Der silberne Frühstücksteller flog in einem Bogen, den keine Mathematik jemals vorhergesehen hatte, und zersprang an der raumhohen Glasscheibe über dem Frankfurter Mainufer. Rühreierklumpen rutschten über die Scheibe und hinterließen fahle Streifen, die im Morgenlicht kurz golden schimmerten, ehe sie auf dem hellgrauen Natursteinboden aufklatschten. Eine Orangenpresse, noch halb voll, landete auf dem Wollteppich und saugte sich langsam voll. Der Toast segelte wie eine Spielkarte an der Marmorkonsole entlang und blieb mit der Butterseite nach unten liegen.
Keiner im Zimmer zuckte.
Die Pflegekraft hatte die Hände leicht erhoben, als stünde sie vor einem scheuen Tier. Die persönliche Assistentin hielt ihr Tablet mit beiden Händen umklammert, die Knöchel weiß. Die Krankenschwester in blassblauer Dienstkleidung schloss für einen Moment die Augen, als hätte sie das Klirren seit Wochen erwartet.
Helena Falkenrath, Gründerin der Falkenrath-Gruppe, Mehrheitseignerin von vier Bürotürmen, die ihr vom Mainkai aus den Rücken zuwandten, und in Wirtschaftskreisen noch immer „die Eiserne von Frankfurt“ genannt, hatte seit vier Tagen nichts gegessen.
Es lag nicht daran, dass sie nicht schlucken konnte.
Die Ärzte hatten ihr nach dem zweiten Schlaganfall die gesamte rechte Körperhälfte gelähmt, aber der Schluckreflex war intakt. Sie hatte beschlossen, dass es reichte.
„Schaffen Sie das weg“, sagte sie, und ihre Stimme war ausgebrannt und beinahe sanft. „Alles. In die Küche. Ich will es nicht mehr sehen.“
Die Pflegerin bückte sich nach der Scherbe.
Helena drehte den Rollstuhl mit der linken Hand, so behutsam, als würde sie ein letztes Mal ein Rad justieren, und starrte auf die Stadt hinunter. Unter ihr glitten die Bahnen des Hauptbahnhofs winzig und leise wie Spielzeugzüge aneinander vorbei. Am Eisernen Steg drängten sich Touristen, die sie nicht kannten. Irgendwo in der Innenstadt saßen Männer in Konferenzräumen, die sie geplant hatte, diskutierten über Zahlen, die sie einst im Alleingang bewilligt oder gestrichen hatte. Hier oben aber, auf der dreiunddreißigsten Etage des Falkenrath-Turms, war sie ein Problem, das verwaltet wurde.
Ein Körper, den man hob.
Eine Stimmung, die dokumentiert wurde.
Eine Unterschrift, die man auf das Ende der Woche verschob, wenn der Chefarzt noch einmal vorbeischaute und der Blutdruck vielleicht etwas höher lag.
Die Fahrstuhltüren glitten um zehn vor neun mit einem kaum hörbaren Summton auseinander, und Simon Keller trat heraus, in der einen Hand einen abgewetzten Metallwerkzeugkasten, in der anderen die winzige, klebrige Hand seiner Tochter.
Auf der dreiunddreißigsten Etage hatte ein Hausmeister nichts verloren.
Simon arbeitete seit elf Jahren im Falkenrath-Turm. Er wusste, welche Rohre im Winter anfingen zu singen, welche Klimazentrale ab sechsundzwanzig Grad den Dienst verweigerte und in welcher Tiefgaragenecke das Regenwasser immer drei Finger hoch stand, bevor die Pumpen ansprangen. Er kannte den Bau so, wie Seeleute die Strömungen unter der Wasseroberfläche kennen: an feinen Vibrationen, an Gerüchen, die sich vor einer Störung veränderten.
Aber das Penthouse war eine andere Welt.
