Es war kurz nach zwei Uhr nachts, als ich die Stimmen hörte. Zwei Frauen, die sich stritten – aber es klang, als würde ein und dieselbe Person mit sich selbst reden. Ich schlich ans Fenster, schob die Gardine zur Seite. Im Hof standen zwei Frauen im Schein der Laterne. Beide trugen den weinroten Pullover meiner Mutter. Beide hatten die gleiche Frisur, den gleichen Schmuck am Handgelenk. Die eine weinte. Die andere nicht. Ich konnte nicht sagen, welche meine Mutter war.
Das war zwei Tage nach dem Abend, an dem alles anfing.
Meine Mutter, Helene, war an einem regnerischen Dienstag im Oktober am Plärrer gestrandet. Der letzte Bus nach Langwasser war weg, die Anzeigetafel zeigte nur noch zwei Nullen. Die Haltestelle war fast leer, nur ein paar nasse Gestalten unter dem Blechdach. Ein Typ mit einer Geige spielte eine Melodie, die der Wind immer wieder wegwehte. Meine Mutter stand da, die Stofftasche über der Schulter, und wartete auf die Nachtbus-Linie.
Dann sah sie sie. Zwanzig Meter weiter, auf der anderen Seite der Haltestelle, stand eine Frau, die exakt ihre Kleidung trug. Den gleichen weinroten Pullover, die gleiche Stofftasche, sogar die gleiche Haarspange. Meine Mutter dachte zuerst an einen Zufall – solche Pullover gab es schließlich häufiger. Sie winkte. Die andere Frau winkte zurück. Im selben Moment. Nicht eine Sekunde später.
Meine Mutter machte einen Schritt auf sie zu. Die andere machte auch einen Schritt.
„Wer bist du?“, fragte meine Mutter.
Die Frau neigte den Kopf. „Die Frage ist – wer bist du?“
In dem Augenblick bog der Nachtbus um die Ecke und hielt mit quietschenden Bremsen. Meine Mutter stieg ein, ohne sich umzudrehen. Als der Bus anfuhr, sah sie aus dem Fenster. Die Frau stand noch da, bewegungslos, den Blick auf den davonfahrenden Bus gerichtet.
Zu Hause erzählte meine Mutter meinem Vater davon. Er lachte und sagte, sie solle weniger Krimis schauen. Er war am nächsten Tag schon wieder auf Dienstreise, wie so oft. Ich dachte, meine Mutter hätte sich einfach erschrocken, vielleicht eine Verwechslung im schlechten Licht. Doch am nächsten Morgen begannen die Kleinigkeiten.
Die Familienfotos auf dem Sideboard standen anders. Meine Mutter schwor, sie hätte am Abend Nudeln gekocht, aber im Topf war noch die Suppe vom Vortag. Sie sagte, ich solle die Heizung entlüften – das hatte sie noch nie von mir verlangt. Zweimal glaubte ich, ihre Stimme aus der Küche zu hören, während gleichzeitig die Dusche im Bad lief. Ich schob es auf Müdigkeit, auf die Schule, auf die Nächte, in denen ich zu spät ins Bett ging.
Bis zu der Nacht im Hof.
Da standen sie. Die eine weinte, die andere nicht. Ich wollte hinunterlaufen, aber meine Beine gehorchten mir nicht. Dann verschwand die weinende Frau Richtung Hinterausgang, und die andere drehte sich um und kam ins Haus. Ich hörte die Wohnungstür unten zufallen. Schritte im Treppenhaus. Dann klopfte es an meiner Zimmertür.
„Paul? Alles gut? Du sollst schlafen.“
Ich antwortete nicht.
Am nächsten Morgen saß meine Mutter am Küchentisch, trank Kaffee und schlug die Zeitung auf. Sie war ganz normal. Nur eines war anders: Sie schaute kein einziges Mal in den Spiegel. Nicht beim Kämmen, nicht beim Zähneputzen, nicht beim Anziehen. Sie benutzte den kleinen Handspiegel im Bad nicht mehr, und wenn sie am großen Spiegel vorbeiging, hielt sie den Kopf gesenkt.
