Sie fanden einen Zettel auf dem Tisch: Mama, es ist alles in Ordnung, ich bin im Märchen!

– Du hast gesagt, sie würde nicht mehr lange leben”, sagte die junge Frau nervös und zerknüllte eine Serviette in ihren Händen.
– Es ist nur eine Frage der Zeit. Die Diagnose ist tödlich.
– Ich will sie nicht mehr sehen.

Der Arzt sah die junge Frau an und erkannte, dass das Baby ein Fehler ihrer Jugend war. Aber er fuhr fort:
– Ihre Tochter wartet auf Sie.
– Ich will nicht zusehen, wie mein Baby stirbt. Gibt es noch Hoffnung?
– Ich weiß es nicht. Vielleicht hält das kleine Mädchen durch, um ihre eigene Mutter zu sehen.
– Ich werde eines Tages da sein. Das werde ich.
– Mom kommt auf jeden Fall?
– Ja, du wirst schon sehen.
– Ich bin sehr froh.

Das kleine Mädchen saß am Fenster und hielt Ausschau nach ihrer Mutter. Ein kahler Kopf. Blasse Haut. Eingefallene, traurige Augen. Hier gab es viele Kinder wie Julia. Sie warteten auf ihren Geburtstermin.
– Yulenka, es ist Zeit, ins Bett zu gehen. Alle schlafen jetzt”, sagte die Krankenschwester und streichelte dem Mädchen über den kahlen Schädel.
– Ich warte auf meine Mutter.
– Sie wird sicher kommen.
– Na gut, dann eben nicht.

Die Krankenschwester gab ihr Tabletten und brachte das Mädchen zum Schlafen.

Julia schaute in den Mond und rief nach ihrer Mutter. Sie wünschte sich so sehr, sie zu sehen. Ein einziges Treffen würde ihr den ganzen Schmerz und die Angst nehmen. Heiße Tränen liefen ihr über die Wangen und ihre Brust schmerzte vor Schmerz. Sie wischte sich die Tränen weg und sagte zu sich selbst: “Wenn sie es versprochen hat, wird sie auch kommen.” Das Mädchen konnte kein Auge zutun und schaute auf die Szenerie vor dem Fenster, bis sie eine Katze und eine Eule vor dem Fenster sah.

Die Katze fragte sie:
– Warum schläfst du nicht?
– Du träumst…
– Bist du nicht einmal überrascht, dass die Katze mit dir spricht?
– Ich bin überrascht, dass du hier bist, denn Kindermädchen lassen hier niemanden rein.
– Dürfen Eulen rein? – ? fragte die Eule ?
– Eulen sind auch nicht erlaubt”, murmelte sie.
– Wir wollen dir helfen”, mischte sich die Katze in das Gespräch ein.
– Aber wie? Keiner kann mir helfen, außer meiner Mutter.
– Hier helfen sie nicht, aber im Märchen…!
– Welches Märchen? – Das Mädchen war erstaunt.

– Über Ellie und Totoshka. Dort kam das Mädchen ins Wunderland und fand Freunde. Wir werden unser eigenes Märchen machen. Wir sind doch Freunde, nicht wahr? – murmelte die Katze.
– Ich muss auf meine Mutter warten.
– Julia, hast du schon mal darüber nachgedacht, was der Tod ist?
– Ja, das ist der Morgen, an dem ich nicht mehr aufwachen kann.
– Du wirst bald sterben, aber im Märchen wirst du ewig leben”, sagte die Eule.
– Aber ich will meine Mutter sehen!
– Deine Mutter wird sich freuen, wenn du mit uns kommst. Kannst du den schwarzen Vogel sehen? Sie nennen sie Herrin der Leere. Sie wird bald zu dir kommen. Es ist besser, wenn du mit uns kommst, im Märchen ist es viel interessanter.
– Wie kann ich meiner Mutter sagen, dass ich jetzt im Märchen bin?
– Wir werden ihr einen Brief schreiben!

Julia ging auf den Korridor hinaus. Es roch nach Medizin und Einsamkeit.
– Wie kommst du ins Märchen? – fragte Julia die Katze, die vor ihr herlief.
– Wir müssen nach draußen gehen, und dort werden wir es herausfinden.
– Aber wir haben keine Kleider an!
– Oh, nicht so schnell. Die Herrin der Leere ist da! – rief die Eule.

Dem Mädchen wurde schlecht, als es die schwarze Gestalt sah.
– Vielleicht kann ich in den Himmel kommen? – fragte Yulia.
– Es gibt keinen Himmel und keine Hölle. Es gibt nur Leere.
– Ich werde sie aufhalten, und du nimmst das Mädchen! – rief die Katze der Eule zu.
– Ich will an das Märchen glauben! Ich weiß, wie man dorthin kommt. Folge mir!” rief das Mädchen.
– Was hast du dir dabei gedacht?
– Wir brauchen einen Zug!

Julia rannte zur Wand, wo ein Bild von einem Zug mit drei Waggons hing. Die Tiere schauten aus allen Fenstern und lächelten. Ihr Lächeln war jedoch ein Grinsen, bei dem ihnen der Sabber aus dem Mund tropfte.
Ein Spatz, der in einem halbleeren Waggon saß, rief Julia zu sich. Das Mädchen drehte sich um, betrachtete den herannahenden Schatten und sprang hinein.
– Halt, Julia!”, rief die Krankenschwester.
– Mutti! – rief Julia und sprang vom Fenster herunter.
– Viktor Stepanowitsch, wir haben sie nicht gerettet. Sie ist direkt auf den Felsen gefallen!
– Beruhige dich und warte auf die Polizei. Räumt an Ort und Stelle auf und übermalt den schrecklichen Zug neben dem Fenster”, sagte der Direktor.
– Er hat mir immer Angst eingejagt…
– Na los, mein Lieber. Heute lasse ich dich am Arbeitsplatz Cognac trinken.

Julia, das Mädchen. Geboren im Jahr 2000. Todestag: 6. Dezember 2006. Diagnose: Leukämie. Todesursache: aus dem Fenster gesprungen. Sie fanden einen Zettel auf dem Tisch: “Mama, alles ist in Ordnung, ich bin im Märchen!”

 

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