Die Teppichböden im Vorflur waren so dick, dass Simons Arbeitsschuhe darin versanken, ohne ein Geräusch zu machen. Die Deckenspots warfen ein Licht, das nirgendwo blendete. Es roch nach Zedernholz, nach gebügelter Bettwäsche und nach etwas, das er nur als die Abwesenheit von Eile beschreiben konnte.
„Papa“, flüsterte Clara und schaute den langen, stillen Flur hinunter, „warum ist es hier so leise?“
„Weil die Leute hier oben extra für Ruhe bezahlen“, sagte Simon.
Clara musterte ihn mit diesem ernsten Gesicht, das sie immer aufsetzte, wenn Erwachsene ihrer Meinung nach erklärten, was sie längst kapiert hatte.
„Wir bezahlen nicht extra“, sagte sie.
„Nein“, gab Simon zu. „Tun wir nicht.“
Er drückte ihre Hand fester und ging weiter.
Der Auftrag war kurz vor sieben reingekommen: Zuluftstörung im Nordwesttrakt, vermutlich verstopfte Sekundärklappe, die Innentemperatur driftete. Normalerweise hätte er die Leiter genommen, die Klappen durchgezogen, die Meldung quittiert und sich den nächsten Defekt vorgenommen.
Aber der Kindergarten hatte dichtgemacht. Ein Wasserrohrbruch in der Waschküche, das halbe Stockwerk stand unter Wasser. Seine Mutter lebte fünfundvierzig Kilometer entfernt, Frau Öztürk aus dem dritten Stock lag mit einem Bandscheibenvorfall flach. Er hatte Gerald Voss angerufen, den Gebäudemanager, und Gerald hatte diesen Seufzer ausgestoßen, den er für Situationen reservierte, in denen er bereits jetzt bereute, jemals vom selbstständigen Handwerk in die Immobilienverwaltung gewechselt zu sein.
„Nimm sie mit“, hatte Gerald gesagt. „Und Simon?“
„Ja?“
„Um Gottes willen, pass auf, dass sie nichts anfasst.“
Simon hatte diesen Satz auf der Fahrt nach oben dreimal Wort für Wort wiederholt. Clara hatte alle drei Male mit einer Andacht genickt, die gar nichts bedeutete.
Die Wohnungstür öffnete sich, bevor Simon ein zweites Mal klopfte.
Die Frau, die vor ihm stand, mochte Mitte fünfzig sein, perfekt frisiert, aber mit diesem Erschöpfungsgrau unter den Augen, das keine Foundation abdeckt. Sie trug ein dunkelblaues Kostüm und einen ihrer Arme lag so eng am Körper, dass das Tablet wie ein Schild vor ihrer Brust saß. Sie musterte Simon, den Werkzeugkasten, dann Clara.
Ihr Gesicht durchlief eine Reihe von Ausdrücken, ohne dass sie einen davon festhielt.
„Ich hab mich angekündigt“, sagte Simon schnell. „Simon Keller, Haustechnik. Gerald Voss hat es freigegeben.“
„Ja“, sagte sie. „Marianne Dorn. Ich bin die persönliche Referentin von Frau Falkenrath.“
Clara hob die Hand, als stünde sie vor einer Klassenlehrerin. „Ich heiße Clara. Ich bin sechs. Mein Papa macht Sachen wieder ganz, die kaputt sind.“
Marianne Dorn blickte auf das Kind hinab, und für den Bruchteil einer Sekunde schob sich etwas Weicheres hinter die Müdigkeit.
„Davon könnte man hier oben einiges gebrauchen“, murmelte sie, trat zur Seite und ließ sie eintreten.
Die Penthouse-Wohnung war gigantisch und hatte dennoch das Raumklima einer Gruft hinter Buntglas.
Drei Himmelsrichtungen gaben die Glasfronten frei, und die Stadt lag unter ihnen wie ein beleuchtetes Modell, an dem jemand vergessen hatte, die Menschen einzusetzen. Unter den Füßen zog sich kühler Stein dahin, unterbrochen von Sesseln, die aussahen, als wären sie mit Museumsbändern abgesperrt. Alles war klinisch sauber, alle Winkel waren bewusst gesetzt, und nichts, aber auch gar nichts, fühlte sich bewohnt an.
