Erster Tag im Ruhestand. Ich hatte mir das so schön ausgemalt. Der Wecker klingelte um halb neun, und ich wälzte mich noch eine geschlagene Stunde von einer Seite auf die andere, bis ich endlich aufstand. Im Bad sah ich in den Spiegel und stellte fest, dass mein Gesicht aussah wie ein Hefekloß. Die Salzgurken gestern Abend um kurz nach elf waren keine gute Idee. Aber wenigstens hatte ich ausgeschlafen.
Eigentlich wollte ich mit einer kalten Dusche anfangen. Danach zwanzig Minuten Gymnastik auf dem Teppich, dann ein Frühstück mit Magerquark und Obst. So stand es in meinem Plan, den ich noch am Vorabend fein säuberlich in ein neues Notizheft geschrieben hatte.
Stattdessen stand ich um kurz vor zwölf in der Küche und machte Pfannkuchen. Die Milch war sauer geworden, und ich wollte sie nicht wegschütten. Der Rest Schmand und das halb leere Glas Johannisbeergelee mussten auch weg, sonst kippen die noch um. Das ist doch vernünftige Haushaltsführung, oder?
Während die Pfannkuchen brutzelten, summte mein Handy. Kollegen, Bekannte, die Nachbarin von gegenüber – alle gratulierten zum Ruhestand. Fünfunddreißig Jahre im Gesundheitsamt, zuletzt Sachgebietsleiterin für Hygieneüberwachung. Und jetzt? Freiheit. Ich beantwortete die Nachrichten und lud mir nebenbei eine Sudoku-App herunter.
Nach dem Frühstück – oder war es schon Mittag? – hatte ich eigentlich einen Spaziergang durch den Englischen Garten geplant. Aber draußen nieselte es, und auf dem Sofa lag noch die karierte Wolldecke von meiner Schwester. Ich machte eine Runde Sudoku. Dann noch eine. Dann tippte ich auf das TikTok-Symbol, nur kurz.
Um viertel nach drei wachte ich auf. Das Handy lag auf meinem Bauch, der Bildschirm schwarz von selbst. Mein rechter Daumen fühlte sich taub an. Im Gefrierfach lagen noch zwei Packungen Mini-Frühlingsrollen von Edeka – die mussten weg, denn ab morgen wollte ich mich gesund ernähren. Also ab in die Fritteuse.
Beim Essen las ich die Nachrichten meiner Freundin Brigitte. Sie hatte mir zwölf Rezepte geschickt: Buddha-Bowls, Ofengemüse, irgendwas mit Chiasamen. Dazu einen Link zu einem Artikel über gesundes Altern. Ich speicherte alles ab und legte mich für ein kurzes Nickerchen ins Bett.
Um kurz vor fünf stand ich wieder auf. Zum Kaffee aß ich die restlichen Pralinen aus der Schublade. Nie wieder kaufen, schwor ich mir. Der Deckel der Schachtel ließ sich kaum noch schließen, so viele leere Papierförmchen lagen daneben.
Dann zog ich mich doch noch an – Jogginghose, Regenjacke – und ging zum Supermarkt an der Ecke. Es regnete noch immer, aber es waren nur fünf Minuten. Eigentlich wollte ich nur Salat und Joghurt kaufen. Aber am Eingang stand ein Aufsteller: Wiener Würstchen im Angebot, 1,99 statt 2,79. Daneben Schokotorte, reduziert auf 3,50.
Ich kaufte beides. Man kann doch nicht an so einem Schnäppchen vorbeigehen. Und schließlich hatte ich ja etwas zu feiern. Das ist wirklich das letzte Mal, dachte ich und packte die Tüte in meinen Rucksack.
Gegen halb sieben rief Brigitte an. Sie erzählte mir von einer neuen türkischen Serie auf Netflix, total spannend, ich müsse unbedingt reinschauen. Nur eine Folge, sagte ich mir, nur um zu sehen, worum es geht. Ich machte mir eine Kanne Pfefferminztee und setzte mich aufs Sofa, die Wolldecke über den Knien.
Bei der ersten Folge holte ich die Würstchen. Bei der zweiten holte ich die Torte. Bei der dritten ging ich an den Kühlschrank und fand noch ein halbes Glas Gewürzgurken. Als die vierte Folge begann, klappte ich das Notizheft auf, das noch auf dem Couchtisch lag, und strich mit dem Kugelschreiber den gesamten Tagesplan durch, einen Strich, kräftig, quer über alle sechs Punkte. Dann legte ich den Stift weg und sah wieder auf den Bildschirm.
Irgendwann fiel ich auf dem Sofa in einen Halbschlaf. Die Serie lief weiter, Menschen schrien sich auf Türkisch an, und ich verstand kein Wort mehr. Als ich auf die Uhr sah, war es zwanzig nach eins. Ich blieb noch einen Moment liegen, die Fernbedienung in der Hand, den Daumen auf der Aus-Taste, ohne zu drücken. Die Folge lief weiter. Erst als der Abspann kam, stand ich auf.
Ich putzte mir die Zähne, ging zurück ins Wohnzimmer und riss die durchgestrichene Seite aus dem Notizheft. Auf die nächste, leere Seite schrieb ich in Druckbuchstaben:
*Morgen: Wecker 8:00 Uhr. Nordic Walking am Isarufer, zwanzig Minuten. Danach Porridge mit Heidelbeeren. Keine Einkäufe außer Gemüse. Keine Serien nach 22 Uhr.*
Den Wecker stellte ich auf acht. Dann ging ich noch einmal in die Küche, schnitt mir im Stehen ein letztes, schmales Stück von der Schokotorte ab und aß es direkt über der Spüle, damit keine Krümel auf den Boden fielen. Den Rest der Torte stellte ich zurück in den Kühlschrank, die Packung fest verschlossen, ganz nach hinten geschoben, hinter den Salat.
Ich legte mich ins Bett und zog die Decke bis zum Kinn. Der Regen klopfte ans Fenster, und irgendwo im Hinterhof bellte der kleine Hund von Herrn Kalweit aus dem dritten Stock. Ich schmeckte noch die Schokolade im Mund, als ich das Licht ausmachte.
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