schuldig.
„Komisch, nicht?", hab ich gesagt, weil ich schon mal da stand.
„Das sollte tot sein", hat er geantwortet. „Ich hab's letzten Monat noch rausgezogen."
Ich hab ihm erzählt, was meine Schwester mir erzählt hat, die Agrarwissenschaft studiert hat in Halle, Jahre her, aber manches bleibt hängen. Dass der Klee an seinen Wurzeln kleine Knöllchen trägt, mit Bakterien drin, die Stickstoff aus der Luft holen, den Stickstoff, der sonst nur als Gas rumfliegt und für Pflanzen nichts nützt. Dass diese Bakterien den Stickstoff umbauen in etwas, das Wurzeln aufnehmen können, und der Klee ihnen dafür Zucker gibt, so ein Tauschgeschäft, seit Millionen Jahren. Dass der ganze gesammelte Stickstoff erst mal im Klee selbst bleibt, und richtig an den Boden geht, wenn die Pflanze abstirbt, verrottet, zurück in die Erde.
Herr Albrecht hat nichts gesagt. Hat seinen Kaffee getrunken, kalt wahrscheinlich schon.
„Sie haben die Dinger rausgerissen, die Ihren Rasen am Leben gehalten hätten", hab ich gesagt. Vielleicht zu direkt, aber ich hatte um sieben noch die Rinnen an Haus C zu reinigen.
Drei Wochen später, ich weiß das Datum noch, weil es der Tag war, an dem die Heizung in Haus A ausgefallen ist und ich den ganzen Vormittag im Keller verbracht habe — Jana kommt wieder, Sonntag, Streuselkuchen unter dem Arm, und findet ihren Vater nicht beim Gießen, sondern auf dem Boden kniend, mit einer Tüte Kleesamen aus dem Gartencenter an der Berliner Straße, die er sich selbst gekauft hatte. Vierzehn Euro neunzig die Tüte, stand noch der Preisaufkleber drauf, als ich ihn später in der Küche liegen sah.
Sie hat ihn gefragt, was er da macht. Er hat gesagt, er sät Klee. Sie hat ihn gefragt, ob er Fieber hat.
Ich hab's selbst nicht gesehen, das kam alles von ihr, Wochen später, als sie mal wieder im Hof stand und mit mir über den Winterdienst-Vertrag reden wollte, der eigentlich Hausverwaltungssache ist, nicht meine. Sie hat erzählt, ihr Vater hätte am Küchentisch gesessen, die leere Samentüte vor sich, und gesagt: „Ich hab fünfzehn Jahre gegen etwas gekämpft, das mir geholfen hätte." Nicht mehr, nicht weniger. Dann hat er den Rasendünger, zwei halbvolle Säcke, die noch im Schuppen standen, zu mir in die Garage gestellt und gesagt, ich soll die entsorgen, er braucht sie nicht mehr.
Jetzt, im November, steht der Rasen vor Haus B anders da als die anderen elf. Nicht gelb nach dem Sommer, nicht ausgedünnt wie bei Familie Reinhardt in Haus C, die immer noch Unkrautvernichter in der Tüte vom Baumarkt kaufen und sich wundern, warum sie jedes Jahr neu säen müssen. Herr Albrechts Rasen hat Flecken von Klee drin, bewusst gesät, nicht mehr bekämpft, und er erzählt mir inzwischen bei jeder Begegnung, wie viel Geld er sich spart, weil er den Dünger aus dem Baumarkt nicht mehr kauft.
Letzten Mittwoch hab ich ihn getroffen, wie er die Grasschnittreste nicht mehr zusammengefegt und weggeworfen hat, sondern einfach liegen gelassen, zwischen den Halmen, damit sie sich zersetzen. „Das düngt von selbst", hat er gesagt, fast ein bisschen stolz, als hätte er das selbst erfunden. Ich hab's ihm nicht ausgetrieben. Manche Dinge muss man einen alten Mann glauben lassen, sich selbst gemerkt zu haben.
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