Simon sah zuerst das Tablett auf dem Boden neben der Fensterfront, dann den Rollstuhl und dann die Frau darin.
Sie saß halb abgewandt, die linke Hand um die Lehne gekrampft, die Knöchel so hart, als wollte sie das Metall verbiegen. Ein Seidenkimono mit Kranichmuster fiel ihr lose über die Schultern, und das silberfarben gesträhnte Haar lag so schwer auf dem Rücken, dass es wie eine zweite, nach unten ziehende Kraft wirkte. Sie war noch immer eine eindrucksvolle Erscheinung – die Presse nannte sie früher „Frankfurts schärfste Klinge“ –, aber dieser Eindruck hatte jetzt etwas Sprödes, als läge über allem ein hauchdünner Riss, der sich jeden Moment ausweiten könnte.
Marianne Dorn senkte ihre Stimme, als sie an Simon vorbeiging. „Frau Falkenrath wartet. Der Techniker ist da, wegen der Lüftung.“
Helena drehte sich nicht um.
In dieser Bewegung, dieser schieren Verweigerung, etwas zur Kenntnis zu nehmen, das sie nicht ausdrücklich angefordert hatte, lag eine so machtvolle Schroffheit, dass Simon unwillkürlich seinen Atem flacher werden fühlte. Aber Clara, die Angst für einen Umweg hielt, den man sich sparen konnte, wenn man einfach die Wahrheit sagte, trat einen Schritt vor und musterte die Rühreispuren an der Scheibe.
„Hast du dein Frühstück an die Wand geworfen, weil es nicht lecker war?“
Das Zimmer stand still, als hätte jemand den Ton abgedreht.
Simons Magen machte einen Satz nach unten, den er bis in die Fersen spürte.
„Clara—“
Helena Falkenrath drehte den Kopf.
Ihre Augen waren von einem seltsam fahlen Blau, fast wie das Eis auf einem Kanal, der kurz vor dem Brechen steht. Sie glitten zu Clara, dann zu Simon, dann wieder zu Clara zurück, und in ihnen stand kein Ärger, nicht einmal echte Überraschung. Eher die leise Verwunderung einer Frau, die jahrelang Geld, Personal und dicke Türen zwischen sich und die Welt geschoben hatte und nun ein winziges, unerschrockenes Wesen mitten in ihrem Zimmer stehen sah.
„Was“, sagte Helena, und ihre Stimme war spröde wie Pergament, „ist das?“
„Meine Tochter“, sagte Simon. Er war bereits dabei, den Abgrund zu berechnen, in den sein Gehalt gleich stürzen würde. „Es tut mir leid. Der Kindergarten ist abgesoffen. Keine Betreuung. Gerald hat es genehmigt –“
„Ich heiße Clara“, sagte Clara noch einmal, denn sie fand, dass Erwachsene manchmal eine zweite Runde brauchten, um wichtige Dinge wirklich zu begreifen. „Und ich hab bloß gefragt, ob das Rührei eklig war.“
Marianne Dorn schloss die Augen, als stände sie an einem Gleis und sähe den Zug kommen, ohne die Strecke sperren zu können.
Simon kniete sich zu Clara hinunter. „Du bleibst genau hier. Kein Geräusch, kein Anfassen, kein Reden, außer jemand spricht dich direkt an. Hast du verstanden?“
Clara sah ihn mit gekränkter Würde an. „Sie hat mich doch angesprochen. Ein bisschen jedenfalls.“
Ein Zucken lief um Helenas Mundwinkel.
Es war kein Lächeln. Noch nicht. Aber es war das erste Anzeichen, dass unter dem Frost noch etwas Lebendiges pulste.
