Als ich am späten Nachmittag in Görlitz ankam, stand die Sonne schon tief über der Neiße. Aus dem Lautsprecher am Bahnhofsvorplatz quäkte eine Durchsage, die ich nicht verstand. Ich hatte nur den kleinen Rucksack dabei, eine Flasche Wasser und den Zettel mit der Adresse meiner Tante Helene. Sie wohnte seit elf Jahren in der Altstadt, gleich hinter der Peterskirche, in einem Haus mit grün gestrichener Tür.
Ich war nicht zum Vergnügen gekommen. Helene hatte mich gebeten, mit ihr zur Wallfahrt nach Rosenthal zu fahren. Jedes Jahr am zweiten Sonntag im September pilgern die Leute aus der Oberlausitz dorthin, zur kleinen Marienkapelle zwischen den Feldern. Früher fuhr ein Sonderbus, aber der wurde vor zwei Jahren gestrichen. Jetzt muss jeder sehen, wie er hinkommt.
Helene ist die Schwester meiner Mutter. Sie hat nie geheiratet, war vierzig Jahre lang Krankenschwester im Klinikum, und seit der Rente kümmert sie sich um den Kirchenchor. Auf dem Tisch in ihrer Küche stand eine halb leere Flasche Holundersirup, daneben ein angebissener Apfelkuchen vom Vortag. Das Radio lief leise, irgendeine Volksmusiksendung.
„Gut, dass du da bist“, sagte sie und drückte meine Hand. „Ich hab nämlich eine Idee, wie wir trotzdem hinkommen.“
Sie holte einen Stadtplan hervor und tippte auf eine Stelle südlich von Zittau. „Mein ehemaliger Kollege Rüdiger hat einen Kleintransporter. Er fährt morgen früh um kurz nach sechs los. Er nimmt auch noch andere mit.“
Ich sah sie an. „Und was will er dafür?“
Helene zögerte. Das war nicht ihre Art. Sie legte den Stadtplan weg, stellte den Saft in den Kühlschrank und drehte das Radio leiser. Dann sagte sie den Satz, wegen dem ich die ganze Fahrt bereut hätte, wäre ich nicht gekommen.
„Er fährt nur, wenn du meine Wohnung auf ihn überschreibst.“
Ich glaubte, ich hätte mich verhört. Aber sie wiederholte es, mit derselben ruhigen Stimme, mit der sie früher Fieber gemessen hatte. Die Wohnung. Auf ihn. Er würde sich im Gegenzug verpflichten, sie jedes Jahr zur Wallfahrt zu bringen — und mich im Notfall zu benachrichtigen, falls ihr etwas zustößt.
„Das ist Wahnsinn“, sagte ich. „Die Wohnung ist alles, was du hast.“
„Ich bin dreiundachtzig. Was soll ich noch mit der Wohnung? Ich will dahin, wo meine Mutter immer gebetet hat.“
Ich dachte an die grüne Tür, an die niedrigen Decken, an den Geruch nach Bohnerwachs im Treppenhaus. Diese Wohnung hatte Helene von ihrer Mutter übernommen. Es war die einzige Sicherheit, die sie besaß. Und jetzt sollte ein ehemaliger Pfleger aus dem Klinikum sie dafür bekommen, dass er einmal im Jahr ein Auto lenkt.
Ich legte den Zettel mit meiner Zugverbindung auf den Tisch. Der hatte jetzt keine Bedeutung mehr.
„Wir fahren nicht mit Rüdiger“, sagte ich.
Helene sah aus dem Fenster. Unten fuhr ein Kind auf einem alten Fahrrad vorbei, der Korb hinten voller Äpfel.
„Dann kann ich nicht mit“, sagte sie. „Ohne ihn.“
In dem Moment hörte ich im Treppenhaus Schritte. Ein Mann blieb vor der Tür stehen. Helene ging hin und öffnete.
Rüdiger war kleiner, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Er trug eine beige Windjacke und hielt einen Schreibblock in der Hand. Er begrüßte Helene mit einem Kopfnicken und reichte mir die Hand, als wäre ich der Bote.
„Ich dachte, ich bring gleich die Papiere vorbei“, sagte er. „Dann können wir das heute Abend klären. Morgen früh wird’s sonst knapp.“
Er sprach von der Wohnung, als ginge es um einen Tausch von Briefmarken. Auf dem Block stand bereits eine handschriftliche Erklärung. Ich las sie halb durch. Sie war voller Formulierungen, die nach einem Notar verlangten, aber er wollte sie offenbar einfach unterschreiben lassen.
„Meine Tante unterschreibt gar nichts“, sagte ich.
Rüdiger hob die Brauen. „Es geht hier nicht um dich.“
„Doch“, sagte ich. „Weil ich da bin. Und weil ich weiß, was diese Wohnung wert ist. Das hier ist eine Übergabe gegen eine ungewisse Gegenleistung. Und die Gegenleistung ist lächerlich.“
Er lachte kurz. „Lächerlich. Wissen Sie, wie viel Sprit so eine Fahrt kostet? Wissen Sie, was ein Transporter pro Tag an Steuern und Versicherung frisst? Sie können ja gern ein Taxi nehmen. Aber Ihre Tante will das so.“
Ich sah zu Helene. Sie stand am Fenster und sagte nichts. Ihre Hände lagen ineinander, die Fingerkuppen weiß.
