Leo und die letzte Nacht in der Lindenstraße

„Ich will Leo noch einmal sehen. Holt ihn her, aber bitte – zerrt ihn nicht. Redet mit ihm, er versteht jedes Wort." Günther Albrecht sagte das mit einer Stimme, die kaum noch trug, in seinem Zimmer im zweiten Stock des Pflegeheims St. Jakob am Rand von Rothenburg ob der Tauber, wo die Fenster auf einen Kirschbaum hinausgingen, der im November schon kahl war. Sein Sohn Matthias nickte und ging hinaus.

Leo war dreizehn, fast blind, mit einem grauen Schleier über beiden Augen. Seit vier Jahren hatte er den alten Mann kaum verlassen – zuerst in der Wohnung über der Bäckerei Hummel in der Lindenstraße, wo Günther fast fünfzig Jahre gewohnt hatte, dann hier im Heim, seit acht Monaten, 2.340 Euro im Monat, die Matthias jeden Ersten vom Konto seines Vaters überwiesen hatte. Die Pflegerinnen hatten erst gemurrt, Tiere seien im Heim nicht vorgesehen, Hygienevorschrift, aber irgendwann hatte Schwester Birgit angefangen, Leo selbst Futter hinzustellen, wenn Günthers Hände zu zitterten, um die Dose zu öffnen. Ganze Nachmittage hatten die beiden zusammen verbracht, ohne ein Wort. Ein müder Mann. Eine müde Katze. Mehr brauchten die zwei nicht.

Als Matthias mit dem Katzenkorb zurückkam, konnte sein Vater die Hand kaum noch heben. Die Finger zitterten auf der Wolldecke mit dem Fischgrätmuster, die seine verstorbene Frau vor zwanzig Jahren gestrickt hatte. Die Augen suchten etwas im Zimmer. Jemanden.

Matthias setzte Leo aufs Bett. „Sag Papa Lebwohl, Leo. Er ist hier."

Leo brauchte keine Erklärung. Er ging zielsicher los, tastete sich die letzten Zentimeter am Geruch entlang und drückte seinen ganzen Körper gegen das Gesicht des alten Mannes.

„Leo", sagte Günther. „Mein Leo."

Die Katze strich mit der Schnauze über Wangen, Lider, Lippen, immer wieder, in kleinen Kreisen, als würde sie etwas abtasten, das sie sich merken wollte. Aus den Augen des alten Mannes liefen Tränen in die Falten, bis zum Kinn, ohne dass er sie wegwischte.

Mit letzter Kraft hob er die Hand und legte sie auf das warme Fell seines Freundes. Die Finger gehorchten ihm kaum noch. Aber Leo spürte die Berührung und drückte sich noch enger an ihn.

„Danke… für alles." Fast seine letzten Worte.

Dann wurde die Hand bewegungslos. Leo rührte sich nicht, blieb liegen, am Gesicht des Mannes. Draußen auf dem Flur lief leise der Fernseher einer Nachbarin, irgendein Spätprogramm, Stimmen ohne Bedeutung. Die Heizung klackte einmal kurz. Nur das Schnurren der Katze war zu hören, gleichmäßig, wie ein Motor, der nicht aufhören wollte zu laufen.

Matthias saß auf der Bettkante und hielt die Hand seines Vaters zwischen seinen. „Papa. Wir sind hier."

Da hob Leo den Kopf und miaute, nur einmal, ein kurzer, rauer Laut. Matthias presste die Lippen zusammen und starrte auf das Fischgrätmuster der Decke, bis die Streifen vor seinen Augen verschwammen. Dann berührte die Katze wieder die geschlossenen Lider, einmal, und noch einmal.

Gegen drei Uhr nachts kam Schwester Birgit herein, um den Puls zu prüfen, sah Leo auf der Brust des alten Mannes liegen und sagte nur: „Lassen Sie ihn, der stört hier keinen." Dann ging sie wieder hinaus und machte die Tür nicht ganz zu.

Als der Morgen kam, war Leo noch immer da. Erst als Matthias ihn hochnahm und an die Brust drückte, stieß Leo einen langen Seufzer aus und vergrub die Schnauze in der Hand des Sohnes.

Die Pflegerin kam mit dem Formular für die Zimmerräumung und fragte, ob die Katze bis zur Beerdigung noch im Heim bleiben könne, Vorschrift sei Vorschrift, aber eigentlich dürfe ohnehin kein Tier hier wohnen, das habe man bisher nur geduldet. Matthias sagte, er nehme Leo gleich mit, und wickelte ihn in die Fischgrätdecke, weil er im Auto zitterte.

Drei Tage später saß Matthias am Küchentisch in der Wohnung über der Bäckerei, zwischen Kontoauszügen, der Rechnung des Bestattungsinstituts Reinhardt über 3.890 Euro und einem Flyer für die Beerdigung am Freitag, und Leo lag zusammengerollt auf dem Stuhl gegenüber, auf dem Günther immer gesessen hatte, wenn er seine Kreuzworträtsel löste. Das Telefon klingelte. Die Heimleitung, wegen der letzten Rechnung – und dann, fast nebenbei, die Frage, was mit der Katze werden solle, ob er sie ins Tierheim nach Würzburg geben wolle, dort nähmen sie auch alte Tiere, das sei kein Problem, viele Angehörige würden das so machen.

Matthias sagte nichts, sah auf Leo, der die blinden Augen halb geschlossen hatte und in Richtung des leeren Stuhls lag, an dem früher der Zeitungsraschel gewesen war. Er legte den Hörer auf, ohne eine Antwort gegeben zu haben, stand eine Weile am Fenster, dann noch eine Weile länger, bis ihm kalt wurde. Erst am Abend, als er Leos Fressnapf mit dem abgesplitterten Rand in eine Kiste packte, zusammen mit der halbvollen Tüte Felix-Trockenfutter aus dem Küchenschrank, wusste er, dass er ihn nicht wegschicken würde.

Er fuhr noch in derselben Nacht mit der Katze nach Nürnberg, wo er seit Jahren in einer Zweizimmerwohnung in der Südstadt lebte, und stellte den Napf neben seinen eigenen Küchentisch. Am nächsten Morgen rief er beim Tierarzt an, nicht um Leo einschläfern zu lassen, wie die Pflegerin es ihm halb vorgeschlagen hatte, sondern um einen Termin für eine Routineuntersuchung zu machen und ihn offiziell umzumelden. Dreizehn Jahre alt, trug der Tierarzt in den Impfpass ein, neuer Halter: Matthias Albrecht.

Leo schlief fortan auf dem karierten Kissen, das früher auf Günthers Bett gelegen hatte und das Matthias aus der Wohnung in der Lindenstraße mitgenommen hatte, und miaute jeden Abend genau einmal, kurz vor dem Schlafengehen – als erinnerte er jemanden daran, dass er noch da war.

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