Siebzehn Jahre arbeite ich jetzt im Tierheim Nordfriedhof in Dortmund, und ich dachte, ich hätte alles gesehen. Aber was am letzten Donnerstag in Zwinger B passierte, das nehme ich mit, wenn ich irgendwann in Rente gehe.
Ich bin die, die morgens die Näpfe füllt und abends die Zwinger abschließt. Niemand fragt mich nach meiner Meinung, ich bin einfach da. An diesem Tag hatte ich Spätschicht, eigentlich wollte ich um sechs Feierabend machen, meine Enkelin hatte Geburtstag, es gab Kartoffelsalat und diese schreckliche Vanilletorte aus dem Supermarkt, die sie so liebt. Aber dann kam diese Frau.
Sie hieß Brigitte Lohmann, stand im Formular, Alter 61, Rentnerin, früher Krankenschwester im Klinikum. Sie war schon zum dritten Mal da in zwei Wochen. Immer ging sie an den jungen Hunden vorbei, an den Labradormischlingen, die an den Gittern hochsprangen und bellten, als würden sie um ihr Leben flehen. Sie ging direkt zu Zwinger B, letzte Reihe, zu Rex.
Rex ist ein Pitbull, dreizehn Jahre alt, sein linkes Ohr hängt schief, weil es mal in einer Beißerei verletzt wurde, bevor er zu uns kam. Er liegt den ganzen Tag auf seiner Decke und hebt kaum den Kopf, wenn Besucher kommen. Die Kinder aus der Nachbarschaft, die manchmal mit ihren Eltern durchgehen, machen einen Bogen um ihn, weil die Rasse den Leuten hier immer noch Angst macht, auch wenn Rex seit Jahren niemandem etwas getan hat außer vielleicht einer Socke, die er mal gestohlen und zerfetzt hat.
Frau Lohmann setzte sich jedes Mal auf den Betonboden vor sein Gitter. In ihrem beigen Regenmantel, der schon am Knie einen Fleck hatte. Sie sprach nicht viel mit ihm, sie saß einfach da und aß ihr belegtes Brot, das sie mitgebracht hatte, und Rex schaute sie an, ohne sich zu bewegen.
„Der kommt sowieso nicht mehr raus hier, oder?", fragte sie mich einmal, während ich den Nachbarzwinger auswischte.
Ich wollte lügen, aber ich konnte es nicht. „Mit dreizehn, bei der Rasse — die Leute wollen was Junges, was zum Joggen, was fürs Enkelkind zum Spielen."
Sie nickte nur und kaute weiter an ihrem Brot.
Was ich damals nicht wusste: Ihr Mann war im Februar gestorben, nach vierzig Jahren Ehe, Herzinfarkt beim Rasenmähen, einfach so, mitten im Satz über das Wetter. Ihre Tochter lebte in Hamburg und rief jeden Sonntag um halb neun an, zehn Minuten, dann war das Gespräch vorbei. Frau Lohmann hatte seit April mit niemandem länger als diese zehn Minuten gesprochen. Das erzählte sie mir erst viel später, als wir uns schon besser kannten, an einem Nachmittag, an dem der Fernseher im Pausenraum irgendeine Kochshow zeigte und keiner zuhörte.
An diesem Donnerstag kam sie mit der Leine. Einfach so, ohne große Ankündigung, legte sie das Formular auf meinen Schreibtisch und sagte: „Ich nehme den mit dem schiefen Ohr."
Unser Tierarzt, Herr Dr. Vollmer, runzelte die Stirn, als er die Papiere unterschrieb. „Sind Sie sicher? Bei dem Alter, die Hüften sind schon nicht mehr die besten, es kann teuer werden mit den Tierarztkosten."
„Ich war vierunddreißig Jahre Krankenschwester", sagte sie. „Ich weiß, wie man sich um jemanden kümmert, der nicht mehr der Jüngste ist."
Ich half ihr, Rex aus dem Zwinger zu holen. Er zitterte leicht, als ich ihm das Halsband umlegte, nicht aus Angst, glaube ich, sondern weil er es nicht gewohnt war, überhaupt angefasst zu werden. Draußen auf dem Parkplatz stand ihr alter blauer Opel Corsa, die Rückbank mit einer karierten Decke ausgelegt.
