Es war der zwölfte September, ein Samstag, als bei Marlene Hartwig in Bad Kissingen das Telefon klingelte. Halb acht Uhr morgens, der Kaffee war noch nicht durchgelaufen, und draußen fuhr schon der erste Linienbus quietschend um die Ecke der Ludwigstraße. Am anderen Ende: ihre Cousine aus Cincinnati, Ohio. Nur zwei Worte, bevor die Stimme brach: "Er ist gegangen."
Gemeint war Heinrich Voss. Ein Mann, den in Deutschland kaum jemand unter diesem Namen kannte – aber jeder kannte "Hein Voss, der singende Cowboy", wie ihn die Boulevardpresse in den fünfziger Jahren getauft hatte, als er mit seinem Pferd Blitz und seiner Gitarre durch amerikanische Westernfilme ritt, die auch in deutschen Kinos liefen, mit knarzender Synchronisation und immer demselben Schlussrefrain.
Marlene setzte sich an den Küchentisch, den Hörer noch am Ohr, den Blick auf die Kalenderseite an der Wand gerichtet – ein Geschenk der Sparkasse, mit einem Foto vom Marktplatz. Der Hund vom Nachbarn bellte draußen, wie jeden Morgen, wenn der Zeitungsbote kam. Sie hätte in diesem Moment gern etwas Banales gedacht. Stattdessen dachte sie an die letzte Postkarte, die Onkel Heinrich ihr geschickt hatte – aus seinem Haus bei Palm Springs, wo er die letzten Jahrzehnte mit seiner zweiten Frau Grete gelebt hatte.
"Wann?", fragte Marlene schließlich, und ihre Cousine erzählte es ihr, Satz für Satz, als müsse sie es selbst erst begreifen. Heinrich war zweiundachtzig geworden, sein Herz hatte zwei schwere Operationen überstanden, eine in den siebziger, eine in den neunziger Jahren. In der Nacht zuvor hatte Grete noch neben ihm gesessen und ihm die Hand gehalten, weil er schlecht Luft bekam. Sie hatte den Ärzten gesagt, sie solle ihn nicht mehr ins Krankenhaus bringen, kein drittes Mal, das habe er selbst so gewollt. Gegen fünf Uhr morgens, Kalifornien-Zeit, hatte sein Atem einfach aufgehört, ruhig, ohne Kampf, im Schlafzimmer mit Blick auf die Wüstenberge. Zwei seiner Kinder waren im Haus gewesen, hatten im Flur gewartet, bis Grete sie hereinrief.
Dabei hatte Heinrich mit dem Rampenlicht schon lange abgeschlossen. Kein Hollywood-Studio rief mehr an, keine Zeitschrift wollte ein Interview. Aber die Menschen hatten ihn nicht vergessen. In einem kleinen Museum in der Nähe von Apple Valley, Kalifornien, stand noch immer sein präpariertes Pferd Blitz, daneben die Fransenjacke, die er in fast neunzig Filmen getragen hatte. Erst im April war eine Schulklasse aus Ohio dort gewesen, und ein Lehrer hatte den Kindern die Fotos gezeigt, auf denen Heinrich barfüßige Waisenkinder auf den Sattel hob – die Kinder hatten gelacht, weil sie den Namen noch nie gehört hatten, bis der Lehrer die Fernsehshow erwähnte, die ihre eigenen Großeltern samstagabends geschaut hatten.
Nur vier Monate zuvor, im Mai, hatten Heinrich und Grete gemeinsam bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung in San Bernardino gesungen, ein altes Duett, bei dem er die zweite Strophe vergaß und sie ihm zuflüsterte. Im Dezember hätten sie fünfzig Jahre Ehe gefeiert. Fünfzig Jahre, vier Monate hätten noch gefehlt.
Bevor er Heinrich Voss wurde, hieß er Rudolf Lehmann, geboren 1911 in einem Vorort von Köln, aufgewachsen auf dem kleinen Bauernhof seines Vaters, bis die Weltwirtschaftskrise die Familie zur Auswanderung nach Amerika zwang. In Amerika fuhr er Lastwagen, pflückte Obst auf den Feldern Kaliforniens für zwei Dollar am Tag, bis ihm ein Radiosender in Los Angeles eine Chance gab. Mit zwei Kollegen gründete er eine Gesangsgruppe, die später als "The Prairie Riders" bekannt wurde. Der Durchbruch kam 1938 mit dem Film Unter westlichen Sternen. Rudolf Lehmann wurde zu Heinrich Voss.
