Ich stand an der Chaiselongue beim Sektempfang und wusste sofort: Sie würde das Kleid tragen, das ich gehaßt hatte. Ein nachtblaues Etuikleid, das Peter ihr zu unserem zehnten Hochzeitstag geschenkt hatte – viel zu teuer für eine Frau, die nie gearbeitet hatte. Jetzt kam sie damit in den Festsaal des Kurhauses von Badenweiler, als hätte sie etwas zu feiern. Meine Schwiegertochter Johanna. An ihrer Hand: Lina, sechs, mit Glitzerschühchen und einem Haarspangen-Tier, das aussah wie eine angestoßene Hummel. Und dann sah ich, wie das Kind quer durch den Saal auf Thomas Brecht zuging. Thomas Brecht. Peters bester Freund aus der Studienzeit. Der Mann, von dem jeder wusste, dass er Johanna vor der Hochzeit mindestens zweimal zum Essen ausgeführt hatte. Lina blieb vor ihm stehen, die winzigen Fäuste in die Hüften gestützt, und sagte mit dieser glasklaren Kinderstimme: „Mama wusste, dass du hier bist.“ Mir wurde kurz übel. Nicht wegen des Satzes. Sondern weil ich in diesem Moment begriff, dass Johanna die Sache mit dem Testament nicht einfach hinnehmen würde. Dass sie zurückgeschlagen hatte. Markus, mein Ältester, stand am Buffet und schob sich gelassen ein Mini-Quiche in den Mund. Er winkte mir zu. Alles nach Plan, bedeutete das. Die Polizei war bestellt, der Richter hatte den Haftbefehl unterschrieben, und der Notartermin für das Haus meiner verstorbenen Schwägerin – Johannas Elternhaus – war auf übermorgen angesetzt. Aber als ich Lina mit Thomas Brecht reden sah, spürte ich etwas, das ich seit Peters Beerdigung nicht mehr gespürt hatte: einen kalten Zug im Nacken, wo die Bluse am Kragen scheuerte. Es war ein nagelneuer Blusenkragen, cremefarben, gekauft für diesen Auftritt. Gerechtigkeit, dachte ich, muss gut aussehen. Ich hatte dreißig Jahre lang die Buchhaltung der Baufirma geführt, die Peters Vater aus dem Nichts aufgebaut hatte. Nachdem Peter vor achtzehn Monaten auf der B31 bei Freiburg verunglückte – ein übermüdeter Fernfahrer, Aquaplaning, kein Airbag – hatte ich das Geschäft am Leben gehalten. Markus war Bauleiter, ein Händeschüttler, kein Zahlenmensch. Ohne mich hätte es die Firma Hölderlin Bau gar nicht mehr gegeben. Und Johanna? Die hatte Peter nur geheiratet, weil er ein weiches Herz hatte. Sie war hübsch, das schon. Aber diese Hände: immer manikürt, nie eine Schaufel angerührt. Sie passte nicht in unsere Familie. Als Peter dann starb, saß sie im Krankenhausflur wie eine Statue, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich wollte Peters Handy. Für die Lohnabrechnungen. Sie hat es nicht herausgegeben. Da wusste ich: Die will alles. Die will das Erbe, die Firma, das Haus in der Wiehre – Dinge, für die mein Mann und ich uns den Rücken krummgearbeitet hatten. Markus und ich sprachen an jenem Abend im Treppenhaus des Klinikums miteinander. Der Geruch von Desinfektionsmittel mischte sich mit dem Zwiebelkuchen, den eine Schwester in der Teeküche aufgewärmt hatte. Markus war blass. „Wenn sie das Handy entsperrt, sieht sie die Zahlungen an die Subunternehmen“, sagte er. „Dann weiß sie, dass wir Geld verschoben haben.“ „Du hast Geld verschoben“, korrigierte ich. „Um die Firma zu retten“, sagte er. „Und wer hat die fingierten Rechnungen geschrieben? Wer hat die Unterschriften beglaubigt? Du, Mama. Du hast in den letzten Jahren mehr für diese Firma unterschrieben als dein eigener Mann.“ Er hatte recht. Aber ich bereute nichts. Wir mussten handeln. Markus erstellte ein neues Testament. Peters echte Unterschrift hatten wir auf genügend Dokumenten, um sie zu übertragen. Wir eröffneten ein Konto auf Johannas Namen, überwiesen Geld, hoben es wieder ab – sodass es aussah, als hätte sie 240.000 Euro veruntreut. Die gefälschte Grundbuchübertragung für das Haus ihrer Eltern brauchte nur noch eine Unterschrift. Und eine Zeugin. Eine Frau im roten Mantel, Sonnenbrille, blonde Perücke. Markus hatte eine Schauspielerin aus der Laientheatergruppe seines Kegelclubs engagiert. Sie hieß Simone. Für zwanzigtausend Euro machte sie mit. Sie trug Johannas Mantel. Den hatte ich am Morgen nach Peters Operation aus der Wohnung der beiden geholt. Ich erinnere mich an den Geruch in Johannas Schlafzimmerschrank: Lavendelsäckchen und irgendein teures Waschmittel. Es widerte mich an. Am 14. März, während Johanna am Krankenbett saß und einen Organspendeaufklärungsbogen anstarrte, saß Simone in der Freiburger Sparkassenfiliale und unterschrieb mit Johannas Namen. Kameras liefen. Wir dachten, die zeichnen nur drei Tage auf. Ich hatte mich geirrt. Sie bewahren sieben Jahre auf. Das wusste ich nicht.
