In der Kanzlei am Untermarkt in Görlitz roch es nach Papier und nassem Wollstoff. Draußen rieselte der erste Schnee auf das Kopfsteinpflaster. Die Straßenbahnlinie 1 rumpelte um die Ecke, und im Büro war es so ruhig, dass man das Ticken der Wanduhr hörte. Marlene Berger saß am Tisch, die braune Ledermappe mit den Unterlagen vor sich. Sie kannte jede Seite. Sie hatte sie selbst abgeheftet.
Ihre Kinder saßen ihr gegenüber. Britta strich den Rock glatt, der an den Knien schon etwas ausgeleiert war. Jens trug eine Krawatte, die er sonst nur zu Kunden trug. Sie war ihm zu eng, und er zog sie alle paar Minuten am Knoten. Auf dem Tisch summte Brittas Handy. Sie drückte es weg, ohne hinzusehen.
Der Notar räusperte sich. „Es geht um den Nachlass von Harald Berger, geboren am 14. März 1953, verstorben am 3. November."
Britta beugte sich vor. „Also, das Haus in der Jakobstraße, das gehört doch uns, oder?"
Der Notar zog ein Blatt heraus. „Das Haus gehörte von Anfang an Ihrer Mutter. Sie hat es von ihren Eltern geerbt, noch vor der Ehe mit Herrn Berger."
Jens hob die Hand. „Und das Geld vom Verkauf der Werkstatt?"
„Das wurde für die Pflege und die Rehabilitation Ihres Vaters verwendet. Das Auto wurde vor acht Monaten verkauft, um die Physiotherapie zu bezahlen."
Britta schaute zu Jens. Jens zog den Reißverschluss seiner Jacke auf und zu.
Vor achtzehn Monaten hatte Harald die Diagnose bekommen. Bauchspeicheldrüse, sagte der Arzt. Marlene hatte im Wartezimmer gesessen und auf die gerahmten Schmetterlinge an der Wand geschaut. Britta und Jens waren am Telefon voller Versprechen gewesen. „Papa wird nicht allein sein", hatte Britta gesagt. „Wir sind doch eine Familie."
Am Anfang riefen sie jeden zweiten Tag an. Dann nur noch sonntags. Dann nur noch, wenn Marlene anrief. Britta hatte Stress im Büro, Jens war ständig auf Dienstreise. Wenn Marlene bat, dass einer von ihnen einen Nachmittag bei Harald blieb, fiel ihnen immer etwas ein: ein Termin, ein kaputter Wagen, ein krankes Kind. Marlene lernte, keine Fragen mehr zu stellen.
An Haralds siebzigstem Geburtstag deckte Marlene den Tisch für sechs. Sie backte einen gedeckten Apfelkuchen, sein Lieblingsrezept. Harald zog sich ein frisches Hemd an, obwohl ihm jede Bewegung wehtat. Drei Stunden saßen sie am Fenster. Die Straßenbahn fuhr vorbei, die Nachbarn kamen vom Einkaufen zurück. Um halb fünf schickte Britta eine Nachricht: „Lea schreibt morgen eine Mathearbeit. Wir schaffen es nicht." Jens ging nicht ans Telefon. Harald sah aus dem Fenster. „Ruf nicht mehr an", sagte er. „Wenn sie kommen wollen, finden sie einen Weg."
Ein halbes Jahr später wurde sein Atem flach. Die Palliativärztin kam zweimal die Woche. Marlene rief Britta an und sagte: „Wenn du mit deinem Vater sprechen willst, dann komm. Es gibt nicht mehr viel Zeit." Britta versprach, am nächsten Tag zu kommen. Jens sagte, er müsse einen Termin verschieben. Keiner kam.
Harald starb in der Nacht zum Dienstag. Marlene saß an seinem Bett, seine Finger lagen in ihrer Hand. Kurz vor Mitternacht drückte er noch einmal. „Sag den Kindern", sagte er leise, „dass ich sie trotzdem lieb gehabt habe." Um sechs Uhr morgens rief Marlene Britta an. Britta war um halb neun da. Sie hatte verweinte Augen, aber noch im Flur fragte sie: „Wo hat Papa die Versicherungspapiere?" Jens kam eine halbe Stunde später. Er zog nicht mal die Jacke aus. „Wo sind die Unterlagen für die Werkstatt? Das muss man sofort sichern." Marlene stand zwischen Kisten und abgewetzten Jacken. „Er liegt noch im Schlafzimmer", sagte sie. „Ihr habt ihn sieben Monate nicht besucht."
Bei der Beerdigung standen Britta und Jens in der ersten Reihe und weinten so laut, dass die Nachbarn ihnen die Hand drückten und sagten, wie schwer das alles sei. Niemand wusste, dass sie ihren Vater vor seinem Tod sieben Monate lang nicht gesehen hatten. Marlene sagte nichts. Sie sprach die Worte von einem Zettel ab und steckte ihn danach in die Manteltasche.
Der Notar las weiter. „Das verbliebene Guthaben hat Herr Berger dem Hospiz vermacht, dessen Mitarbeiter ihn in den letzten Wochen gepflegt haben." Jens stand auf. „Das ist unmöglich! Wir sind seine Kinder!" Britta begann zu weinen. Der Notar legte zwei Briefe auf den Tisch. „Ihr Vater hat noch Briefe hinterlassen. Einen für jeden von Ihnen."
Britta riss den Umschlag auf. Jens las seinen Brief laut vor, aber nach den ersten Zeilen brach er ab. Marlene kannte den Text auswendig. „Liebe Britta, lieber Jens. Ich bin nicht böse, dass ihr mich nicht retten konntet. Aber ihr hattet keine einzige Stunde, um neben mir zu sitzen. Eure Mutter hat alles getragen. Wenn ihr erst nach meinem Tod an mich denkt, weil ihr etwas erben wollt, dann habe ich als Vater versagt."
Britta schluchzte. Jens zerknüllte das Papier. „Kann man das anfechten?", fragte er. „Es geht hier um das Erbe." Marlene machte die braune Ledermappe auf und legte einen Kontoauszug auf den Tisch. „Ich habe heute Morgen das gemeinsame Konto aufgelöst. 6.850 Euro habe ich an das Hospiz überwiesen. Für die Pflegerin, die nachts kam, als ihr nicht konntet." Britta schaute auf das Papier. Jens sagte: „Du kannst doch nicht einfach—" Marlene legte einen einzelnen Schlüssel dazu. „Das ist der neue Schlüssel für die Wohnungstür. Den alten habe ich austauschen lassen. Ihr braucht nicht mehr vorbeizukommen." Sie nahm ihre Mappe, sagte: „Danke, Herr Dr. Weidemann." Dann ging sie zur Tür. Die Kinder riefen ihren Namen, aber sie zog die Tür hinter sich zu. Auf dem Flur hörte sie, wie Jens sagte: „Das ist nicht legal." Britta weinte.
Draußen schneite es immer noch. Marlene stand an der Haltestelle und wartete auf die Linie 1. Sie hatte die Mappe unter dem Arm. In der Mappe war ein zerknitterter Zettel mit Haralds Handschrift: „Marlene, du hast genug getragen." Sie steckte die Hand in die Manteltasche und fühlte den neuen Schlüssel. Er war kalt.
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