Der Zettel im Aktenordner

Ich habe fünf Jahre lang gedacht, ich kenne meinen Mann auswendig. Bis zu dem Dienstag im März, an dem ich ihn zufällig auf der Kaiserstraße in Mainz gesehen habe, obwohl er mir am Morgen gesagt hatte, er sitze den ganzen Tag im Büro.

Ich heiße Nadine, ich bin achtunddreißig, arbeite als Physiotherapeutin in einer Praxis am Bahnhof. Mein Mann heißt Jonas, vierundvierzig, Steuerberater in einer kleinen Kanzlei zwei Straßen weiter. Wir hatten uns beim Skifahren in Ischgl kennengelernt, ein Zufall, ein umgeknickter Ski, ein geliehenes Pflaster. Fünf Jahre später wohnten wir in einer Vierzimmerwohnung in Gonsenheim, mit einem Kastanienbaum vor dem Fenster und einem Nachbarshund, der jeden Morgen um sieben bellte, als hätte er einen Wecker.

In den letzten Wochen war Jonas anders. Er kam später heim, mal um acht, mal um halb zehn, mit der immer gleichen Ausrede: Quartalsabschluss, Mandantengespräche, Steuerprüfung. Sein Handy lag jetzt immer mit dem Display nach unten auf dem Tisch, was er früher nie gemacht hatte. Und einmal, als ich ihn beim Abendessen etwas fragte, hat er mir nicht geantwortet — er hat einfach weitergegessen, als hätte ich gar nicht gesprochen.

„Ist irgendwas mit dir?", habe ich ihn an einem Abend gefragt, während ich das Geschirr abtrocknete.

Er hat mir kurz über die Wange gestrichen. „Nur müde. Die Zeit gerade ist stressig."

Ich wollte ihm glauben. Ich wollte keine von diesen Frauen sein, die aus jeder Kleinigkeit einen Streit machen. Also habe ich geschwiegen und gewartet, dass er von selbst erzählt.

An jenem Dienstag hatte ich früher Feierabend, eine Patientin hatte abgesagt. Ich bin zu Fuß Richtung Wohnung gegangen, an der Bäckerei vorbei, wo die Verkäuferin mich schon mit Namen kennt, vorbei am Kiosk mit den Lottoscheinen im Fenster. An der Ampel an der Kaiserstraße habe ich einen Mann in der gleichen grauen Jacke gesehen, die Jonas morgens angehabt hatte. Ich dachte erst, ich täusche mich. Dann hat er sich umgedreht.

Es war Jonas. Er lief mit gesenktem Kopf, schaute sich alle paar Meter um, als wollte er nicht gesehen werden. Mir wurde flau im Magen.

Ich bin ihm gefolgt, auf der anderen Straßenseite, mit genug Abstand. Er bog in eine Seitenstraße ein, blieb vor einem älteren Mehrfamilienhaus stehen, drückte auf die Sprechanlage und verschwand im Hausflur. Die Tür fiel nicht ganz zu. Ich habe mein Auto ein Stück weiter geparkt, bin zurückgegangen und durch den Spalt geschlüpft.

Im Treppenhaus roch es nach kaltem Zigarettenrauch und nassem Putz. Ich stand da, versuchte zu hören, wohin er gegangen war. Nach ein paar Sekunden Schritte im ersten Stock, eine Tür, die aufging. Ich bin die Treppe hoch, so leise ich konnte, das Herz so laut, dass ich dachte, man müsste es durch die Wände hören.

Oben angekommen, habe ich mich neben dem Treppengeländer an die Wand gedrückt. Aus einer Wohnung am Ende des Flurs kam Jonas' Stimme. Nicht seine Bürostimme. Tiefer, aufgewühlt, ganz anders als die Stimme, mit der er mir morgens von seinem „wichtigen Termin" erzählt hatte.

Ich habe das Ohr an die alte Holztür gelegt.

„Ich kann es ihr nicht mehr lange verheimlichen", hörte ich ihn sagen. „Nadine muss die Wahrheit erfahren."

In dem Moment habe ich fast die Handtasche fallen lassen. Eine Frauenstimme antwortete, ruhig, fast zärtlich: „Du musst ihr das selbst sagen, Jonas. Nicht ich."