Ihr Duft war auch anders. Meine Mutter roch immer nach Lavendel – von der Seife, die sie seit Jahren benutzte. Diese Frau roch nach kaltem Rauch. Ganz schwach, aber ich merkte es, jedes Mal, wenn sie mich zur Begrüßung umarmte.
Ich begann, sie zu beobachten. Drei Tage lang. Sie kochte, redete, lachte, umarmte uns – meinen Vater, der inzwischen zurück war und nichts bemerkte, und mich. Aber sie wich jedem Spiegel aus. Und einmal, als ich nachts an der Badezimmertür vorbeikam, hörte ich sie mit sich selbst reden, leise, als würde sie mit jemandem im Spiegel sprechen: „Halt einfach durch. Es dauert nicht mehr lange.“
Ich presste das Ohr an die Tür, aber mehr verstand ich nicht.
Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich musste etwas tun.
Ich durchsuchte das Zimmer meiner Eltern, als meine Mutter im Bioladen arbeitete, wo sie seit Jahren die Kasse machte. Im Nachttisch fand ich ihre Geldbörse – aber darin steckte ein zweiter Ausweis, den ich nicht kannte, zusammengefaltet hinter den Kassenzetteln. Das Foto zeigte dasselbe Gesicht wie meine Mutter, aber der Name war anders: Karin Weber, wohnhaft in Gostenhof, Fürther Straße. Daneben lag ein Schlüsselbund, das nicht zu unseren Schlössern passte.
Ich notierte mir die Adresse, steckte den Ausweis ein und rief meinen Vater in seinem Büro an. Er hielt mich für verrückt. „Paul, was redest du? Deine Mutter sitzt heute Morgen neben mir am Frühstückstisch gesessen.“
Ich legte auf. Mir wurde klar, dass ich ihm die Wahrheit erst zeigen konnte, wenn ich sie selbst in der Hand hielt.
Am nächsten Nachmittag, als die falsche Helene zur Spätschicht ging, nahm ich mir die Wohnungsschlüssel, die sie in der Küchenschale liegen ließ, und fuhr mit dem Fahrrad zur Fürther Straße. Die Wohnung lag im dritten Stock eines Altbaus. Ich klingelte. Niemand öffnete. Ich probierte den Schlüssel. Er passte.
Drinnen war es kalt und roch nach kaltem Rauch, genau wie die Frau, die sich meine Mutter nannte. Auf dem Küchentisch lag ein aufgeschlagener Brief: „Karin, der Mietvertrag läuft in drei Tagen aus. Überweis die Kaution in Höhe von 1.200 Euro bis Freitag, sonst Räumung.“ Daneben lag ein Handy, das an das Ladegerät angeschlossen war. Ich drückte den Knopf. Der Bildschirm leuchtete auf, eine ungelesene Nachricht auf dem Sperrbildschirm, abgeschickt vor zwei Stunden an eine Nummer ohne Namen: „Sie zappelt noch. Wenn sie nicht aufhört zu schreien, mach ich Schluss damit. Foto anbei, damit du siehst, wie es steht.“ Darunter das Vorschaubild: meine Mutter, gefesselt an einen Stuhl, in einem dunklen Raum.
Mir wurde übel. Ich riss die Wohnung auseinander. Im Schlafzimmer stand ein Kleiderschrank quer vor einer Tür, die dort nicht hinzugehören schien. Ich schob ihn beiseite. Dahinter eine schmale Kammer, kaum größer als eine Speisekammer. Dort saß meine Mutter. Die echte Helene. Sie war abgemagert, hatte blaue Flecken an den Handgelenken, die Lippen aufgesprungen.
„Paul…“, sagte sie. Ihre Stimme war kaum zu hören.
Ich fiel auf die Knie, knotete die Fesseln auf. Sie zitterte am ganzen Körper. „Ich wusste, du kommst“, sagte sie. „Sie hat mir gesagt, wenn ich schreie, tut sie dir etwas an.“
Ich zog sie hoch, stützte sie. Wir gingen die Treppe hinunter, sie stolperte auf jeder zweiten Stufe. Draußen regnete es. Ich sah auf mein Handy: 16. Oktober, 16:47 Uhr. Meine Mutter war seit jenem Abend an der Haltestelle verschwunden – vier Tage, die sich angefühlt hatten wie ein ganzes Leben.
