Ich wohne seit elf Jahren in dem Haus am Karl-Liebknecht-Hof 7 in Leipzig. Meine Tür klemmt im Winter, deshalb lasse ich sie einen Spalt offen. So bekam ich auch die Geschichte mit Hilde Brenner mit.
Freitag, Viertel nach neun. Ich hatte gerade den Kaffee auf dem Tisch, als der Schrei aus dem zweiten Stock kam. Er klang wie ein kaputter Wasserkocher, der gleich hochgeht. Ich zog die Schürze aus und ging in den Flur.
Hilde Brenner war unsere Hauswartin. Eine Frau von einundsechzig, die seit dem Tod ihres Mannes in der Kammer hinter der Treppe wohnte. Sie stolperte über ebene Böden, verfing sich mit der Handtasche an jeder Klinke, und wenn sie aufgeregt war, liess sie den Lappen fallen. Aber sie hatte das Treppenhaus in Schuss. Die Ficus hatte sie eigenhändig aus einem winzigen Ableger gezogen. Ich habe nie gesehen, dass sie jemandem eine Briefmarke genommen hätte, nicht einmal die Werbung, die für alle im Korb lag.
Charlotte von Ahrens, ehemalige Schauspielerin am alten Schauspielhaus, wohnte in der zweiten Etage. Sie trug grosse Hüte mit Schleier, roch nach Veilchenwasser und nannte Hilde immer «mein Engel». Hilde putzte bei ihr jeden Freitag, für ein paar Euro bar auf die Hand. Sie dachte, die beiden wären so etwas wie Freundinnen.
Am Donnerstag, einen Tag vor der Sache, hörte ich die beiden Stimmen im Erdgeschoss. Charlotte stand mit Frau Brockmann unter dem kaputten Deckenlicht. Frau Brockmann hatte eine Frisur wie rosa Zuckerwatte und lachte zu allem.
«Die Brenner», sagte Charlotte, «ist eine einzige Katastrophe. Gestern ist ihr der Eimer die Stufen runtergekracht, beinahe auf meinen Schuh. Aber sie putzt für einen Apfel und ein Ei. Solche Leute muss man bei Laune halten, sonst findet man doch niemanden für das schwere Treppenhaus.»
Frau Brockmann kicherte. Ich machte meine Tür einen Spalt weiter zu.
Professor Sander wohnte im vierten Stock. Früher lehrte er Mineralogie, jetzt trug er einen alten Nylonbeutel und sagte nie mehr als «Morgen». Hilde ging ihm aus dem Weg. Ich nicht. Leute, die wenig reden, haben meistens einen Grund, und er war der Einzige im Haus, der die kaputte Klingel an der Hoftür reparieren konnte, ohne dass man ihn zweimal bitten musste.
Also, Freitag. Charlotte kam im seidenen Morgenmantel die Treppe herunter, eine Hand dramatisch an der Stirn. «Meine Brosche! Das Erbstück meiner Grossmutter! Sie lag auf der Kommode im Flur, und jetzt ist sie weg!»
Ich hörte Türen. Frau Brockmann kam aus dem dritten Stock. Herr Peters mit dem kleinen Dackel stand plötzlich im Hausflur.
Hilde kam vom Hof, einen nassen Lappen in der Hand. Sie verstand erst nicht. Dann wurde ihr Gesicht weiss wie die Wand hinter ihr.
Charlotte streckte einen Finger aus, der Nagellack darauf war blutrot. «Nur sie war gestern in meiner Wohnung! Ich habe sie behandelt wie eine Tochter. Und sie bestiehlt mich!»
Hilde liess den Eimer los. Das Wasser schwappte über den Fliesenboden und lief bis zur Tür von Professor Sander.
«Ich habe nichts genommen», brachte Hilde heraus. Mehr nicht. Frau Brockmann zückte schon ihr Telefon.