An diesem Abend im Kurhaus von Badenweiler trug Johanna also Nachtblau und blickte mir direkt in die Augen, während zwei Polizisten des Polizeireviers Müllheim auf sie zukamen. Hauptkommissar Brenner war ein großer, schlaksiger Mann, den ich vom TSV-Vorstand kannte. Er wirkte bedrückt, als er die Handschellen zückte. „Frau Johanna Hölderlin? Sie sind vorläufig festgenommen wegen Untreue, Urkundenfälschung und schweren Betrugs.“ Markus trat neben mich und lächelte. Johanna sah mich an, nicht die Polizisten. Ihr Blick war nicht ängstlich. Er war müde. Wie jemand, der einem Kind beim Lügen zusieht. Lina drückte sich an Thomas Brechts Bein. Thomas starrte Johanna an, und in seinem Gesicht war etwas, das mir gar nicht gefiel: Gewissheit. Dann griff Johanna in ihre Handtasche, und meine Finger krallten sich in den Saum meiner Kostümjacke. Sie zog eine Fernbedienung heraus. Keine billige, so eine Präsentationsfernbedienung mit Laserpointer. Sie richtete sie auf die Leinwand hinter der Bühne. Das Foto des Abiturjahrgangs verschwand. Stattdessen erschien eine Überwachungsaufnahme. Das Datum: 14. März. Die Filiale der Sparkasse. Markus kam herein. Ich hinter ihm. Dann Simone im roten Mantel. Ich sah, wie Simone sich setzte, die Perücke zurechtrückte und unterschrieb. Die Zeitlupe des Entsetzens: Man sieht Dinge, die man selbst inszeniert hat, und erkennt sie plötzlich als das, was sie sind. Ein betrügerisches Theaterstück. Im Saal wurde es totenstill. Nur das Klirren eines umgekippten Glases irgendwo bei Tisch elf. Hauptkommissar Brenner hob den Kopf. Markus’ Gesicht verlor alle Farbe. Johanna sagte, ohne die Stimme zu heben: „Simone wartet übrigens draußen mit einem Anwalt. Sie hat ein volles Geständnis abgelegt. Gegen Straffreiheit.“ Meine Knie gaben nach. Ich hielt mich an der Chaiselongue fest. Das Leder war kalt. Ich schaute zu Lina hinüber. Sie hatte sich jetzt von Thomas gelöst und stand mit hängenden Armen da, ihr Haarspangen-Tier berührte fast den Boden. Sie weinte nicht. Sie schaute zu ihrer Mutter. Und in diesem Moment sah ich etwas in ihrem kleinen Profil, das mir einen Riss durchs Brustbein zog: den geschwungenen Nasenrücken. Peters Nase. Ich hatte vor Gericht behaupten lassen, Lina sei nicht Peters Tochter. Ein privates Labor hatte es bestätigt. Zwanzigtausend Euro, diesmal an einen Labortechniker, der dafür sorgte, dass die Abstammungsprobe negativ ausfiel. Die richtige DNA-Probe aus dem St. Josefskrankenhaus widerlegte das natürlich. Aber das war später. In diesem Augenblick, im Saal, sah ich nur diese Nase und wusste, dass ich mein eigenes Fleisch und Blut verraten hatte. Nicht aus Geldgier, nicht wirklich. Sondern weil ich mir nie eingestehen konnte, dass mein Sohn diese Frau geliebt hatte. Dass er sie mir vorgezogen hatte. Dass ich, seitdem ich Witwe war, nichts anderes mehr hatte als die Firma und den Sohn, der mir geblieben war. Und dass ich Angst hatte, sie würde mir auch das noch nehmen.
