Er kam durch die automatischen Türen des Terminals 1, und neben ihm ging eine Frau in einer weißen Seidenbluse. Ihre Fingernägel waren dunkelrot. Sie hielt seinen rechten Arm, als ob er ihr gehörte. Ich stand an der Absperrung, neben mir der Kinderwagen mit drei Babys, und in meiner Hand zerknüllte ich den Zettel, auf dem ich „Willkommen zu Hause, Papa!“ geschrieben hatte.
Daniel sah mich. Er blieb stehen, die Frau neben ihm auch. Sie musterte die drei Babyschalen, dann lachte sie leise. „Du hast mir nicht gesagt, dass sie mit allen dreien kommt.“
Das war der Moment, in dem ich wusste, dass die letzten vier Monate keine Pause gewesen waren. Es war das Ende.
—
Vier Monate vorher hatte Daniel mich in der Küche umarmt, so fest, dass mir die Luft wegblieb. „Clara, wir haben gewonnen. Die Südsee-Kreuzfahrt. Vier Monate. Alles bezahlt.“ Er hatte an einem Gewinnspiel eines Reiseportals teilgenommen, irgendein Klick auf einen Banner während der Mittagspause, und niemand hatte damit gerechnet, dass tatsächlich eine Nummer aus Frankfurt gezogen würde.
Ich lachte, dann weinte ich. Wir hatten jahrelang Bilder von türkisfarbenem Wasser an den Kühlschrank gehängt. Palmen, Segelschiffe, Sonnenuntergänge. Es war unser Traum, aufgeschoben für irgendwann, wenn die Raten für das Haus kleiner würden, wenn die Arbeit ruhiger wäre, wenn der richtige Zeitpunkt käme. Jetzt war er da.
Zwei Wochen später saß ich bei der Frauenärztin in Bornheim. Der Ultraschall zeigte drei Herzschläge. „Drillinge“, sagte die Ärztin. Dann setzte sie sich auf den Hocker und nahm die Brille ab. „Es wird eine Risikoschwangerschaft. Ab heute brauchen Sie fast vollständige Bettruhe. Jede Anstrengung kann eine Frühgeburt auslösen.“
Auf dem Heimweg im Bus der Linie 32 dachte ich nur: Daniel wird die Reise absagen. Natürlich wird er das.
Er tat es nicht.
„Clara, das ist eine einmalige Chance. So etwas gewinnt man einmal im Leben. Wenn ich jetzt absage, verfällt der Gutschein, das steht so in den Bedingungen.“
Ich saß am Küchentisch und zog die Socken von meinen geschwollenen Füßen. „Ich werde drei Kinder bekommen. Allein.“
„Deine Mutter hilft dir doch.“
Er packte seine Koffer zwei Tage später. Ich half ihm sogar, die Hemden zusammenzulegen. Ich wollte nicht, dass er mit dem Gefühl flog, ich hielte ihn fest.
„Schick mir Fotos“, sagte ich.
In der ersten Woche rief er jeden Abend an. Dann alle drei Tage. Dann einmal pro Woche. Sein Instagram war voll: Cocktails auf dem Deck, Tauchen an einem Riff, ein Abendessen unter Lichterketten, ein Foto mit einer Hand auf seinem Unterarm. Die Hand gehörte zu einer Frau, die ich auf den Bildern nie ganz sehen konnte, nur die roten Nägel. Ich scrollte nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, mit dem Telefon in der Hand, und betrachtete diese Nägel wieder und wieder, bis mir schlecht wurde. Ich dachte, ich bilde mir das ein.
In der 31. Woche kamen die Wehen. Ich war allein in der Wohnung in der Berger Straße, als das Wasser kam. Ich rief den Notruf, dann meine Mutter. Im Krankenhaus in Sachsenhausen holten sie die Mädchen per Kaiserschnitt. Drei Stück. Jede wog etwas über ein Kilogramm. So winzig, dass ich Angst hatte, sie anzufassen. Ich fotografierte sie mit zitternden Fingern und schickte die Bilder an Daniel. Nach sechs Stunden kam die Antwort: „Süß.“
Danach nichts.
Zwei Monate lang fütterte ich drei Babys, wechselte Windeln, fuhr zu den Kontrolluntersuchungen, schlief in Intervallen von dreißig Minuten. Meine Mutter kam jeden Tag aus Offenbach, brachte Eintöpfe in Tupperdosen und hängte die Wäsche auf. Die Mädchen hießen Lina, Ella und Marlene. Daniel fragte nie nach ihnen, nicht ein einziges Mal.