Ich stand da wie festgewachsen. Alles, was mir in den letzten Wochen komisch vorgekommen war — die Verspätungen, das umgedrehte Handy, das Schweigen beim Abendessen — fügte sich zu einem Bild zusammen, das ich nicht sehen wollte. Ich wollte die Tür aufreißen. Stattdessen habe ich einen Schritt zurückgemacht, gegen das Treppengeländer gestoßen, und es hat gescheppert.

Die Tür ging auf.

Vor mir stand nicht Jonas zuerst, sondern eine Frau um die sechzig, in einem gestreiften Cardigan, mit einer Lesebrille auf der Nasenspitze. Hinter ihr, am Küchentisch, saß Jonas — bleich, mit einem Aktenordner vor sich und einem Blatt Papier in der Hand, das leicht zitterte.

„Nadine?", hat er gesagt, und seine Stimme kippte.

Die Frau im Cardigan hieß, wie ich später erfuhr, Frau Brandes. Es war die ehemalige Vermieterin von Jonas' verstorbenem Vater — eine Wohnung in Ingelheim, die niemand von uns kannte, weil Jonas' Vater sie vor seinem Tod heimlich vermietet und die Mieteinnahmen nie versteuert hatte. Zwölftausend Euro Steuerschuld, die jetzt, nach dem Tod des Vaters vor vier Monaten, auf Jonas zukamen — Erbe heißt eben auch: man erbt die Löcher mit. Jonas hatte Angst gehabt, es mir zu sagen, weil wir gerade erst die letzte Rate für unser Auto abbezahlt hatten und er dachte, ich würde ausrasten, wenn ich von der zusätzlichen Schuld erfahre. Er war seit drei Wochen heimlich zu Frau Brandes gefahren, hatte mit ihr die alten Mietverträge durchsucht, um irgendwie eine Lösung mit dem Finanzamt zu finden, bevor er es mir überhaupt erzählte.

Ich habe auf der Türschwelle gestanden, die Handtasche noch in der Hand, und mir kam absurderweise in den Sinn, dass ich am Morgen vergessen hatte, den Müll runterzubringen.

„Zwölftausend Euro", habe ich gesagt. Nicht als Frage. Nur um es laut zu hören.

Jonas hat genickt — nein, nicht genickt, er hat mit der Hand über die Papiere gestrichen, als könnte er die Zahl darauf kleiner reiben. „Ich wollte erst eine Lösung finden. Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst."

Frau Brandes hat sich diskret in die Küche zurückgezogen, den Wasserkocher angestellt, obwohl niemand nach Tee gefragt hatte.

Was danach kam, war kein großes Drama, kein Geschrei im Treppenhaus. Wir sind zusammen nach Hause gefahren, schweigend, der Nachbarshund hat gebellt, als wir aus dem Auto gestiegen sind. Am Küchentisch, unter der Lampe, die schon seit Monaten einen Wackelkontakt hatte, hat Jonas mir den ganzen Ordner hingelegt: Mietverträge, Kontoauszüge, den Brief vom Finanzamt Mainz.

Ich habe nicht geweint und ich habe ihm auch nicht vergeben, im Sinne von: die Sache war erledigt. Ich habe etwas anderes gemacht. Ich habe am nächsten Morgen bei meiner Bank angerufen und unser gemeinsames Tagesgeldkonto — auf das ich seit Jahren monatlich zweihundert Euro eingezahlt hatte, ohne dass Jonas je einen Cent dazugetan hätte — in ein Konto nur auf meinen Namen umwandeln lassen. Viertausendsechshundert Euro standen darauf. Ich habe Jonas den Kontoauszug auf den Tisch gelegt, neben seinen Aktenordner.

„Die Steuerschuld ist deine", habe ich gesagt. „Die zahlst du von deinem Konto. Ratenweise, mit dem Finanzamt, wie es sich gehört. Das hier" — ich habe auf den Auszug gezeigt — „ist meins. Für den Fall, dass du beim nächsten Mal wieder denkst, du müsstest mich vor etwas beschützen, indem du mir nichts sagst."

Er hat nichts erwidert. Er hat nur den Ordner zugeklappt und die Steuerbescheinigung obenauf gelegt, so dass die Zahl zwölftausend nach oben zeigte. Draußen vor dem Fenster hat der Kastanienbaum im Wind ein paar Blätter verloren, und der Hund von nebenan hat wieder angefangen zu bellen, obwohl es schon fast neun Uhr abends war.

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