Im Taxi erzählte sie mir alles, so gut sie konnte zwischen dem Zittern. Die Frau an der Haltestelle war ihre Zwillingsschwester, von der sie selbst bis zu jenem Abend nichts gewusst hatte. Die Schwestern waren als Babys getrennt worden; Karin war bei Pflegeeltern in Fürth aufgewachsen, hatte irgendwann herausgefunden, wer ihre echte Familie war, und meine Mutter monatelang beobachtet, bevor sie sie am Plärrer ansprach. Noch in derselben Nacht hatte sie sie überwältigt, in ihre Wohnung gebracht und eingesperrt – und war am nächsten Morgen einfach in unser Haus gegangen, mit dem Schlüssel, den sie meiner Mutter aus der Tasche gestohlen hatte.
Als wir zu Hause ankamen, stand die falsche Helene vor der Tür. Sie musste die Schicht abgebrochen haben. Sie musterte uns, ohne sich zu bewegen.
„Du hättest nicht kommen sollen“, sagte sie zu meiner Mutter. „Das war mein Leben jetzt. Ich habe alles bezahlt – die Miete, die Versicherung, die Nebenkosten. Ich habe sogar deinem Mann die Krawatte rausgelegt, jeden Morgen.“
Meine Mutter trat einen Schritt vor, die Hand noch immer auf meiner Schulter. „Das war nie dein Leben. Du hast mich eingesperrt. Du hast mich mit Tabletten vollgepumpt, damit ich still bin.“
Die Frau lachte, aber es klang brüchig. „Ich bin du. Ich habe alles besser gemacht.“
Ich griff in meine Jackentasche. Ich hatte den zweiten Ausweis, die Wohnungsschlüssel – und ihr Handy, das ich in der Kammer eingesteckt hatte. Ich hielt es hoch, den Bildschirm noch immer erleuchtet mit der abgeschickten Nachricht und dem Foto.
„Ich habe alles“, sagte ich. „Die Nachricht, die du geschickt hast. Das Foto von ihr, gefesselt. Deine zweite Wohnung in der Fürther Straße. Ich habe schon mit der Polizei telefoniert, während wir im Taxi saßen.“
Die falsche Helene wurde blass, wich einen Schritt zurück, dann noch einen. In der Ferne näherten sich Sirenen. Sie drehte sich um und rannte die Straße hinunter, kam aber nicht weit – zwei Polizisten, die auf meinen Anruf hin die Adresse überprüft hatten, kamen ihr am Ende der Straße entgegen. Sie wurde festgenommen, ohne Gegenwehr, als hätte sie längst gewusst, dass es so enden würde.
Die Beamten nahmen unsere Aussagen auf, im Wohnzimmer, bei heißem Tee, den meine Mutter mit zitternden Händen kaum halten konnte. Karin Weber, wie sich in den folgenden Tagen herausstellte, hatte meiner Mutter über vier Tage hinweg Beruhigungsmittel verabreicht, um sie ruhigzustellen, während sie selbst in unser Haus, unser Leben, unsere Ehe schlüpfte. Ein Arzt stellte bei meiner Mutter eine schwere Erschöpfung und eine Medikamentenvergiftung fest, aber keine bleibenden Schäden.
Heute, drei Monate später, geht es ihr besser. Sie schaut wieder in den Spiegel, jeden Morgen beim Kämmen. Der Spiegel im Bad ist derselbe, wie er immer war. Sie geht einmal die Woche zu einer Therapeutin in der Südstadt und trägt seither ein schmales Armband, das ich ihr zu Weihnachten gekauft habe, mit zwei eingravierten Worten: „Nicht allein“.
Karin wartet auf ihren Prozess, in einer Zelle in Stadeln. Sie hat einen Brief geschrieben, drei eng beschriebene Seiten, in denen sie um Verzeihung bittet. Meine Mutter hat ihn nicht gelesen. Sie trug ihn eines Abends im Bademantel hinunter zum Hof, hob den Deckel des Altpapiercontainers und ließ ihn hineinfallen, ungeöffnet, zwischen die Kartons und die alte Zeitung von letzter Woche.
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