Die achtzehn Stufen bis zur Wohnung von Rosalinde Ahlers

Ich bin Hausmeister in einem Mehrfamilienhaus in der Lindenstraße in Bielefeld, seit einundzwanzig Jahren, und man lernt in der Zeit jede Tür kennen, jedes Klingelschild, jeden Geruch im Treppenhaus. Bei Frau Ahlers im dritten Stock riecht es immer nach Bohnenkaffee und nach dem Lavendelspray, mit dem sie die Türmatte einsprüht. Ich erzähle das hier nicht, weil ich etwas von ihr will. Ich erzähle es, weil ich zufällig dabei war, an dem Nachmittag im Oktober, als bei ihr die Rechnung ankam.

Frau Ahlers ist zweiundsiebzig. Ihr Mann Werner ist vor vier Jahren gestorben, an einem Dienstag im Februar, das weiß ich noch genau, weil ich an dem Tag den Krankenwagen reingelassen habe. Seitdem lebt sie allein, achtzehn Stufen hoch, keinen Aufzug, das Haus ist von 1962. Sie zahlt pünktlich, sie beschwert sich nie, außer über die Fahrräder im Hausflur, und einmal im Monat bringt sie mir ein Glas selbstgemachte Quittenmarmelade, ohne dass ich danach gefragt hätte.

Ihr Sohn Kai-Uwe wohnt in Herford, zwanzig Minuten mit dem Auto, und kommt fast nie. Seine Frau Denise war mir bis zu diesem Herbst nur vom Sehen bekannt: kurze blonde Haare, immer ein Handy am Ohr, ein grauer VW Tiguan, den sie gern doppelt parkt, direkt vor der Einfahrt, wo es eigentlich verboten ist. Ich hatte sie zweimal deswegen angesprochen. Beide Male hat sie mich angeschaut, als hätte ich sie beim Falschparken auf ihrem eigenen Grundstück erwischt.

An dem Tag im Oktober war ich im Erdgeschoss, wechselte die Glühbirne über dem Briefkasten, als der Postbote kam und mir die Sendungen für den dritten Stock in die Hand drückte, weil Frau Ahlers gerade nicht öffnete. Unter den Prospekten war ein Brief von einem Notar aus Herford. Ich habe ihn natürlich nicht geöffnet, aber ich habe ihn eine Viertelstunde später oben abgegeben, an ihrer Tür, und da war sie schon nicht mehr allein.

Kai-Uwe und Denise saßen bei ihr am Küchentisch. Die Tür stand einen Spalt offen, weil die alte Klingel nicht richtig schließt, das repariere ich seit Monaten nicht, ich geb's zu, ich komm nicht dazu. Ich wollte nur den Brief durch den Spalt reichen und wieder gehen. Aber dann hörte ich Denises Stimme, und die war so laut, dass ich stehen blieb, mit dem Umschlag noch in der Hand.

Es ging um das Reihenhaus in Schildesche. Werner hatte es 1979 gebaut, mit eigenen Händen zum Teil, das hatte Frau Ahlers mir mal erzählt, an einem Abend, als sie mir noch ein Glas Marmelade brachte und dabei fast geweint hat, weil sie den Garten dort so vermisst. Seit Werners Tod steht das Haus leer, vermietet, die Miete geht auf ihr Konto, achthundertfünfzig Euro im Monat, ihre einzige Rente außer der gesetzlichen.

„Mama, du wohnst hier im dritten Stock ohne Aufzug, du wirst siebzig — "

„Zweiundsiebzig", sagte Frau Ahlers, ruhig.

„Zweiundsiebzig, umso mehr. Das Haus in Schildesche steht doch nur rum. Wir haben mit dem Notar gesprochen, es wäre steuerlich viel klüger, wenn es schon jetzt auf uns überschrieben wird, statt später über die Erbschaft, das kostet sonst unnötig Geld."

Ich stand da mit dem Brief und wusste nicht, ob ich klopfen oder verschwinden sollte. Durch den Spalt sah ich Frau Ahlers' Hände auf dem Tischtuch, dem karierten, das sie im Sommer immer zum Lüften über die Balkonbrüstung hängt. Sie hat die Hände nicht bewegt. Kein Zittern, nichts.

„Und wo soll ich dann wohnen, wenn ich das Haus weggebe?"

„Hier natürlich, Mama, hier ist es doch schön." Das war Kai-Uwe, aber er sagte es, ohne aufzuschauen von seinem Handy.

Denise legte einen Ordner auf den Tisch, dunkelblau, mit einem Aufkleber vom Notariat. „Wir haben den Vertrag schon vorbereitet lassen. Du musst nur unterschreiben. Wir übernehmen dann auch alle Kosten fürs Haus, die Grundsteuer, alles."

Da hat Frau Ahlers etwas gemacht, das ich nicht erwartet hatte. Sie hat den Ordner nicht angerührt. Sie hat aufgestanden, ist zur Anrichte gegangen, hat die Kaffeekanne geholt und noch einmal allen dreien eingeschenkt, auch sich selbst, in Ruhe, als wäre nichts gesagt worden. Erst als sie wieder saß, hat sie geredet.