Simon machte sich am Deckenauslass im Westflügel zu schaffen, legte sein Werkzeug mit einer Effizienz aus, die aus einem Leben stammte, in dem jeder Fehler Geld kostete, das er nicht besaß. Hinter seinem Rücken hörte er das vorsichtige Atmen des Personals, das kaum merkliche Quietschen von Helenas Rollstuhl, als sie ihr Gewicht verlagerte.
Clara wanderte zwei Hälse weiter, als ihr Vater erlaubt hatte, und blieb vor einem schmalen Beistelltischchen direkt am Fenster stehen.
„Da ist eine Blume“, verkündete sie in die Stille hinein.
Dort stand tatsächlich ein kleiner, türkisfarbener Blumentopf, aus dem eine einzelne Vergissmeinnicht-Pflanze wuchs. Die hellblauen Blütenblätter leuchteten so zart, als wären sie aus Regenwasser und Porzellan geblasen. Das Pflänzchen stand direkt neben dem Platz, an dem man das Tablett hätte abstellen können, und sah aus, als wäre es in all dem Chaos das einzige Ding, das nicht weggestellt worden war.
„Nicht anfassen“, sagte Simon, ohne sich umzudrehen.
„Fass ich doch gar nicht an“, sagte Clara. „Ich guck nur.“
Sie betrachtete die Blume aus nächster Nähe, atmete den hauchdünnen, süßen Duft ein und sah dann mit großen, vollkommen arglosen Augen zu Helena hinüber.
„Wer hat dir die geschenkt?“
Das war die Frage, die alles veränderte. Nicht, weil sie klug oder besonders war, sondern weil sie in einer Wohnung voller Protokolle und Dienstpläne und unterzeichneter Fürsorgevereinbarungen die einzige war, die Helena Falkenrath an diesem Morgen nicht erwartet hatte.
Die Pflegerin machte einen Schritt nach vorn, aber Helena hob die linke Hand, nur zwei Finger, und die Pflegerin blieb wie angewurzelt stehen. Helenas Blick lag auf dem Vergissmeinnicht, und für eine Sekunde brach hinter den graublauen Augen etwas auf, das tiefer saß als der Zorn der letzten Tage.
Sie wusste nicht, warum sie antwortete.
„Ein Kind“, sagte sie leise. „Ein Mädchen. Sie heißt Lena, und sie wird bald zehn. Sie hat mir die Blume geschickt, weil sie dachte, ich hätte vielleicht niemanden, der mir zum Geburtstag Blumen schenkt.“
Clara nickte, als sei das absolut nachvollziehbar. „Und was hast du ihr geschenkt?“
Helena atmete langsam aus, und es klang wie ein Riss in altem Stoff.
„Nichts“, sagte sie. „Ich habe ihr nichts geschenkt, weil ich Lena vor drei Jahren das letzte Mal gesehen habe. Seitdem will sie mich nicht mehr sehen. Meine Enkelin hält mich für einen kalten Stein. Was sie nicht unrecht hat, vermutlich.“
Clara legte den Kopf schief. „Glaub ich nicht. Du siehst traurig aus, nicht kalt. Kalte Steine gucken anders. Die hab ich mal im Museum gesehen, die lächeln gar nicht.“
Marianne Dorn trat einen Schritt näher, das Tablett schützend vor der Brust. „Frau Falkenrath, ich glaube, Sie sollten sich nicht aufregen. Der Techniker ist jetzt bald fertig, und dann –“
„Gehen Sie“, sagte Helena, und ihre Stimme klang auf einmal nicht mehr spröde, sondern schneidend. „Lassen Sie mich mit dem Kind reden, wenn ich das möchte. Das ist mein Haus, Frau Dorn, oder bilde ich mir das bloß ein?“
In Mariannes Gesicht schlug die Müdigkeit in blankes Entsetzen um. So hatte Helena seit Wochen nicht mehr gesprochen. Mit ihr schon gar nicht.
Simon, der mittlerweile die Klappe aufgezogen und den Filter geprüft hatte, drehte sich um. Er spürte, wie sich die Gewichte im Raum verschoben. Die Pflegekraft wich an die Wand zurück, die Krankenschwester fingerte an ihrem Telefon, aber Helenas Hand lag jetzt ruhig auf der Lehne, und ihre Augen hielten Clara fest.