Hauptkommissar Brenner legte die Hand an Markus’ Arm. „Herr Hölderlin, Sie sind ebenfalls vorläufig festgenommen.“ Markus stieß ihn weg. Ein dumpfer Laut, dann packten zwei Polizisten zu. Ich hob die Hände, nicht aus Schuld, sondern aus Schwäche. Mein Mund war trocken, die Lippen spröde von dem Puder, den ich aufgetragen hatte. Johanna trat einen Schritt auf mich zu. „Du hast deine eigene Enkelin als Bastard bezeichnen lassen“, sagte sie, so leise, dass nur ich es hörte. „Das war nicht nötig. Das hast du dir selbst angetan.“ Ich wollte etwas sagen, dass es mir leid täte, dass ich es nicht so gemeint hätte, aber es wäre gelogen gewesen. In dem Moment meinte ich es noch nicht anders. Die Scham kam erst später. Man brachte mich durch eine Seitentür nach draußen. Die Luft roch nach Herbst und nassem Laub vom Kurpark. Während sie mich in den Streifenwagen setzten, sah ich durch die Scheibe, wie Thomas Brecht Lina auf den Arm nahm. Das Kind schlang die Beinchen um seine Hüfte und vergrub das Gesicht an seinem Hals. Johanna stand daneben und strich Lina über den Rücken. Mein Sohn Peter lag auf dem Waldfriedhof, und ich fuhr in Handschellen. So sieht Gerechtigkeit aus, wenn man sie sich selbst zimmert.
In den folgenden Monaten brach mein Leben auseinander wie eine brüchige Schalung. Die Hausdurchsuchung förderte Peters echte Testamente zutage, die er bei einer befreundeten Notarin in Staufen hinterlegt hatte. Er hatte alles seiner Frau und Tochter vermacht. Dazu eine Audioaufnahme auf einem USB-Stick, die er drei Tage vor dem Unfall gemacht hatte. Er sprach mit ruhiger Stimme, aber ich hörte die Enttäuschung: „Meine Mutter und Markus haben Firmengeld veruntreut. Sie manipulieren Bücher und Urkunden. Sollte mir etwas zustoßen, gebt diese Aufnahme an die Staatsanwaltschaft. Ich habe versucht, sie zur Vernunft zu bringen. Sie haben gedroht, mir das Sorgerecht für Lina streitig zu machen, wenn ich zur Polizei gehe.“ Diese Worte trafen mich härter als das Urteil. Peters Stimme – er hatte mich durchschaut, er hatte mich gemieden, er hatte Angst vor seiner eigenen Familie gehabt. Vor mir.
Markus wurde zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Wegen Urkundenfälschung, Untreue in besonders schwerem Fall, Anstiftung zur Falschaussage und Verschwörung. Seine Frau reichte die Scheidung ein, nachdem Simone vor Gericht aussagte. Die Baufirma wurde zerschlagen und an einen Mitarbeiter-Kooperationsfonds verkauft. Meine Rente pfändeten sie zur Rückzahlung. Das Haus in der Wiehre musste ich aufgeben, um die Verfahrenskosten und Schadensersatzforderungen zu begleichen. Ich zog in eine kleine Zweizimmerwohnung im Mietblock nahe dem Bahnhof. Im Backofen roch es nach dem Bohnerwachs der Vormieterin, und die Rollladen klemmten bei jeder zweiten Bedienung. Manchmal fuhr der ICE vorbei und brachte das Geschirr im Schrank zum Klirren. Hausarrest bekam ich nicht; meine Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt – wegen meines Alters und weil ich gesundheitlich angeschlagen war. Aber die Bewährungsauflagen waren streng: zweihundert Sozialstunden in der Kleiderkammer des Roten Kreuzes. Ich faltete gebrauchte Strumpfhosen und sortierte Schuhe, während Freiwillige hinter meinem Rücken tuschelten. Man kannte mich. Die Ehemalige vom Lions-Club. Die Frau, die ihre eigene Schwiegertochter in den Knast bringen wollte. Es gab keinen gesellschaftlichen Tod, der sich nicht auch in der Altkleiderannahme fortsetzte.
