Sabine stand auf dem Balkon und drehte die Kippe zwischen den Fingern. Seit elf Jahren hatte sie nicht mehr geraucht, aber heute hatte sie die alte Schachtel aus der Schublade geholt, die sie für den Notfall aufbewahrt hatte. Der Notfall war offenbar um halb zehn morgens gekommen, als sie auf dem Küchentisch einen Zettel gefunden hatte.
*"Bin mit den Jungs los an die Müritz. Sonntag bin ich zurück. Thomas"*
Die Jungs. Thomas war siebenundvierzig, arbeitete als Schichtleiter in einer Möbelfabrik bei Bielefeld, und seine "Jungs" waren zwei Kollegen aus der Logistikabteilung, die seit zehn Jahren einen gemeinsamen Angeltrip planten. Nur hatte Sabine von diesem Ausflug aus einem Zettel erfahren. Nicht aus einem Gespräch. Nicht aus einer Frage. Aus einem Zettel.
Sie drückte die Kippe am Geländer aus und versteckte sie im Blumentopf mit der Geranie, um keine Spuren zu hinterlassen. Frau Winkler von unten sah durch ihre Gardinen ohnehin alles. Die ganze Siedlung sah alles.
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Am Abend saß Sabine im Wohnzimmer und zappte durch die Programme. In einem lief eine Sendung über Leute, die alte Höfe in der Uckermark renovierten. Im anderen eine Quizshow, bei der die Kandidaten Waschmaschinenpreise schätzen mussten. Sie schaltete den Fernseher aus, und in der Stille hörte sie den Wasserhahn im Flur tropfen. Seit drei Monaten bat sie Thomas, die Dichtung zu wechseln. Seit drei Monaten hörte sie das Tropfen.
Sie rief ihre Schwester an.
„Und?", fragte Karin, als wüsste sie sofort Bescheid. „Ist er weg?"
„Er hat einen Zettel hinterlassen."
„Wie immer."
„Nicht wie immer. Sonst hat er wenigstens gesagt, dass er was plant. Und jetzt…" Sabine stockte, weil ihr das Wort fehlte. Nicht „gelogen". Nicht „betrogen". Vielleicht kam „übergangen" der Sache am nächsten.
„Hör zu" – Karin sprach mit dem Ton, den Sabine am meisten hasste. Dem Ton der älteren Schwester, die längst alles durchgemacht hatte. „Entweder du findest dich damit ab, oder du unternimmst was. Aber ruf mich nicht jedes Wochenende an und heul mir was vor. Ich hab meine eigene Arbeit."
Karin führte ein Steuerbüro in Hannover und war überzeugt, jedes Problem lasse sich lösen, wenn man es nur richtig „aufarbeitete". Sabine schluckte ihre Probleme lieber runter, um sie dann häppchenweise beim Sonntagsessen wieder hervorzuholen. Nur würde es diesen Sonntag kein gemeinsames Essen geben, weil Thomas irgendwo an einem Steg angelte und sie in einer Wohnung saß, in der der Hahn tropfte.
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Zwei Tage später tat Sabine etwas, das sie nicht geplant hatte. Sie holte sieben Koffer aus dem Schrank. Sie besaß gar keine sieben Koffer – nur zwei. Aber im Keller, hinter dem Regal mit den Einweckgläsern, standen noch Reisetaschen, ein Rucksack aus Studienzeiten und ein alter Koffer ihrer Mutter mit abgerissenem Griff. Sie holte alles heraus. Reihte es im Flur auf, einen neben dem anderen, wie Soldaten.
Dann öffnete sie Thomas' Kleiderschrank und begann zu packen.
Sie tat es nicht aus Wut. Sie knallte keine Türen, warf keine Hemden durch die Gegend. Sie legte jedes Stück sorgfältig zusammen: Baumwollshirts, Jeans mit ausgeblichenen Knien, den Rollkragenpullover, den er von seiner Mutter zum Geburtstag bekommen hatte. Sie faltete alles, als würde sie ein Kind fürs Ferienlager packen, nicht einen Ehemann für den Auszug.
Es dauerte drei Stunden. Am Ende schmerzte ihr der Rücken, und am Mittelfinger der rechten Hand hatte sich ein Abdruck vom Reißverschluss einer Tasche eingegraben. Sie setzte sich auf den Boden, lehnte den Kopf an die Wand und betrachtete die sieben Koffer. Sie sahen aus wie das Bühnenbild für ein Stück, das keiner von beiden spielen wollte.
Am Abend kam eine SMS von Thomas: *"Die Barsche beißen gut. Wird spät am Sonntag."*
Sie antwortete nicht. Legte das Handy in die Schublade des Küchentisches und ging ins Bad. Der Hahn tropfte. Sie drehte fester zu – es hörte auf.
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Sonntag. Sabine wachte vor sieben auf, obwohl sie keinen Wecker gestellt hatte. Sie kochte Kaffee, trank ihn am Fenster und beobachtete den jungen Mann aus dem Erdgeschoss, der auf dem Parkplatz sein Auto wusch. Er trug ein gelbes T-Shirt mit englischer Aufschrift und Kopfhörer. Er wischte die Scheibe in kreisenden Bewegungen, als wäre es die angenehmste Tätigkeit der Welt.
Um dreizehn Uhr hörte sie den Schlüssel im Schloss.
Thomas kam mit dem Rucksack über der Schulter herein und einer Tüte vom Supermarkt, in der Dosen klapperten. Er sah in den Flur. Auf die sieben Koffer. Auf seine Jacke, die Sabine obenauf gelegt hatte, weil sie im Schrank ganz vorne gehangen hatte.