„Simon Keller, ja?“, sagte Helena, plötzlich ganz Geschäftsfrau. „Können Sie mir einen Gefallen tun? In meinem Nachttisch liegt ein Notizbuch, dunkelrot. Bringen Sie es mir. Bitte.“
Simon warf einen Blick zu Marianne Dorn, die jetzt mit den Lippen eine Bewegung formte, die nach Nein aussah, aber er nickte, legte den Schraubenzieher weg und ging durch die halboffene Tür ins Schlafzimmer. Nicht einmal die Pflegerin wagte es, ihn aufzuhalten.
Er kam mit einem abgegriffenen Lederbuch zurück, auf dem in Goldprägung die Initialen H.F. standen. Helena blätterte mit der linken Hand langsam, aber sicher die eingeklebten Karteikarten durch, bis sie eine Nummer fand.
„Mein Handy“, sagte sie zu niemand Bestimmtem.
Die Pflegerin zögerte. Helena sah sie nur an.
Das Handy lag in Helenas Hand.
„Sie haben mich vor drei Tagen überreden wollen, eine Generalvollmacht zu unterschreiben, Frau Dorn“, sagte Helena, während ihre Finger über das Display glitten. „Erinnern Sie sich? Sie und der junge Herr Falkenrath junior, mein Neffe. Sie meinten, ich sei nicht mehr im Stande, mich um meine Geschäfte zu kümmern. Und Sie haben die Ärzte gebeten, die Mahlzeiten nur noch dann anzubieten, wenn ich danach fragte, nicht wahr? Weil eine geschwächte Patientin besser unterschreibt.“
Marianne Dorn bekam einen Mund, der aufging, aber keiner kam mehr raus.
„Ich habe Sie seit vier Tagen nicht nach Essen gefragt, weil ich es nicht wollte“, fuhr Helena fort. „Aber ich hätte es tun können, und Sie hätten es mir vermutlich verweigert, nicht? Um mir zu ‚helfen‘?“
Die Assistentin wankte einen Schritt zurück.
„Raus“, sagte Helena. „Sie sind fristlos entlassen. Die Abfindung können Sie sich von meinen Anwälten holen, wenn Sie wollen, aber ich denke, wir wissen beide, wie Ihr Verhalten vor einem Gericht aussähe. Und jetzt gehen Sie, bevor ich hier anfange, lauter zu werden, als Sie je erlebt haben.“
Marianne Dorn raffte ihr Tablett an sich, warf einen letzten, hasserfüllten Blick auf das Vergissmeinnicht und verschwand durch die Tür, ohne sie zu schließen. Ihre Schritte auf dem Flur entfernten sich so schnell, dass sie fast rannte.
Helena wartete, bis die Aufzugtüren zuschlugen. Dann tippte sie eine Nummer. Das Freizeichen quakte viermal.
„Ja?“, meldete sich eine helle, misstrauische Kinderstimme.
„Lena“, sagte Helena, und ihre Stimme brach zum ersten Mal. „Ich bin’s, Oma. Ich weiß, ich soll nicht anrufen, aber … ich hab deine Blume bekommen. Sie steht hier neben mir, und ein kleines Mädchen hat mich gefragt, wer sie mir geschenkt hat, und ich hab geschwiegen, weil ich mich so schäme. Ich wollte dir nur sagen: Danke. Und dass es mir leid tut. Und dass ich dich gern sehen würde, wenn du das irgendwann möchtest. Nur einmal, ich will dir nichts aufdrängen. Nur einmal Kuchen essen, oder – einfach nur dasitzen. Wenn du magst.“
Es war still in der Leitung, dann ein leises Schniefen. „Oma? Weinst du?“
Helena lachte, und es klang wie ein Motor, der nach Jahren im Winter widerwillig ansprang. „Ja, vielleicht. Ist mir peinlich, aber es ist wahr. Kannst du jetzt bitte deinen Papa ans Telefon holen? Ich möchte mit ihm über morgen Nachmittag reden, wenn er nichts dagegen hat. Ich kenne ein Café am Main, da backen sie die besten Zimtschnecken der Stadt, und die Leute stört es überhaupt nicht, wenn eine alte Frau mit Rollstuhl den ganzen Tisch blockiert. Meinst du, das wäre etwas?“
Am anderen Ende der Stadt stieß ein zehnjähriges Mädchen einen kleinen Jubellaut aus, der nichts mit Worten zu tun hatte, aber alles miteinander klärte.
