Ein halbes Leben lang dasselbe Kopfkissen, und irgendwann merkt man nicht mehr, dass der Mensch daneben wach liegt

Ich heiße Johannes, bin 72, und seit fast vierundvierzig Jahren mit derselben Frau verheiratet. Wir wohnen in Görlitz, in einer Altbauwohnung an der Neiße. Vom Schlafzimmerfenster aus sieht man im Winter die Lichter auf der polnischen Seite. Meine Frau heißt Beate, sie ist 69, und wenn man so lange zusammen ist, glaubt man irgendwann, man wüsste alles über den anderen. Das ist ein Irrtum.

Beate war immer diejenige, die früh ins Bett ging. Ich bin der Nachteule-Typ, sitze gern bis nach Mitternacht vor dem Fernseher. Früher, als die Kinder noch im Haus waren, sind wir trotzdem meistens zusammen schlafen gegangen. Da gab es noch etwas zu besprechen: wer bringt wen zum Fußball, was gibt es am Wochenende, hast du den Zahnarzttermin für die Große gemacht. Später, als beide ausgezogen waren, blieb die Gewohnheit. Man legt sich eben zusammen hin, das gehört sich so.

Dann, vor ungefähr einem Jahr, hat Beate angefangen, immer früher zu gehen. Erst kurz nach elf. Dann um halb elf. Dann manchmal schon um zehn. Ich saß derweil im Wohnzimmer, die Sportschau lief, und dachte mir nichts dabei. Sie wird eben müde. Mit 69 darf man das.

Eines Abends ging ich ins Schlafzimmer, um das Ladegerät für mein Tablet zu holen. Die Steckdose neben ihrem Nachttisch ist die einzige, die nicht wackelt. Ich machte die Tür auf, so leise ich konnte, und da saß sie im Bett. Licht an. Lesebrille auf der Nase. Ein Buch in der Hand, das sie schon seit Wochen liest, irgendein Roman, der auf Rügen spielt.

Ich war überrascht. „Ich dachte, du schläfst längst.“

„Nein.“

Mehr nicht. Kein „Kann nicht einschlafen“, kein „Der Buchclub trifft sich morgen und ich muss die Kapitel fertig haben“. Nur: nein.

Diese Szene wiederholte sich. Nicht zweimal, nicht dreimal. Ich ging abends rein, weil ich etwas suchte, eine Zeitschrift, meine Lesebrille, was auch immer, und sie lag da. Wach. Meistens mit demselben Buch. Sie wirkte nicht gestresst, eher ruhig. Fast erleichtert.

Irgendwann begriff ich, dass sie nicht früh schlafen ging. Sie verließ das Wohnzimmer.

Ich stellte sie eines Abends zur Rede. Das war im November, draußen hatte es den ganzen Tag geregnet, und im Hausflur roch es nach nassem Laub, weil der Nachbar von unten seine Schuhe vor der Tür stehen ließ. Beate klappte das Buch zu, ohne ein Lesezeichen hineinzulegen, was mir auffiel, weil sie sonst immer eines nimmt.

„Ich habe es satt“, sagte sie, „jeden Abend das anzuschauen, was du anschauen willst.“

Ich verstand zuerst nicht. Wir haben zwei Fernseher. Einen im Wohnzimmer, einen im ehemaligen Kinderzimmer, das jetzt ihr Nähzimmer ist.

„Dann schau doch im Nähzimmer, was du willst“, sagte ich.

Sie schüttelte den Kopf. „Dann essen wir zu Abend, und danach geht jeder in sein Zimmer. Das ist doch kein Zusammenleben.“

Da begann ein Gespräch, das mir nicht gefiel. Sie erklärte mir, dass unser Alltag seit meiner Pensionierung vor sieben Jahren geschrumpft sei. Ich schaue Sport, Nachrichten, ab und zu eine Doku über irgendwelche Tiere. Sie setzte sich dazu, obwohl es sie oft nicht interessierte. Sie hatte irgendwann aufgehört, etwas anderes vorzuschlagen. Stattdessen ging sie ins Bett. Mit einem Buch.