Einmal, es war kurz nach Weihnachten, sah ich Johanna in der Freiburger Innenstadt. Sie trug eine dicke Winterjacke und ging mit Lina an der Hand aus einem Spielwarenladen am Bertoldsbrunnen. Lina hatte einen lila Schal um, der aussah wie selbst gestrickt, und in der anderen Hand hielt sie eine kleine Holzeisenbahn. Ich blieb hinter einem Blumenstand stehen, unfähig, mich zu bewegen. Da sah mich Lina. Sie zögerte, dann hob sie die Hand und winkte. Es war kein freudiges Winken, eher ein vorsichtiges, so als würde sie einen scheuen Hund begrüßen. Ich hob mechanisch die Hand. Johanna drehte sich um, erkannte mich und zog Lina sanft weiter. Ohne ein Wort. Ohne Groll. Nur mit einem Schulterzucken, das sagte: Du existierst noch, aber du hast keine Macht mehr. Das war schlimmer als jeder Hass.
Thomas Brecht eröffnete ein halbes Jahr später eine Schreinerei in der Wiehre, in den Räumen der ehemaligen Baufirma meines Mannes. Er hatte das Gebäude aus der Insolvenzmasse gekauft und es restauriert. Johanna machte die Buchhaltung, genau wie ich es dreißig Jahre lang getan hatte. Manchmal, wenn ich am Sonntagmorgen am Münsterplatz saß und die Tauben fütterte, dachte ich an die Geräusche des alten Bauhofs: das Kreischen der Kappsäge, das Klopfen der Hämmer, Peters Lachen über den Hof. Alles, was ich bewahren wollte, hatte ich zerstört. Nicht Johanna. Ich. Die Tüte mit den trockenen Brötchen, die ich für die Vögel mitgebracht hatte, war leer. Ich stand auf und machte mich auf den Heimweg, die Hände in den Manteltaschen, vorbei an Paaren, die auf den Terrassen der Cafés saßen. Es roch nach frischen Waffeln.
An einem Juniabend, fast zwei Jahre nach der Verhaftung im Kurhaus, klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich öffnete mit der Kette vorgelegt, aus Gewohnheit. Draußen stand Lina. Allein. Hinter ihr, am Treppenabsatz, lehnte Johanna an der Wand, die Arme vor der Brust verschränkt. Lina hielt ein zerknittertes Blatt Tonpapier hoch. „Oma? Ich muss ein Familienstammbaumprojekt für die Schule machen. Mama sagt, du kennst die ganzen alten Namen besser als sie.“ Meine Kehle schnürte sich zu. Ich öffnete die Tür ganz. Das Papier war lila, darauf mit Wachsmalstift ein grob gezeichneter Baum. Die Äste endeten in leeren Kreisen. Lina drückte mir einen dicken, abgekauten Buntstift in die Hand. Er war feucht von ihrem Griff. Ich blickte an ihr vorbei zu Johanna. Sie nickte. Nicht herzlich, nicht freundlich. Nur: okay. Das reichte. Ich ließ Lina in die kleine Küche eintreten und suchte nach der Blechdose mit den alten Fotos, die ich aus dem Haus hatte retten können. Meine Finger zitterten, als ich die Dose aufklappte. Obenauf lag ein Bild von Peters Einschulung. Er trug eine viel zu große Zuckertüte und grinste mit einer Zahnlücke. Lina beugte sich über das Bild, und ihre Haarspange – heute ein Marienkäfer – streifte fast meine Wange. „Das ist Papa, oder?“ fragte sie. Ich nickte. „Ja. Und die Frau daneben bin ich. Ich war damals dreißig und glaubte, das Wichtigste auf der Welt sei ein gut geführtes Bankkonto.“ Sie verstand den Satz nicht. Sie malte einfach einen neuen Kreis an einen Ast und schrieb mit ihrer krakeligen Erstklässlerschrift: Oma Elisabeth. Ich strich mit dem Daumen über das Bild meines Sohnes, spürte das glatte Fotopapier und darunter den Puls, der immer noch schlug. Draußen fuhr kein Zug. Die Rollladen klemmten nicht. Es war kurz still. Dann sagte Lina: „Du musst mir noch den Namen von deiner Oma sagen. Sonst wird der Baum nicht voll.“ Ich lächelte, und es fühlte sich an wie ein Muskel, den ich lange nicht bewegt hatte. Wir füllten den Baum gemeinsam, bis der Buntstift stumpf war.
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