Helena legte auf, und das Handy rutschte in ihren Schoß. Dann sah sie zu Clara hinüber, die immer noch neben dem Vergissmeinnicht stand und die winzigen Blütenblätter mit der Fingerspitze nachzog, ohne sie wirklich zu berühren.
„Du hast gesagt, du fasst nichts an“, bemerkte Simon, der zwischen Bewunderung und väterlichem Reflex schwankte.
Clara zuckte mit den Schultern. „Ich fass doch nicht an. Ich denk nur nach, wie sowas so blau sein kann, ohne Batterie oder Strom. Das ist fast wie Zauberei.“
Helena wandte den Rollstuhl ganz zu dem Mädchen um.
„Ihr bleibt zum Frühstück“, sagte sie. „Keine Widerrede. Ich werde jetzt frühstücken. Und ich werde es nicht an die Wand werfen. Ich will Rührei, aber nicht das von vorhin – frisches. Und O-Saft, und Toast, und Kaffee, stark, und für die kleine Dame eine heiße Schokolade mit viel mehr Sahne, als gesund ist. Danach regeln wir ein paar Dinge mit meinem Neffen, und dann sehen wir weiter. Aber erst mal das Frühstück. Frau Becker?“
Die Pflegerin, die sich die letzten Minuten mit großen Augen an der Wand gehalten hatte, zuckte zusammen. „Ja, Frau Falkenrath?“
„Die Küche. Bitte. Der Techniker bleibt auch, er hat mir nämlich gerade mehr repariert als einen Luftfilter. Kann man seine Tochter in die Gebäude-Kita einschreiben? Hat der Turm nicht unten eine?“
„Hat er, ja“, sagte Simon, der nicht glauben konnte, was gerade passierte.
„Registrieren Sie es“, sagte Helena. „Morgen ist Montag, ich will keinen einzigen Tag mehr, an dem jemand, den ich mag, seine Arbeit nicht machen kann, weil die Kinderbetreuung zusammenbricht. Bezahlt von mir. Und jetzt – Frühstück. In zehn Minuten. Verschwinden Sie.“
Die Pflegerin, die Krankenschwester und Simon – alle drei setzten sich in Bewegung, weil Helenas Tonfall keinen Raum für Zweifel ließ. Nur Clara blieb kurz vor dem Fenster stehen und sah zu, wie die Sonne das Blau des Vergissmeinnichts in leuchtendes Himmelblau verwandelte.
„Deine Enkelin mag dich“, sagte sie ruhig.
„Woher willst du das wissen?“
„Weil sie dir das Blaueste geschenkt hat, was es gibt“, sagte Clara. „Das schenkt man nur Menschen, an die man den ganzen Tag denken will, auch wenn es schwer ist. Das hab ich mal in einem Buch gelesen. Tolle Logik, oder?“
Helena Falkenrath, die Eiserne von Frankfurt, griff nach dem Serviertablett, das die Pflegerin vor sie hinstellte, nahm die Gabel, stach ein winziges Stück Rührei ab und führte es mit ruhiger Hand zum Mund.
Es war das erste Mal in vier Tagen, dass ein Bissen sie nicht anwiderte.
Es war das erste Mal seit Monaten, dass er tatsächlich nach etwas schmeckte – nach Butter, Salz, Frühling.
„Tolle Logik“, wiederholte sie leise, und dann aß sie weiter.
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