Auf dem Tisch lag noch immer der Stadtplan, die rote Markierung bei Rosenthal. Ich nahm ihn und faltete ihn zusammen.
„Wir fahren mit dem Zug“, sagte ich. „Morgen früh. Und wenn wir laufen müssen.“
Rüdiger steckte den Block wieder ein. „Viel Glück. Der nächste Bahnhof ist sechs Kilometer von der Kapelle entfernt. Und Ihre Tante kann schlecht laufen, das wissen Sie.“
Er ging. Die Tür fiel hinter ihm zu, das Geräusch hallte im Treppenhaus nach.
Ich blieb bis nach Mitternacht wach. Im Schlafzimmer hörte ich Helene schließlich ruhig atmen, aber sie hatte sich nicht ausgezogen, sondern lag im Rock auf dem Bett, wie jemand, der darauf wartet, geweckt zu werden.
Am Morgen war der Himmel über der Neiße milchig. Wir gingen zum Bahnhof. Ich trug den Rucksack, Helene eine kleine Tasche mit einem alten Gebetbuch. Der Zug nach Zittau fuhr um halb sieben. Im Abteil saßen wir schweigend. Draußen zogen die Häuser vorbei, dann die Felder, auf manchen lag schon Nebel.
In Zittau stiegen wir aus und fanden einen Bus, der uns bis zum Ortsrand brachte. Dann liefen wir. Helene ging erstaunlich schnell, schneller als ich erwartet hatte. Sie stützte sich auf einen Gehstock, den ich noch nie bei ihr gesehen hatte. Der Weg war ein Feldweg, rechts und links standen Apfelbäume, und einmal blieb sie stehen und zeigte auf einen Hof.
„Da hat früher die Tante von Rüdiger gewohnt“, sagte sie. „Er hat das Haus verkauft, als sie ins Heim kam. Er war ihr einziger Verwandter.“
Ich schwieg. Mir war, als hätte mir jemand einen kalten Stein auf die Brust gelegt.
Nach einer Stunde erreichten wir die Kapelle. Auf der Wiese davor standen Bänke, ein Priester sprach mit einer alten Frau, die ein Kopftuch trug. Es roch nach Gras und Kerzenwachs. Wir setzten uns in die letzte Reihe. Vorn sang ein Chor das Lied von der schwarzen Madonna. Helene schloss die Augen.
Ich stand wieder auf und ging um die Kapelle herum. Auf der Rückseite stand ein schwarzer Mercedes. Daneben lehnte Rüdiger, die Windjacke offen, das Telefon am Ohr. Er sah mich, sagte noch etwas in den Hörer und kam auf mich zu.
„Na“, sagte er. „Sie haben es ja doch geschafft.“
„Meine Tante hat Ihnen nichts zu geben“, sagte ich. „Ich habe heute früh mit einem Anwalt gesprochen. Er hat mir gesagt, was so eine Erklärung wert ist. Ich habe ihm den Inhalt geschickt, den Sie ihr vorlegen wollten. Er nannte es einen Fall für die Staatsanwaltschaft.“
Rüdiger lachte. Es klang dünn vor der Kapelle, zwischen den alten Bäumen.
„Ach, die Frau ist doch glücklich, wenn sie ankommt. Was wollen Sie denn? Sie hat niemanden außer mir. Sie wird mich brauchen, und dann wird sie mir die Wohnung freiwillig geben. Sie werden schon sehen.“
Ich nahm mein Telefon. Die Kamera ging auf. Er hörte auf zu lachen.
„Dann“, sagte ich, „brauchen wir wenigstens einen Beweis für später. Dass sie nämlich nicht freiwillig gibt, sondern dass Sie Druck ausüben. Sagen Sie das noch einmal. Langsam. Und deutlich.“
Er sagte nichts. Er drehte sich um und setzte sich in den Mercedes. Der Wagen rollte rückwärts auf den Weg. An der Biegung hinter den Bäumen beschleunigte er, sodass der Kies aufspritzte.
Ich ging zurück in die Kapelle. Helene saß in der bunten Schummerigkeit, das Gebetbuch offen auf dem Schoß. Neben ihr brannte eine Kerze. Ich setzte mich neben sie und wartete, bis der Chor das zweite Lied begann.
Auf der Rückfahrt hielt ich Helenes Gehstock fest, als der Bus scharf in die Kurve ging. Sie sah mich an, und in ihrem Gesicht lag kein Vorwurf, nur eine Müdigkeit, die ich von den Nachtdiensten meiner Mutter kannte.
In Görlitz brachte ich sie zur Wohnung. Vor der grünen Tür blieb ich stehen und zog die Unterlagen aus meinem Rucksack, die ich am Morgen vom Notar hatte aufsetzen lassen. Es war eine Vorsorgevollmacht, in der mein Name stand, nicht Rüdigers. Zweitausendvierhundert Euro hatte sie gekostet. Helene nahm das Papier, hielt es nah an die Augen und las die erste Zeile.
Dann schloss sie die Tür auf und ging voran die Treppe hinauf. Im Treppenhaus roch es nach Bohnerwachs, wie immer. Auf dem Küchentisch stand noch die halb leere Flasche Holundersirup. Sie stellte den Gehstock in die Ecke, nahm den Zettel mit meiner Zugverbindung vom Tisch, zerknüllte ihn und warf ihn in den Abfalleimer.
„Bleib zum Abendessen“, sagte sie.
Draußen wurde es dunkel. Ich blieb.
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