Zwölf Wochen mit Minna

Minna ist eine Chihuahua-Hündin, drei Kilogramm, mit einem Fell so fuchsrot wie die Herbstblätter vor der Terrassentür in Lüneburg. Als sie im August ihre fünf Welpen bekam, war sie plötzlich keine verspielte kleine Streunerin mehr, die abends auf dem Sofa Kartoffelchips bettelte. Sie wurde Wache, Kissen und Nachtlicht in einem.

Ich erinnere mich an die erste Nacht danach. Der Wäschekorb stand neben der Heizung im Flur, mit einer alten Wolldecke von meiner Oma ausgelegt, die nach Lavendelwaschmittel roch. Minna legte sich hinein und rührte sich kaum. Draußen rauschte die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, drinnen tickte nur die Küchenuhr. Jedes Mal, wenn einer der Welpen quietschte, hob sie den Kopf, zählte sie mit der Nase durch – eins, zwei, drei, vier, fünf – und erst wenn alle an ihrem Bauch lagen, ließ sie sich zurücksinken.

Die ersten beiden Wochen verließ sie den Korb fast nicht. Mein Mann musste ihr das Futter direkt neben die Decke stellen, weil sie nicht länger als zwei Minuten von den Kleinen weg sein wollte. Einmal klingelte der Postbote, Minna sprang auf, die Pfoten schon auf dem Flurboden, den Blick zwischen Tür und Korb hin und her – dann drehte sie sich wieder zur Decke und legte sich darauf. Der Brief konnte warten.

Nach drei Wochen öffneten die Welpen die Augen, und das Chaos begann. Sie torkelten über Minnas Rücken, kletterten ihr auf den Kopf, bissen in ihre Ohren. Sie ließ es zu. Einer der Rüden, den wir Keks nannten, weil er die Farbe von Butterkeksen hatte, schlief jede Nacht genau an ihrem Hals, als wäre dort sein fester Platz reserviert. Wenn ich morgens in die Küche kam, um Kaffee zu machen, lagen meist alle fünf irgendwo auf ihr verteilt – einer auf der Hüfte, zwei zwischen den Vorderpfoten, zwei am Bauch. Minna verharrte dann vollkommen still, die Pfoten leicht gespreizt, damit keiner herunterfällt, während ich die Kaffeemaschine anschaltete und sie mich über den Rand des Korbs beobachtete.

Mit sechs Wochen begannen sie, den Flur zu erkunden. Sie stolperten über die Türschwelle ins Wohnzimmer, schnupperten an den Hausschuhen meines Mannes, erschraken vor dem Staubsauger. Aber egal, wie weit sie sich wagten – spätestens nach zehn Minuten kamen sie zurück, drängten sich aneinander vorbei zu ihr, suchten den Herzschlag, den sie seit dem ersten Atemzug kannten. Minna nahm sie jedes Mal gleich auf, leckte kurz über die Köpfe, roch an jedem einzeln, als würde sie kontrollieren, ob unterwegs etwas passiert war.

Jetzt sind sie elf Wochen alt, und vier von ihnen ziehen in dieser Woche zu neuen Familien – eine nach Celle, eine nach Hannover, zwei bleiben in Lüneburg bei Nachbarn, die wir kennen. Nur Keks bleibt bei uns. Gestern kam die Familie aus Celle vorbei, um die kleine Hündin kennenzulernen, die sie Paula nennen wollen. Minna setzte sich sofort zwischen Paula und die fremden Füße, nicht knurrend, nicht aggressiv – sie beobachtete nur, prüfend, fast wie eine Mutter, die beim ersten Date der Tochter in der Tür steht.

Als die Familie ging, mit Paula in einer Decke, die nach unserem Flur roch, blieb Minna am Fenster stehen und sah dem Auto nach, bis es um die Ecke zur Lindenstraße verschwunden war. Dann drehte sie sich um, ging zu den vier verbliebenen Welpen, legte sich zwischen sie und zählte wieder mit der Nase: eins, zwei, drei, vier. Keiner fehlte, den sie jetzt noch behalten durfte.

Mein Mann sagt, wir sollten aufhören zu züchten, bevor sich das wiederholt – es tut ihr sichtlich etwas, jedes Mal eines gehen zu lassen. Ich weiß es noch nicht. Aber ich weiß, dass sie heute Abend wieder im Wäschekorb liegen wird, die Pfoten gespreizt, Keks an ihrem Hals, und dass sie ihn genauso zählen wird wie die anderen vier all die Wochen davor: als wäre er das Einzige, was gerade zählt.

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MagistrUm
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