„Wir reden seit Monaten nicht mehr als zwanzig Minuten am Stück“, sagte sie. „Und meistens geht es um den Einkaufszettel.“

Das fand ich übertrieben. Richtig übertrieben. Ich versuchte, mich an das letzte lange Gespräch zu erinnern. Ein Gespräch, bei dem es um mehr ging als darum, ob wir am Samstag zu REWE oder zu Edeka fahren. Mir fiel nichts ein. Nicht eines. Wir aßen zusammen. Wir planten die Woche. Wir gingen sonntags an der Neiße spazieren. Aber das waren Handgriffe. Kein Reden.

Ich fragte sie, ob sie mich leid sei.

Sie überlegte einen Moment. Das merkte ich daran, dass sie mit dem Daumen über den Buchrücken strich, viermal hin und her.

„Ich bin nicht dich leid“, sagte sie. „Ich bin es leid, wie wir leben.“

Das war kein Trost. Im Gegenteil.

Die folgenden Tage war ich wütend. Ich fand sie unfair. Jahrelang war ich überzeugt, wir hätten eine ruhige Ehe. Keine großen Streits mehr, kein Aufbrausen, keine Auseinandersetzungen darüber, wer recht hat. Das hatte ich für reif gehalten. Für einen Verdienst. Und nun erklärte sie mir, dass das, was ich Ruhe nannte, für sie Leere war.

Aber sie räumte auch ein, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sich abends klammheimlich zurückzuziehen, ohne etwas zu sagen, monatelang — das sei feige gewesen. Das sagte sie selbst. „Ich hätte es dir früher sagen müssen. Aber ich wusste nicht, ob es dich überhaupt interessiert, was ich denke.“

Dieser Satz saß. Direkt unter dem Brustbein.

Wir fingen mit kleinen Dingen an. Zwei Abende in der Woche bleibt der Fernseher nach dem Essen aus. Manchmal reden wir dann. Nicht über den Einkaufszettel, sondern über Dinge, die uns wirklich beschäftigen. Über unsere Tochter, die in Dresden lebt und deren Arbeitgeber schon das zweite Mal in drei Jahren umstrukturiert. Über den Zustand der Welt. Manchmal spielen wir Rommé, und Beate gewinnt fast immer, weil sie sich Karten merken kann wie kein zweiter Mensch.

An anderen Abenden machen wir getrennt etwas. Ich schaue weiterhin Champions League, sie geht in ihren Buchclub, donnerstags um kurz nach sechs in der Stadtbibliothek. Was dort genau passiert, weiß ich nicht, aber sie kommt danach immer mit geröteten Wangen nach Hause, und einmal hatte sie einen Zettel dabei, auf dem sie sich Notizen gemacht hatte, ordentlich mit Unterstreichungen.

Das Seltsame ist: Wir begannen, einander zu fehlen. Ich saß vor dem Fernseher, und plötzlich achtete ich auf die Stelle neben mir, an der sonst ihr Atem war. So etwas hatte ich seit Jahrzehnten nicht gespürt.

Letzte Woche ging sie wieder um halb zehn ins Bett. Ich blieb noch einen Moment sitzen und überlegte, ob ich etwas falsch gemacht hatte. Dann bin ich aufgestanden und habe gefragt, ob alles in Ordnung sei.

Sie lag schon unter der Decke, das Buch auf dem Nachttisch, und schnaubte belustigt durch die Nase.

„Heute bin ich wirklich müde“, sagte sie.

Ich glaubte ihr. Nicht, weil sie es sagte, sondern weil sie dabei die Augen zugemacht hatte, noch während sie sprach. So müde war sie.

Ich sitze jetzt anders vor dem Fernseher. Der Apparat läuft leiser. Neben mir steht ihr leerer Sessel, und manchmal schaue ich hinüber, als könnte ich daran ablesen, ob sie heute Abend bleiben wird.

Neulich habe ich die Fernbedienung gesucht und stattdessen ihren Buchclub-Zettel gefunden. Er steckte zwischen den Kissen, halb zerknittert, mit Unterstreichungen in blauer Tinte. Ich habe ihn nicht gelesen. Ich habe ihn glattgestrichen und auf den Küchentisch gelegt, genau dorthin, wo sie ihre Tasche abstellt, wenn sie donnerstags nach Hause kommt.

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MagistrUm
Ein halbes Leben lang dasselbe Kopfkissen, und irgendwann merkt man nicht mehr, dass der Mensch daneben wach liegt