In dieser Zeit begann ich, an den Nachmittagen, in denen alle drei gleichzeitig schliefen, die Ordner aus dem Flur zu holen. Kontoauszüge, die Kreditunterlagen zum Haus, das Testament meiner Großmutter. Ich rief den Notar an, der uns beim Hauskauf beraten hatte, und stellte Fragen, die ich mir selbst kaum zu denken traute. Ich wollte nur verstehen, was mir gehörte, falls es hart auf hart käme. Meine Mutter saß dabei, faltete Wäsche und sagte nichts, aber sie legte mir jedes Mal einen Kaffee neben die Unterlagen.
Dann, an einem Mittwochmorgen, schrieb Daniel: „Lande Montag in Frankfurt. 14:35 Uhr.“
Ich fühlte diese dumme Hoffnung. Vielleicht hatte er verstanden. Vielleicht wollte er die verlorene Zeit nachholen. Ich kaufte drei identische Strampler. Ich bastelte ein Plakat. Meine Mutter fuhr mit mir zum Flughafen, und wir standen da, die drei Babys im Kinderwagen, als er durch die Türen kam.
Mit ihr.
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Jetzt stand Daniel vor mir, braun gebrannt, entspannt, und sagte: „Clara, ich muss dir etwas sagen. Ich habe mich verliebt.“
Die Wörter fielen wie Steine auf den glatten Flughafenboden.
„Was?“
„Unsere Beziehung ist vorbei. Du wirst das mit den Mädchen schon schaffen. Ich will die Scheidung. Und ich will meinen Anteil am Haus.“
Die Frau neben ihm — die mit den roten Nägeln — schaute mich an, als hätte sie bereits gewonnen. Ihr Mund verzog sich zu einem halben Grinsen.
„Da wirst du dich wundern, Daniel“, sagte ich. Meine Stimme war ruhiger, als ich erwartet hatte. „Es gibt keinen Anteil.“
„Was redest du da.“
„Das Haus steht seit dem Kauf allein auf meinem Namen. Die Anzahlung kam aus dem Erbe meiner Großmutter, weißt du noch? Du wolltest es damals nicht anders, weil deine Kreditkarte noch bei der Schufa negativ stand. Der Notarvertrag liegt bei mir zu Hause im Schrank, seit fünf Jahren.“
Daniels Gesicht wurde weiß. „Das — das war doch nur am Anfang so. Wir wollten das später ändern.“
„Wir haben es nie geändert.“
Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Miriam, die bis eben noch zufrieden gegrinst hatte, trat einen Schritt zurück. Ihre Hand löste sich von seinem Arm.
„Du hast gesagt, ihr besitzt gemeinsam ein Haus“, sagte sie.
Daniel schwieg.
„Du hast gesagt, die Scheidung sei nur eine Formalität, ein paar Unterschriften.“
Er blickte sie an. Sie schnaubte, drehte sich um und ging in Richtung Ausgang. Ihre Absätze klackerten auf dem Boden, und dann verschluckte die Menge sie.
Daniel stand allein da, mitten in der Abflughalle, neben dem leeren Gepäckband. Er sah auf die drei Babyschalen. Lina, Ella und Marlene schliefen. Ihre kleinen Fäuste lagen auf den Decken. Seine Augen füllten sich, und er wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht.
„Clara, bitte…“
Ich beugte mich über den Kinderwagen und zog die Decken zurecht, eine nach der anderen, bis die Ränder gerade lagen. Dann drehte ich den Wagen in Richtung Ausgang. Meine Mutter, die die ganze Zeit schweigend neben mir gestanden hatte, nahm meine Tasche. Wir gingen los. Hinter mir hörte ich seine Schritte, seine Stimme, die meinen Namen rief. Ich drehte mich nicht um.
Die automatischen Türen öffneten sich mit einem leisen Zischen. Draußen roch es nach Regen und Kerosin. Meine Mutter drückte auf den Knopf am Parkscheinautomaten. Das Display zeigte: 14,00 Euro. Sie lachte kurz und trocken. „Die Fahrt hat sich gelohnt.“
Ich schob den Kinderwagen über den nassen Beton, vorbei an einem Mann, der eine Brezel aß, vorbei an einem Hund, der an der Leine zog. Der Regen wurde stärker, und die Tropfen sammelten sich auf dem durchsichtigen Regenschutz über den Babyschalen, liefen an den Seiten herunter und tropften auf den Asphalt.
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