Das eigentliche Herz seiner Geschichte war jedoch nicht die Leinwand, sondern Grete. Sie hatten sich am Set eines Films kennengelernt, geheiratet am 31. Dezember, kurz vor Mitternacht, in einer kleinen Kapelle mit sechs Gästen. Heinrich brachte in diese Ehe eine tiefe Trauer mit: Seine erste Frau war bei der Geburt ihres Sohnes gestorben. Zusammen bauten Heinrich und Grete eine Familie aus leiblichen, adoptierten und Pflegekindern auf.
Es gab Glück. Es gab auch Verluste, die kaum auszuhalten waren. Als ihre Tochter Ruth mit einem Jahr und sieben Monaten an einer Lungenentzündung starb, saß Grete drei Tage lang am Küchenfenster und starrte auf die Einfahrt, als könne jemand das Kind dort zurückbringen. Heinrich sagte in dieser Zeit kein Wort, sondern ging jeden Morgen in den Stall zu Blitz, striegelte ihn eine Stunde lang, bis seine Hände aufhörten zu zittern. Jahre später starb eine weitere Tochter bei einem Busunglück auf einer Kirchenfahrt, ein Sohn im Militärdienst. Nach der Nachricht vom Busunglück fuhr Heinrich noch am selben Abend mit Blitz zu einem Kinderkrankenhaus in Los Angeles, ohne vorher anzurufen, weil er dort einen Auftritt versprochen hatte und, wie er später sagte, nicht wusste, wohin sonst mit sich. Eine Krankenschwester erinnerte sich, dass er dort saß, das Pferd am Zügel, und den kranken Kindern Lieder vorsang, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen und er einfach weitersang.
Sein Sohn Manfred erinnerte sich später daran, wie sein Vater mit Kindern umging, mit Tieren, mit fremden Menschen, die an die Tür klopften – das habe ihm gezeigt, welcher Mensch er selbst werden wollte. Heinrich beantwortete Fanpost von Hand, oft nachts am Küchentisch, mit einem Füllfederhalter, den ihm Grete zur Hochzeit geschenkt hatte.
Ehrungen kamen im Lauf der Jahre reichlich: Sterne auf dem Hollywood-Boulevard, Aufnahmen in die Country-Music-Ruhmeshalle, sowohl solo als auch mit seiner alten Gruppe. Aber nichts davon wog für ihn so viel wie das Haus, in dem am Ende jemand auf ihn wartete.
Marlene legte an jenem Samstagmorgen den Hörer auf und blieb noch eine Weile am Küchentisch sitzen. Die Kaffeemaschine hatte inzwischen fertig durchgelaufen, der Geruch zog durch die Wohnung, und sie dachte an etwas völlig Unwichtiges – daran, dass Onkel Heinrich ihr einmal, bei seinem letzten Besuch in Deutschland vor über zwanzig Jahren, beigebracht hatte, wie man auf der Gitarre drei Akkorde greift, während ihre Mutter in der Küche stand und Kartoffeln schälte und lachte, weil er so schlecht Deutsch sprach.
Sie stand auf, ging zum Schrank im Flur und holte eine alte Zigarrenkiste hervor, in der die Familie all die Postkarten aus Amerika aufbewahrte. Ganz unten lag ein vergilbtes Foto: Heinrich in Fransenjacke, das Pferd im Hintergrund, die Widmung auf der Rückseite in seiner krakeligen Schrift: "Für Marlenchen, damit du nie vergisst, wo dein alter Onkel herkam." Sie fuhr mit dem Daumen über die verblasste Tinte, einmal, zweimal, dann legte sie das Foto auf den Küchentisch, neben die Kaffeetasse.
Sie griff zum Hörer, wählte die Nummer ihrer Schwester in Frankfurt, hielt inne, bevor die Verbindung durchging, und legte noch einmal auf. Erst beim zweiten Versuch ließ sie es klingeln, bis abgenommen wurde, und sagte dann dieselben zwei Worte, die ihre Cousine ihr am Morgen gesagt hatte.
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