Rex blieb stehen, bevor er einstieg. Er drehte den Kopf zum Tierheim zurück, zu dem grauen Flachbau mit den vergitterten Fenstern, in dem er die letzten vier Jahre verbracht hatte. Dann drehte er sich wieder um und sprang ins Auto, ohne dass irgendjemand ihn schieben musste.
Ich stand da mit dem leeren Halsband in der Hand und sah, wie der Opel vom Hof fuhr, und mir fiel ein, dass ich eigentlich Feierabend machen wollte wegen der Vanilletorte. Ich kam dann doch noch pünktlich, aber ich war mit den Gedanken woanders.
Die Geschichte hätte für mich hier enden können. Ein Hund weniger im System, ein Fall abgeschlossen. Aber Frau Lohmann kam zwei Wochen später wieder vorbei, nicht um einen zweiten Hund zu holen, sondern um mir Fotos zu zeigen auf ihrem alten Nokia-Handy mit dem gesprungenen Display.
Rex schlief jetzt auf einer Decke direkt neben ihrem Bett, nicht im Flur, wie sie ursprünglich geplant hatte. Er hatte angefangen, morgens mit dem Schwanz zu wedeln, wenn sie aus der Küche kam, erst zögerlich, ein kleines Klopfen auf den Holzboden, dann richtig. Sie ging mit ihm jeden Morgen um sieben zum Phoenixsee, langsam, weil seine Hüfte es nicht anders zuließ, und er schnupperte an jedem Grashalm, als müsste er dreizehn Jahre Versäumtes nachholen.
„Er hat gestern zum ersten Mal mit mir gespielt", sagte sie, und ihre Stimme klang anders als sonst, höher, fast wie die einer jungen Frau. „Ich hab einen Ball geworfen, nur so aus Spaß, ich dachte, er rührt sich nicht. Und er ist hinterhergelaufen. Nicht schnell. Aber er ist gegangen."
Im September kam sie noch mal, mit einer Rechnung vom Tierarzt über dreihundertzwanzig Euro für eine Hüftbehandlung und einer Entschlossenheit im Gesicht, die ich vorher nicht an ihr gesehen hatte. Ihre Tochter aus Hamburg hatte angerufen, nicht sonntags, sondern an einem Mittwoch, und gesagt, die Mutter solle den Hund doch wieder zurückbringen, das sei doch Unsinn, mit sechzig Jahren noch so ein krankes altes Tier zu übernehmen, das würde doch nur Ärger und Kosten machen und sowieso nicht mehr lange leben.
Frau Lohmann hatte aufgelegt, ohne zu antworten. Dann hatte sie ihr Sparbuch geholt, auf dem noch die Rücklage für eine neue Waschmaschine lag, die ohnehin schon zwölf Jahre alt war und rumpelte wie ein Güterzug. Sie hatte das Geld stattdessen für Rex' Hüftoperation genommen, denn die alte Waschmaschine, sagte sie zu mir, könne noch ein paar Jahre halten, aber Rex habe keine Jahre mehr zu verschenken.
Ich sah die beiden zuletzt vor drei Wochen, beim herbstlichen Tag der offenen Tür im Tierheim, zu dem frühere Besitzer manchmal zurückkommen. Rex lag unter einem Kastanienbaum, die Blätter fielen auf sein Fell, und er hob den Kopf nicht einmal, als ein Jack Russell vorbeikläffte. Frau Lohmann saß auf der Bank daneben, hielt eine Thermoskanne mit Kaffee in der Hand, und erzählte mir, dass sie jetzt endlich wieder durchschläft, zum ersten Mal seit dem Februar.
„Die Leute im Haus sagen, ich bin verrückt, einen so alten Hund zu nehmen, der bald sterben wird", sagte sie, während sie Rex' graue Schnauze kratzte. „Aber wissen Sie was? Jeder Tag, an dem er nicht mehr warten muss, zählt doppelt. Das ist keine verschwendete Zeit. Das ist die einzige Zeit, die noch was wert ist."
Ich hatte an diesem Tag eigentlich keine Zeit, mich hinzusetzen, es waren noch zwölf andere Zwinger zu reinigen und ein neuer Wurf Welpen kam um vier Uhr an. Aber ich blieb trotzdem fünf Minuten auf dieser Bank sitzen, neben einer Frau, die eine Waschmaschine gegen eine Hüftoperation getauscht hatte, und einem Hund, der endlich nicht mehr in Reihe B auf jemanden wartete, der nie kam.
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