In dem Moment fiel die Haustür zu. Professor Sander stand auf der Matte, die nasse Jacke über dem Arm. Er sah auf den Boden, dann auf Charlotte, dann auf Hilde. Er stellte keine Fragen. Er zog einen kleinen Zettel aus der Innentasche.
«Ich war gestern im Leihhaus C. Berger in der Karl-Liebknecht-Strasse», sagte er. Seine Stimme klang wie eine alte Orgelpfeife, die man zu lange nicht gespielt hat. «Ich habe meine Taschenuhr abgeholt. Vor mir in der Schlange stand eine Dame mit grossem violettem Hut.»
Charlotte wurde steif.
«Diese Dame hat eine Brosche abgegeben. Modeschmuck, Glassteine, Messing. Hier ist der Beleg.»
Er hob den Zettel ins Licht, als wäre er ein Fundstück aus dem Erzgebirge. «Einlieferung gestern um 14.32 Uhr. Ausgezahlt: ein paar Euro. Der Name auf dem Beleg ist von Ahrens.»
Charlotte riss den Mund auf und klappte ihn wieder zu. Frau Brockmann liess ihr Telefon sinken. Herr Peters’ Dackel fing an zu bellen.
«Das ist eine Verwechslung», sagte Charlotte. «Ich muss mich hinlegen.» Sie drehte sich um und ging die Treppe hinauf, ohne Hilde ein einziges Mal anzusehen.
Hilde stand noch immer im Wasser. Sie beugte sich, hob den Lappen auf, wrang ihn aus. Ihre Hände zitterten die ganze Zeit. Professor Sander reichte ihr den Zettel. «Für den Fall, dass jemand noch einmal auf dumme Ideen kommt.» Dann stieg er die Treppe hinauf, vorbei an Charlotte, die auf dem Absatz stehen geblieben war.
Am Montag um halb acht hörte ich ein Klopfen im zweiten Stock. Ich machte meine Tür einen Spalt breit auf. Hilde stand vor Charlottes Wohnung. In der Hand hatte sie eine blaue Mappe, wie man sie in jedem Schreibwarenladen bekommt. Sie trug ihre grüne Jacke, die sonst nur für den Sonntag gedacht war.
Charlotte machte auf. Sie hatte Lockenwickler im Haar und keinen Hut. «Ach, Hilde. Sind Sie es.»
Hilde reichte ihr die Mappe. «Meine schriftliche Kündigung, Frau von Ahrens. Ab sofort.»
Charlottes Gesicht veränderte sich, aber sie nahm die Mappe.
«Und die Schlüssel zu Ihrer Wohnung. Drei Stück. Ich habe sie nachgezählt.» Hilde legte das kleine Schlüsselbund oben auf die Mappe.
Dann nahm sie den Pfandschein, den Professor Sander ihr gegeben hatte, aus der Jackentasche. «Den hier brauche ich nicht mehr.» Sie legte ihn obenauf.
«In der Mappe liegt auch die Rechnung für die letzten zwei Freitage. Acht Stunden. Das macht vierundsechzig Euro. Ich hätte gern eine Überweisung bis Ende der Woche.»
Charlotte wollte etwas sagen, aber Hilde war schon auf der Treppe. Sie ging an mir vorbei, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Am Nachmittag sah ich, wie Hilde mit einem Eimer und einer Flasche Essigreiniger in den vierten Stock ging. Professor Sander hatte seine Bibliothek seit drei Jahren nicht mehr gründlich gewischt. Jetzt putzte sie bei ihm, donnerstags, für fast das Doppelte. Der Zettel an ihrer Kammertür war abgerissen. Dafür hing ein neuer da, mit ihrer Telefonnummer und den Worten: «Haushaltshilfe – feste Termine. Freitag ab sofort frei.»
Am Abend stellte ich die Mülltonne raus. Charlotte stand am Fenster im zweiten Stock. Auf der Fensterbank lag die blaue Mappe, offen. Der Pfandschein war zusammengeknüllt. Als ich wieder reinging, hörte ich, wie jemand im vierten Stock eine Tür ins Schloss zog.
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