„Was soll das?", fragte er.
„Deine Sachen. Gepackt."
„Sabine, was machst du da?"
„Du ziehst aus."
Sie sagte es so ruhig, dass sie selbst überrascht war. Als würde sie sagen: „Brot ist im Laden", „Bring den Müll runter", „Ich geh zur Apotheke."
Thomas stellte den Rucksack auf den Boden. Einen Moment stand er reglos da, dann begann er zu lachen – erst leise, dann lauter, als wäre das ein Witz, den sie ihm gerade erzählt hätte.
„Ich zieh doch nirgendwohin aus. Das ist meine Wohnung. Meine Eltern haben sie mir überschrieben."
Und da tat Sabine das, worauf sie, wie es schien, ihr ganzes Leben gewartet hatte. Sie hob nicht die Stimme. Warf keinen Teller nach ihm. Sie ging zum Schränkchen im Flur, holte eine Mappe heraus, und aus der Mappe einen mit einem Gummiband zusammengehaltenen Stapel Papiere. Sie legte ihn auf die Koffer.
„Das ist die Heiratsurkunde", sagte sie und berührte das erste Dokument. „Das ist der Kreditvertrag, den wir gemeinsam abbezahlt haben, auch wenn du die Raten von deinem Konto überwiesen hast. Das ist die Rechnung für den Fensteraustausch, August zweitausendneunzehn. Das ist die Rechnung für die Badsanierung. Und das ist das Wertgutachten, das ich am Freitag in Auftrag gegeben habe, während du geangelt hast."
Thomas hörte auf zu lachen.
„Was für ein Gutachten?"
„Die Wohnung gehört uns beiden, Thomas. Egal, wer sie dir überschrieben hat. Elf Jahre Ehe, gemeinsamer Kredit, gemeinsame Investitionen. Nach der Scheidung steht mir kraft Gesetz die Hälfte zu."
„Sabine, ich will keine Scheidung."
„Ich weiß. Du willst gar nichts. Weder eine Scheidung noch eine Frau, mit der man reden muss. Du willst eine Wohnung, in der immer jemand kocht, und freie Wochenenden, an denen man immer irgendwohin fahren kann. Das geht nicht zusammen."
Sie öffnete die Wohnungstür. Warme Nachmittagsluft strömte herein, mit dem Geruch von frisch gemähtem Rasen vom Grünstreifen der Siedlung.
„Die Koffer sind gepackt. Den Rest kannst du am Samstag holen. Ruf vorher an."
„Und wenn ich nicht anrufe?"
„Dann lass ich dich nicht rein. Ich lasse das Schloss austauschen."
Thomas griff nach Rucksack und Tüte. Die Koffer nahm er nicht mit – vielleicht glaubte er nicht, dass das wirklich passierte, vielleicht wollte er sich einen Vorwand für die Rückkehr aufheben. Er ging die Treppe hinunter, und seine Schritte hallten im Treppenhaus, das Sabine elf Jahre lang jeden zweiten Dienstag gefegt hatte.
Sie schloss die Tür. Einen Moment betrachtete sie die sieben Koffer, die jetzt wie sieben stumme Vorwürfe dastanden. Dann ging sie ins Bad, drehte den Hahn auf und musste feststellen – zum zweiten Mal an diesem Tag –, dass er nicht tropfte.
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Eine Woche später klingelte ein Paketbote. Er brachte eine Sendung von Karin: ein kleines, in graues Papier gewickeltes Päckchen und eine Karte.
*"Im Umschlag ein Schlüssel zu meiner Wohnung in Hannover, falls du mal überlegen willst. K."*
Sabine wickelte das Papier ab. Der Schlüssel war neu, glänzend, mit dem Aufkleber eines Schlüsseldienstes. Sie legte ihn in die Schublade unter dem Telefon. Vorerst wollte sie nicht überlegen. Vorerst wollte sie nur den Flurboden wischen, auf dem eine Woche lang die Koffer gestanden hatten.
Am Abend, während sie die Fensterbänke abstaubte, klingelte das Telefon. Thomas.
„Sabine… ich hab nachgedacht."
„Ja?"
„Können wir vielleicht… reden? Wie erwachsene Leute?"
„Reden wir."
„Kann ich vorbeikommen?"
„Kannst du. Am Samstag, wenn du die Koffer abholst."
„Sabine, aber doch…"
„Samstag, Thomas. Um elf. Und nimm einen Bollerwagen mit, der Aufzug ist schon wieder kaputt."
Sie legte auf, bevor er antworten konnte. Dann holte sie das Handy aus der Schublade, öffnete die Banking-App und prüfte den Kontostand. Viertausendzweihundertsiebenunddreißig Euro und achtzehn Cent. Genug, um das Schloss auszutauschen, die erste Rate für einen Anwalt zu bezahlen und einen neuen Koffer zu kaufen – vielleicht einen roten, mit Rollen, so einen, mit dem man in den Urlaub fährt, und der nicht wie eine Anklage im Flur steht.
Sie trat ans Fenster. Auf dem Parkplatz wusch der junge Mann aus dem Erdgeschoss wieder sein Auto, diesmal ohne Kopfhörer. Er hob den Kopf, sah sie am Fenster und winkte. Sabine hob die Hand – sie wusste nicht, ob zum Gruß oder zum Abschied. Aber das spielte keine Rolle.
Wichtig war nur, dass der Hahn nicht mehr tropfte.
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