„Ich überleg's mir. Ich hab Zeit."

„Mama, das Angebot vom Notar ist nur bis Ende des Monats so günstig, die Gebühren—"

„Ich überleg's mir", wiederholte sie, genau gleich, genau in dem Ton.

Ich hab dann geklopft, den Brief reingereicht, mich entschuldigt für die Störung. Denise hat mich angeschaut, als wäre ich zur falschen Zeit aufgetaucht — was ja auch stimmte, nur nicht aus dem Grund, den sie dachte. Kai-Uwe hat kaum genickt. Ich bin wieder runtergegangen, achtzehn Stufen, und hab weiter an der Glühbirne rumgeschraubt, ohne dass sie wirklich kaputt gewesen wäre.

Danach war zwei Wochen lang Ruhe. Ich hab Frau Ahlers nur noch mit dem Einkaufstrolley gesehen, am Dienstag und am Freitag, wie immer, Rewe an der Ecke Ravensberger Straße. Einmal hab ich sie gefragt, mehr aus Höflichkeit als aus Neugier, ob alles in Ordnung sei. Sie hat gesagt: „Alles bestens, Herr Brodowski", und mir die Tür aufgehalten, obwohl ich derjenige war, der eigentlich die Tür für sie hätte aufhalten sollen.

Am dritten Freitag im November kam der Anruf, den ich zufällig mitbekommen habe, weil ich gerade den Rauchmelder im Treppenhaus vor ihrer Tür austauschte und sie mit offener Wohnungstür telefonierte, das Fenster zum Hof stand auf, der Herbstwind trug die Wörter bis zu mir. Es war ihr Neffe, Bertram, glaube ich, der Notar in Bielefeld-Mitte. Sie hatte ihn selbst angerufen, ohne Kai-Uwe, ohne Denise.

„Ich will das Haus in Schildesche nicht verschenken", sagte sie. „Ich will es verkaufen. An wen ich will. Und was danach mit dem Geld passiert, entscheide ich."

Zwei Wochen später, an einem Samstagmorgen, kam ein Möbelwagen. Nicht groß, ein kleiner Transporter, mit dem Logo einer Umzugsfirma aus Gütersloh. Frau Ahlers stand im Hausflur, in ihrem grauen Wollmantel, eine Aktenmappe unter dem Arm, braun, mit Gummiband drum. Ich hab ihr die Tür aufgehalten, das eine Mal, wo es wirklich zählte.

„Verkauft?", hab ich gefragt, mehr weil ich neugierig war als weil es mich was anging.

„Verkauft. An das junge Ehepaar aus Sennestadt, die zwei Kinder haben und keinen Garten. Zweihundertzehntausend Euro. Steht alles hier drin." Sie klopfte auf die Mappe. „Kai-Uwe weiß es noch nicht. Ich sag's ihm heute Abend, beim Essen."

„Und die Wohnung hier?"

„Bleib ich. Achtzehn Stufen sind gut für die Knie, hat mein Arzt gesagt." Ein kurzer Moment, in dem sie die Gummibandschlaufe der Mappe zwischen zwei Fingern drehte. „Und mit dem Geld hab ich mir einen Treppenlift bestellen lassen. Wird nächste Woche eingebaut."

Ich hab nichts mehr gesagt, nur genickt — obwohl das eines der Wörter ist, die ich sonst vermeide, aber hier passte es einfach, weil es genau das war, mehr nicht. Sie ist an mir vorbei zum Briefkasten gegangen, hat einen Umschlag rausgezogen, adressiert an einen Bertram Wehmeyer, Notariat Bielefeld-Mitte. Dann ist sie die achtzehn Stufen wieder hoch, langsam, aber ohne stehen zu bleiben, mit der Mappe fest unter dem Arm.

Kai-Uwe kam drei Tage später vorbei, allein, ohne Denise. Ich hab den Tiguan diesmal richtig geparkt gesehen, in der Parkbucht, nicht vor der Einfahrt. Er ist eine Dreiviertelstunde oben geblieben. Als er wieder runterkam, sah er aus wie jemand, der gerade eine Rechnung präsentiert bekommen hat, die er selbst nicht erwartet hatte zu bezahlen. Er hat mir kurz zugenickt im Vorbeigehen, nichts gesagt.

Frau Ahlers bringt mir seitdem immer noch die Quittenmarmelade, jeden ersten Sonntag im Monat. Letzten Sonntag hat sie mir erzählt, der Treppenlift sei eingebaut, sie benutze ihn kaum, außer wenn sie schwere Einkäufe hochträgt. „Für den Notfall", hat sie gesagt. „Man weiß ja nie, wie lang die Knie noch mitmachen." Dann hat sie mir das Marmeladenglas in die Hand gedrückt und ist zurück nach oben, achtzehn Stufen, ohne den Lift.

Rate article
MagistrUm
Die achtzehn Stufen bis zur Wohnung von Rosalinde Ahlers